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„Faust II“ im Schauspiel Frankfurt : Am Ende ein helles Licht im Inneren

Wolfgang Michael spielt in der Tragödie zweitem Teil den Faust - in Frankfurt Bild: Röth, Frank

Dann und wann ist er im „Tatort“ zu sehen. Wolfgang Michael spielt demnächst die Hauptfigur in Goethes „Faust II“. Derzeit wird das Stück am Frankfurter Schauspielhaus geprobt.

          Im „Tatort“ spielt er gelegentlich den Hauptverdächtigen, der dann doch nicht der Täter ist. Und in Warschau am Theater derzeit einen Vampir aus der Spezies der Nosferatu in einer Adaption von Bram Stokers Klassiker „Dracula“. Auf Polnisch. Nicht dass er dieser Sprache mächtig wäre. Aber den Text hat er dennoch zügig gelernt. Und ein leichter Akzent mag der Rolle zudem in Polen einen spezifischen Charakter geben, zumal schon Murnaus Stummfilm „Nosferatu - Eine Symphonie des Grauens“ eine unverwechselbar deutsche, expressionistische Auffassung des Blutsauger-Themas verriet. Jetzt wird Wolfgang Michael, 1955 geboren und seit 2009 Ensemblemitglied am Frankfurter Schauspielhaus, hier einen deutschen Helden oder, wenn man so will, Anti-Helden par excellence darstellen. Dabei hat es ihn, wie er sagt, nie gedrängt, als Faust auf der Bühne zu stehen. Schon gar nicht in der Tragödie zweitem Teil.

          Michael Hierholzer

          Kulturredakteur der Rhein-Main-Zeitung.

          In diesem ungeheuren Textmassiv scheint sich die Figur zu verlieren, aufzugehen in allegorischen oder symbolischen Anspielungen. Ein ausuferndes Werk. Oft als bloßes Lesedrama verstanden. Peter Steins Komplettversion steht einzigartig da in der Theaterlandschaft. In der Regel sind die Regisseure davon überzeugt, das Stück lasse sich nur in einer Strichfassung inszenieren. Goethe hat, so der Eindruck, nach der Gretchen-Tragödie einen idealtypischen Faust-Charakter gezeichnet, der durch alle möglichen Bildungwelten reist, aber kaum noch als Person zu fassen ist. Und doch soll in Frankfurt, wo am 15. September, einen Tag nach dem ersten Teil, Günter Krämers Deutung von „Faust II“ zu sehen sein wird, die Titelgestalt nicht als reine Kunstfigur ein von allen Realitäten abgehobenes Theaterleben führen. Eine Entwicklung soll sichtbar werden, die den zweiten Part mit dem ersten enger verbindet, als gemeinhin angenommen wird. Aber der „Faust“-Darsteller wird ausgewechselt. Wolfgang Michael kommt im ersten Teil, den Stefan Pucher inszeniert, nicht vor.

          Eine Erlösungssehnsucht

          Aber gerade auch in der hochkomplexen, extrem artifiziellen Fortsetzung des noch vom Geist des Sturm und Drang durchdrungenen Dramas geht es um den Pakt mit dem Teufel, um die Frage, ob Faust jemals zum Augenblick sagen kann: Verweile doch, du bist so schön! Womit er die Wette verloren, aber womöglich so etwas wie seine Seelenruhe gefunden hätte. „Man spürt in dem Text einen Drang, irgendwo hinzukommen, etwas zu erreichen, eine Besessenheit, eine Obsession, eine Erlösungssehnsucht“, sagt Wolfgang Michael und zündet sich noch eine Zigarette an. Er umkreist gedanklich die Rolle, die er zu spielen hat, mäandert gedanklich um ihren Gehalt. Sie sei nicht leicht in den Griff zu bekommen, gibt er zu. Aber obwohl es nicht zu seinen schauspielerischen Träumen gehörte, den Faust zu geben, hat er ihn gepackt. Gerade auch, weil er einen echten Menschen auf die Bühne stellen soll, stellen will. „Es gibt auch eine realistische Ebene. Die muss es geben. Sonst ist das ganze Ding nicht zu kapieren und auf die Bühne zu hieven.“ Die Figur müsse psychologisch begreifbar werden. Es sei seine Aufgabe, dem Publikum das Gefühl zu vermitteln, es wohne realen Vorgängen bei, die in sich einen Symbolgehalt transportieren.

          “Ich hab das Stück gelesen, aber mir kam es immer wie ein Comic vor“, gesteht der Schauspieler. Goethes Mammutwerk habe ihn als Gedanke, als Experiment, als Literatur sehr interessiert. Aber das „Scherenschnittartige“ habe ihn in dramatischer Hinsicht stets abgeschreckt. „Die ganzen Bezüge, die im Text stecken, kann man auf der Bühne gar nicht herausarbeiten. Was macht man mit Faust II, mit einem so überbordenden Altmännerwerk, wenn man das auf die Bühne bringen will?“ Man schafft eine Fassung, die sich auf bestimmte Motive und Handlungsstränge beschränkt. In Frankfurt konzentrieren sich Regisseur und Schauspieler auf die Helena-Geschichte, auf die Beziehung zwischen Faust und Mephistopheles, auf die Episode der Landgewinnung. Mummenschanz, Kaiser, die klassische Walpurgisnacht kommen nicht vor. Philemon und Baucis schon, der Abstieg Fausts zu den sagenhaften Müttern nur auf eine indirekte Weise. Und am Schluss ist es auch nicht das Ewigweibliche, das uns hinanzieht.

          Eine Art von Rettung

          “Wenn man genauer in den Text hineinhorcht, kann man schon mit unterschwelligen Psychologien arbeiten. Sonst ist man relativ schnell fertig mit der Figur, sie hat nicht wirklich eine Entwicklung, sie hat einen Impuls aus sich heraus, aber es spielt sich nicht viel ab“, sagt Wolfgang Michael. Stirbt Faust als glücklicher Mensch? „Ich würde sagen: ja, jein, ja.“ Nachdem er von der Sorge geblendet worden sei, äußere Faust den Satz: „Allein im Inneren leuchtet helles Licht.“ Das habe mit einer Abkehr von der Realität zu tun. Seine Phantasie, das Land, das er gewonnen hat, urbar zu machen, lasse ihn auf eine Weise glücklich werden. „Man weiß nur nicht, ob er an diesem Punkt nicht schon ein bisschen verrückt ist. Das bedeutet aber auch eine Art von Rettung.“

          Wolfgang Michael schaut nachdenklich auf den Frankfurter Verkehr. „Diese Stadt ist auch schwer in den Griff zu kriegen“, meint er. Hierher ist er aus Wien geflüchtet. Wien, sagt er, habe er nicht länger ertragen. Aber auch in Frankfurt muss er nicht wirklich heimisch werden. Er kommt zum Arbeiten an den Main. Sein richtiges Leben lebt er in Berlin.

          Quelle: F.A.Z.

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