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Familie Rothschild Sorge tragen für die armen Brüder

06.02.2012 ·  Die Rothschilds waren mit etwa 30 Stiftungen Frankfurts bedeutendste Stifterfamilie. Auf die Wohltäterin Hannah-Louise von Rothschild geht das Carolinum zurück.

Von Hans Riebsamen
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Die Stifterin hat keine Zange in die Hand genommen, um Patienten Zähne zu ziehen. Aber Hannah-Louise von Rothschild war sich durchaus nicht zu schade dafür, regelmäßig in der zahnärztlichen Abteilung der von ihr gegründeten „Heilanstalt Carolinum“ persönlich zu helfen. Alten Frankfurtern ist das Carolinum, wie die Heilanstalt nach ihrer Einrichtung 1890 in einem Gebäude an der Bürgerstraße, der heutigen Wilhelm-Leuschner-Straße, bald nur noch genannt wurde, ein Begriff. Manch einer hat sich in dieser traditionsreichen Zahnklinik sein Gebiss sanieren lassen.

1971wurde das Carolinum, das seit der Gründung der Universität 1912 zur Universitätsklinik gehört, in Zentrum der Zahn-, Mund- und Kiefernheilkunde umbenannt. Träger dieser Einrichtung blieb jedoch die Stiftung Carolinum. Das wird sich nun ändern. Denn das Zentrum der Zahnheilkunde soll künftig als GmbH innerhalb des Uni-Klinik arbeiten, allerdings wird es weiter durch die Stiftung, die das Zentrum finanziell nicht weiter tragen kann, gefördert.

Einrichtungen haben Nazi-Zeit überlebt

Mit der Gründung der Heilanstalt Carolinum erwies sich Hannah-Luise, eine der größten Wohltäterinnen aus dem Hause Rothschild, als eine medizinische Pionierin. Das Carolinum war die erste Poliklinik mit angeschlossener Zahnfürsorge in Deutschland. Es entstand, wie der Stadthistoriker Hans-Otto Schembs in einem Vortrag über Hannah-Louise von Rothschild im Institut für Stadtgeschichte jetzt ausführte, zu einer Zeit, in der die zahnärztliche Behandlung noch wenig entwickelt war. Ein Zahnarzt galt zwar nicht mehr als Quacksalber oder Scharlatan, aber Krankenkassen und Sozialversicherung kamen damals nur in geringem Maße für Zahnbehandlungen auf. Und wer mittellos war, konnte nicht auf Unterstützung des Armenamtes rechnen. Die Carolinum-Stiftung der Hannah-Louise von, die nie geheiratet hat und kinderlos blieb, kam da genau richtig.

Erstaunlicherweise haben Stiftung und Carolinum die Nazi-Zeit überlebt. Zwar musste Professor Erich Feiler, der jüdische Leiter des Hauses, seine Posten aufgeben. Und auch alles, was in der Klinik und in der Satzung an die Stifterin erinnerte wurde damals entfernt. Doch den Namen durfte die Einrichtung behalten. Carolinum, so argumentierte der Vorstand gegenüber der nationalsozialistischen Stadtregierung, sei schließlich kein jüdischer Name, und außerdem sei er beim Publikum und in der Wissenschaft gut eingeführt. Nach dem Krieg würdigte die Präambel der neugefassten Satzung wieder die Stifterin und deren Vater Mayer CarlvonRothschild, den Chef der hiesigen Rothschild-Bank, der die dritte Generation der Frankfurter Bankierfamilie repräsentierte.

Bis heute Nachwirkungen

Dessen Frau Luise hat Hannah-Luise und ihre anderen Töchter von Kindheit an auf Wohltätigkeit verpflichtet. Gott habe, so stellte sie in einer ihrer Sabbat-Reden an die Kinder klar, den Rothschilds ihren Reichtum nicht zur ausschließlichen Befriedigung ihrer eigennützigen Bedürfnisse verliehen, sondern habe die Familie beauftragt, „für unsere armen Brüder Sorge zu tragen“. Hannah-Luise hat sich ihr Leben lang dieser Verpflichtung gestellt und ist als Frankfurter Wohltäterin in die Geschichte eingegangen - ohne allerdings ihre Taten öffentlich darzustellen.

Nachwirkungen zeitigen bis heute ihre zwei großen Stiftungen: das Carolinum und die Rothschild-Bibliothek. Auch mit ihrer Büchereigründung betrat sie damals Neuland. Nach englischen Vorbildern gestaltete sie diese als „free public library“, deren Aufgabe darin bestand, breiten Bevölkerungsschichten Aufklärung und Bildung zu vermitteln. In großen und bequemen Leseräumen fanden die Nutzer verständliche Kataloge vor, zugängliche Handbibliotheken und einen großen Bestand an Büchern. In ihren Öffnungszeiten orientiere sich die „Freiherrlich Carl von Rothschild’sche öffentliche Bibliothek“ an der Ecke von Bethmannstraße und Großem Hirschgraben an den Bedürfnissen der arbeitenden Bevölkerung. An Werktagen hielt die Stifterin die fünf Lesesäle mit ihren 70 Plätzen bis 20 Uhr geöffnet, und sogar am Sonntag waren diese von 9 bis 13Uhr zugänglich.

Wegen der Inflation sprang die Stadt ein

Zur Stiftung wurde die Bibliothek erst nach Hannah-Luises Tod 1894, im Rothschildpalais am Untermainkai, dem heutigen Jüdischen Museum, fand sie ein neues Domizil. Nach dem Ersten Weltkrieg und der aus ihm erwachsenen Inflation konnte sich die Institution zunehmend weniger aus den Stiftungserlösen finanzieren, und so sprang die Stadt ein und gliederte die Rothschild-Bibliothek in ihr Büchereiwesen ein.

Nach der Machtübernahme verfügten die Nazis eine Namensänderung in „Bibliothek für neuere Sprachen und Literatur“. Die Stadtbibliothek machte 1944 das Rothschildpalais zu ihrem Hauptsitz und blieb dort bis 1967. Die alte Rothschild-Bibliothek, die 1945 ihren alten Namen wieder annehmen konnte, wurde in die Stadt- und Universitätsbibliothek eingegliedert. Dort sind bis heute zahlreiche Bände aus der Privatbibliothek von Mayer Carl von Rothschild, der Büchersammlung seiner Frau Luise und auch Kostbarkeiten aus dem Besitz ihrer Tochter Hannah-Luise zu finden.

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Jahrgang 1954, Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

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