Die Vormittagschicht ist vorbei, die Profis von ERintracht Frankfurt schlurfen vom Trainingsplatz. Sebastian Jung sammelt die umherliegenden Bälle ein und schultert sie in einem großen Netz. „Sebi“, wie ihn alle Welt nennt, 22 Jahre alt, ist einer der Shootingstars in der Mannschaft. Im November ist er zum ersten Mal von Bundestrainer Jogi Löw in die deutsche Nationalmannschaft berufen worden - der Ritterschlag schlechthin für einen jungen Fußballer. Jetzt steht Sebastian Jung vor einem entscheidenden Schritt in seiner Karriere. In den nächsten Wochen wird er wohl seinen ersten richtig großen Vertrag unterschreiben, bei der Eintracht oder anderswo.
Doch das befreit den Rechtsverteidiger nicht von der Pflicht, den Kollegen hinterherzuräumen. „Das ist von der Kreisliga bis in die Bundesliga so, die Jüngsten haben das zu machen“, sagt er achselzuckend. „Einen Bruch hebt man sich dabei nicht.“ Typisch für ihn in der notorisch nervös-aufgeregten Fußballwelt: kein großes Aufhebens machen um Alltagsdinge, immer locker bleiben, alles halb so wild. Jung gehört zu der angenehmen Sorte Fußballprofi, denen Imponiergehabe und Theatralik auf dem und abseits des Rasens fremd sind. Seine Vita hat ihm ein gerüttelt Maß an Bodenständigkeit und Heimatverbundenheit verliehen.
Ohne Abkürzung auf einem holprigen Weg
Den Job des Bälle-Einsammlers macht er schon recht lange; der Königsteiner gehört seit knapp vier Jahren zu den Jüngsten der Eintracht-Profis. In ihrem Kreis ist Jung, der als Achtjähriger in den Verein eintrat, seit dem 8. März 2009. An diesem Tag ließ der damalige Trainer Friedhelm Funkel den damaligen Bäckerlehrling aus personeller Not heraus zu einem Spiel nach Bielefeld nachreisen. Von der Backstube in die Bundesliga: Was klingt wie ein Fußballmärchen, ist erarbeitet durch Fleiß und Willen. Jung hat nicht den leichtesten Weg genommen, Abkürzungen gab es keine, holprig war es mitunter, aber von der Spur abgekommen ist er nie.
Seine Ausbildung begann Jung bei einem Königsteiner Bäckermeister, einem Freund seiner Eltern, die in der Nachbarschaft der Bäckerei eine Wäscherei betreiben. Warum Bäcker? Es war buchstäblich naheliegend. Fortan klingelte der Wecker werktags um 3.30 Uhr, um 4 Uhr stand Jung im Betrieb. „Das war halt so.“ Samstags ging es sogar meist schon um 2 Uhr los. „Heute bin überhaupt kein Frühaufsteher mehr. Ich schlafe aus, wenn ich kann.“ Er kann es immer noch genießen, wenn seine Arbeitstage als Fußballprofi mit der ersten Trainingseinheit um 10 Uhr beginnen.
Brezeln konnte er im Schlaf
In seiner Lehrzeit, sagt Jung, seien seine Kumpels oft gerade erst vom Feiern nach Hause gekommen, wenn er morgens erschöpft aus der Backstube trat. „Das hatte extrem viel mit Verzicht zu tun“, sagt Jung. „Mein Leben hat eigentlich nur aus drei Dingen bestanden: Arbeiten, Trainieren, Schlafen.“ Und die Wochenenden? Da war er mit den Eintracht-Jugendteams oder mit den Juniorennationalmannschaften, die er allesamt durchlaufen hat, auf Achse. Für eine gewisse Zeit spielte und trainierte er bei der Eintracht sogar mit zwei Mannschaften: den A-Junioren und den Eintracht-Amateuren in der Regionalliga. Ein hartes Programm.
Am Samstagmorgen nach getaner Arbeit in der Backstube stieg er häufig in den Bus, nahm darin eine Mütze Schlaf und kam dann gerade rechtzeitig zum Treffpunkt für das nächste Spiel als Fußarbeiter. Von so manchem Turnier in fernen Winkeln Deutschlands kehrten die Nachwuchskicker erst sonntagabends zurück - kurz vor Jungs Dienstbeginn in der Bäckerei. „Gut, dass ich Brezeln buchstäblich im Schlaf konnte“, sagt er lachend. Dennoch: „Es war nicht einfach, die Lehre und Fußball unter einen Hut zu kriegen.“ Jung hielt durch, mit Disziplin in der Backstube, mit Leidenschaft und Hingabe auf dem Fußballfeld.
Eine Torte mit Eintracht-Wappen
Das Arbeitsethos, die Widerstandskräfte hat er sich als Profifußballer bewahrt, trotz der Rundumversorgung, die die Klubs ihren teuren Kickern gewähren. Jung ist ein nimmermüder Kämpfer auf dem Rasen, ein Quälgeist für jeden Gegenspieler, laufstark, robust, nicht unterzukriegen. „Ich weiß, was Arbeit bedeutet. Das hat mich bestimmt auch härter gemacht“, sagt Jung. Aber das letzte halbe Jahr der Lehre, fügt er hinzu, „war eine Qual“. Denn da war er schon auf dem Weg zu einer festen Größe bei den Eintracht-Profis in der Bundesliga, hin- und hergerissen zwischen seinen beiden Welten. Den Ehrgeiz befriedigen, alles auf Fußball setzen, jetzt wo die Chance zum Durchstarten zum Greifen nahe ist? Oder weiter Kraft und Zeit in der Backstube lassen und die Lehre parallel dazu abschließen? „Ich bin froh, dass ich die Ausbildung beendet habe. So kann ich notfalls, wenn etwas Unvorhergesehenes passiert, in den Beruf zurückkehren“, sagt Jung. Dass er den Umgang mit Mehl und Zucker und Butter und Eiern nicht verlernt hat, bewies er bei einem Comeback in der Backstube: Zum Abschied des Kollegen Patrick Ochs bastelte Jung eine Torte mit Eintracht-Wappen.
Das Debüt in der Beletage des deutschen Fußballs, wenn der Weg durch das Nadelöhr vom Jugendspieler zum Erwachsenen geschafft ist, ist jedem Spieler fest in der Erinnerung verdrahtet. Bei Jung lief es so ab: Der begabte Nachwuchsmann reiste, nachdem er samstags schon 90 Minuten mit der A-Jugend gespielt hatte, den Profis zum Spiel bei Arminia Bielefeld hinterher. Denn Trainer Funkel hatte, weil sie alle verletzt waren, keine Außenverteidiger mehr in Reserve - außer Jung. Und dann verletzte sich tatsächlich auch noch während der Partie der damalige Platzhirsch auf der rechten Eintracht-Seite, Patrick Ochs. Jung wurde für die verbleibenden 15 Minuten eingewechselt und half das 0:0 zu verteidigen. In den ersten fünf Minuten sei er „sehr nervös gewesen“, sagt er heute. Das habe sich gelegt, als er die „ersten Pässe an den Mann gebracht“ hatte.
Sein Kinderzimmer in Königstein gibt es noch
Eine Woche später stand der Debütant Jung gegen Hoffenheim schon in der Startelf. Einlauf in die Frankfurter Arena vor 51000 Zuschauern, Gänsehaut, Tunnelblick. Hoffenheim legte sofort mit Höchsttempo los. „Unsere Abwehr schwamm“, erinnert sich Jung. Das Spiele endete 1:1. Und Sebastian Jung überquerte als waschechter Bundesligaspieler die Schwelle zu seinem Elternhaus in Königstein. Erst vor kurzem ist er daheim aus- und mit seiner Freundin in eine innenstadtnahe Wohnung in Frankfurt eingezogen. Sein Kinderzimmer in Königstein gibt es aber in Teilen noch, so dass er dort mal auf dem Sofa übernachten kann, die Wurzeln will er nicht kappen.
Oben ankommen ist das eine, oben bleiben das andere. Sebastian Jung hat in seiner jungen Karriere schon vieles richtig gemacht. Vom Bäckerlehrling zum Mitspieler im Millionenspiel Fußball, diesem ewigen Verdrängungswettkampf unter Männern, der hinter der Fassade weit weniger glamourös ist, als er, von außen gesehen, zu sein scheint. Vom Jungspund zur festen Größe in Hessens führendem Fußballunternehmen und darin zu einem der wertvollsten Mitarbeiter. Die Vereine gieren nach regionalem Einschlag in ihren Profitruppen, brauchen Einheimische, die Wiedererkennungswert für die Fans haben und Identifikation stiften. Der Königsteiner Sebastian Jung und der Seeheim-Jugenheimer Sebastian Rhode („Sebi“ und „Seppl“) stehen dafür bei der Eintracht.
Außenverteidiger von Format sind eine rare Spezies
Und dass dies so bleibt, ist dem Klub einiges wert. Jung kann im Sommer gegen eine festgeschriebene Ablösesumme wechseln, dem Vernehmen nach 2,5 Millionen Euro. Kein Problem für betuchte Konkurrenten, wenn im Gegenzug ein Außenverteidiger von Format zu haben ist, eine rare Spezies. Sorgen muss sich Jung keine machen. Die Eintracht will ihn behalten, in der Bundesliga soll er auf dem Wunschzettel vieler stehen und auch internationale Topadressen wie Inter Mailand oder Arsenal London sollen ihn mehr als wohlwollend beobachten.
Jung ficht das äußerlich alles nicht an, er befindet sich schließlich in der Komfortzone. Sein Berater soll mal alles sondieren. Der Königsteiner wirkt in dieser Frage so entspannt, als wüsste er schon längst, was das Richtige für ihn ist. „Ich komme von hier. Ich habe nie behauptet, dass ich unbedingt den Verein wechseln will“, lautet seine Sprachregelung in dieser Angelegenheit. In der Winterpause beginnen die Verhandlungen.
„Ich weiß, wie die Kids fühlen“
Bald sein erstes A-Länderspiel machen und im Verein international spielen, lauten seine beiden wichtigsten beruflichen Nahziele. „Warum sollte ich das nicht bei der Eintracht erreichen können“, sagt er. Beim Fußball-Daddeln auf der Playstation steuert er stets Champions-League-Teilnehmer. Seine Freunde wählen meist die Eintracht und starten mit dem virtuellen „Sebi“ Alleingänge übers ganze Feld. Manchmal zockt er auch gegen Teamkollegen oder gegen Wildfremde im Internet.
Man trifft ihn auch noch regelmäßig in seiner alten sportlichen Heimat, auf dem Sportplatz Altkönigblick. Als Zuschauer. Denn dort kicken einige Kumpels noch für die zweite Mannschaft des 1. FC Königstein. In den Kindern, die sich häufig nicht trauen, ihn anzusprechen oder um ein Autogramm zu bitten, erkennt er sich selbst wieder. Als Jugendspieler im Eintracht-Zentrum am Riederwald habe er oft direkt neben den Profis trainiert. „Da konnte ich nicht einfach so rübergehen, dafür war der Respekt zu groß“, sagt Jung. „Ich weiß, wie die Kids fühlen.“ Sebastian Jung weiß, wo er hinwill, und auch, wo er herkommt.