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Main-Taunus-Kreis : Dreimal Gretchen für einen Faust

Textarbeit: Junge Bewerber schlagen vor dem Casting noch einmal im Text nach. Bild: Michael Kretzer

Im Hofheimer Landratsamt sprechen Jugendliche für ein interkulturelles Theaterprojekt vor. Was die Schauspieler nach dem Casting erwartet, ist keine leicht Kost: gespielt wird ein Klassiker.

          Blauäugig, blond und blutjung – äußerlich bringt die 17 Jahre alte Anne Groß aus Eschborn alles mit, was ein klassisches Gretchen für die Theaterbühne an Attributen aufweisen sollte. Schwarzhaarig und eher der rassige Typ bietet die 19 Jahre alte Theaterwissenschaftsstudentin Lisa Koblitzek für diese Rolle das Kontrastprogramm. Und im Plenarsaal des Hofheimer Landratsamt, wo üblicherweise der ehrenamtliche Kreisausschuss tagt, wälzt sich schon ein weiteres Gretchen auf dem Boden. Bente Gossel aus dem Hofheimer Stadtteil Lorsbach leidet gerade so ausdrucksstark im imaginären Kerker, dass sie von den fünf Juroren des Castings sofort ein Ja für die engere Auswahl erhält.

          Heike Lattka

          Korrespondentin der Rhein-Main-Zeitung für den Main-Taunus-Kreis.

          „Du bist dabei“, sagt der langjährige frühere Theaterlehrer der Schwalbacher Albert-Einstein-Schule, Gerd Müller-Droste, der gemeinsam mit Theatermacherin Liora Hilb vom Theater La Senty Menti für den fachlichen Part eines ungewöhnlichen Vorhabens verantwortlich ist. Jugendliche aus dem gesamten Main-Taunus-Kreis waren aufgerufen, sich für die Teilnahme an dem Theaterprojekt für Deutsche und Zugezogene zu bewerben. Das ausgewählte Stück ist keine leichte Kost – Goethes „Faust“.

          Monolog des Teufels studiert

          Mit 26 000 Euro aus dem Kulturkoffer des Landes Hessen wird dieses erste Theaterprojekt des Kreises laut Schuldezernent Wolfgang Kollmeier (CDU) gefördert, das einen interkulturellen Ansatz verfolge. Die Idee hatte der afghanischstämmige Profifußballer Modjieb Jamali, der als Flüchtling nach Schwalbach kam und die Schüler seiner Fußballschule fürs Theaterspielen interessierte.

          Auch wenn laut Müller-Droste die Rollen von Mephisto und Faust gleich dreimal besetzt werden, mindestens zwei verschiedene Gretchen bei der Aufführung in dieser freien Adaption auf der Bühne stehen, müssen bei rund 40 Bewerbern für 20 Rollen doch auch einige Interessenten vertröstet werden. Immerhin aber können sie den Chor oder das technische Personal verstärken.

          Die 15 Jahre alte Ruba Mortada stört dieser Druck nicht. Die in Schwalbach geborene Libanesin, von Papa Hussein mit dem Auto zum Casting ins Landratsamt gebracht, beschäftigte sich bisher zwar noch nicht intensiv mit Faust – aber der Mephisto hat es dem zarten Mädchen mit Kopftuch angetan. Sie hat einen Monolog des Teufels studiert und will ihn vortragen. „Sie ist sehr selbstbewusst und steht gerne auf der Bühne“, gibt sich der Vater zuversichtlich.

          Wenig mit Gretchen gemein

          Doch vor den Juroren legt sich gerade ein weiterer weiblicher Mephisto ins Zeug, umschwirrt jene Hexe, die mit einem undefinierbaren kroatisch/russisch anmutenden Akzent für einen ersten Höhepunkt sorgt. Spontan gibt es von der Jury für diesen Dialog aus der Hexenküche Applaus. Und insbesondere Hexendarstellerin Sandra Markart mit albanischen Wurzeln dürfte im Rennen um diesen Part weit vorne liegen.

          Gretchen-Aspirantin Anne Groß sieht die Auftritte der Konkurrenz nicht, sinniert aber über die Bedeutung von Faust in der heutigen Zeit nach. Noch immer sei es schwer als Alleinerziehende mit Kind, die Gesellschaft habe sich da nicht verändert. Sie sei ja eher emanzipiert, habe trotz ihres naiven Äußeren wenig mit Gretchen gemein: „Ich würde mich selbst nie so abhängig von einem Mann machen“, hebt sie hervor – und taucht erst einmal wieder in das Textbuch ein, weil das dritte Gretchen auf ihren Auftritt noch warten muss.

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