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Drohende Abschiebung : Nach Jahren wieder Angst

Zukunft unsicher: Krischma Kapoor arbeitet in der Küche eines Kindergartens in Königstein. Bild: Michael Kretzer

Eine Hindu-Familie aus Afghanistan hat in Königstein ein neues Zuhause gefunden, doch nun droht die Abschiebung. Der Bürgermeister und eine Pfarrerin wollen das verhindern.

          Die vergangenen Jahre, auf die Krishma Kapoor zurückblicken kann, erscheinen als Geschichte einer gelungenen Integration - so wie es Politiker immer wieder von Flüchtlingen gefordert haben: Im Juni 2013 kam die Frau aus Afghanistan mit zwei Söhnen, Karan und Sahil, nach Deutschland, ihr Mann Krishan Kapoor folgte eineinhalb Jahre später. Nun lebt die Familie seit mehr als drei Jahren in Königstein, ihr neues Zuhause ist ein Mehrgenerationenhaus. Alle vier haben nach der Ankunft angefangen, mit der Unterstützung eines Helferkreises Deutsch zu lernen. Krishma Kapoor arbeitet in der Küche eines städtischen Kindergartens, die Söhne, 14 und 18 Jahre alt, besuchen eine Haupt- und Realschule in Königstein, der ältere steht kurz vor der mittleren Reife.

          Jan Schiefenhövel

          Freier Autor in der Rhein-Main-Zeitung.

          Doch diese Geschichte könnte ihr Ende finden durch ein Stück Papier, ein Schreiben des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (Bamf). Darin heißt es, die Asylanträge der Mutter wie der beiden Söhne seien abgelehnt; die Entscheidung für den Vater steht noch aus, weil er später eingereist ist. Das Amt verlangt, dass die drei innerhalb von 30 Tagen Deutschland verlassen. Vor gut einer Woche kam das Schreiben an.

          In Afghanistan eine Minderheit

          Das wollen Freunde, die die Familie in Königstein gefunden hat, nicht hinnehmen. Bürgermeister Leonhard Helm (CDU) setzt sich ebenso für die Flüchtlinge ein wie die evangelische Pfarrerin Katharina Stoodt-Neuschäfer und Ehrenamtliche aus dem Helferkreis. Helm versteht nicht, dass Menschen, „die so lange da sind und die so integriert sind“, nun wieder weggeschickt werden. Da sei etwas „völlig schiefgelaufen“. An ihrer Arbeitsstelle in der Küche des Kindergartens sei Frau Kapoor „eine Stütze“. Sie sei auch bestrebt, sich im Kollegenkreis der städtischen Mitarbeiter einzufügen, dabei sei sie engagierter als mancher Alteingesessene. So seien persönliche Bindungen entstanden.

          Auch die Pfarrerin empfindet es als „krass ungerecht“, dass die Familie das Land verlassen soll. Man habe einen Anwalt eingeschaltet, der Erfahrung mit der Vertretung von Flüchtlingen habe. Eine Klage habe wenigstens eine aufschiebende Wirkung.

          Helm sieht noch einen weiteren Grund, warum die Kapoors nicht abgeschoben werden dürfen: Sie sind Hindus, und diese Religionsgemeinschaft bildet in Afghanistan eine kleine Minderheit. So sind diese Gläubigen in einer besonders schwierigen Lage in jenem Land, wie der Bürgermeister meint. Dort ist in den vergangenen Monaten ohnehin der Bürgerkrieg zwischen der Regierung und islamistischen Kämpfern wieder aufgeflammt, viele Zivilisten fallen den Kämpfen zum Opfer.

          Familie lebte in Hindu-Tempel

          Deshalb haben sich einige Bundesländer entschieden, keine Afghanen mehr abzuschieben. So habe das Bundesamt die falsche Entscheidung getroffen, Hindus nach Afghanistan zurückzuschicken, sagt Helm: „Wo ist die Prüfung im Einzelfall?“ Um eine Abschiebung zu verhindern, nutzt der Bürgermeister seine politischen Kontakte, zum Beispiel zum Flüchtlingskoordinator der Landesregierung, Axel Wintermeyer, einem Parteifreund.

          In ihrer Heimat habe sie immer Angst gehabt und sich nicht aus dem Haus getraut, berichtet Frau Kapoor. Wegen der Bedrohung hätten die Kinder nicht in die Schule gehen können. Schließlich habe die Familie ihre Wohnung aufgegeben und für Jahre in einem Hindu-Tempel gelebt, ergänzt Susanne Müller-Hess. Die Mitarbeiterin im städtischen Sozialamt engagiert sich auch ehrenamtlich für Flüchtlinge.

          In Königstein viel gelernt

          Stoodt-Neuschäfer empfindet es als grotesk, wenn das Bundesamt die Ansicht vertritt, die Kapoors seien in ihrer Heimat sicher. Denn sie hätten sich in den Tempel zurückgezogen, gerade weil sie bedroht gewesen seien. Die Pfarrerin empört sich auch darüber, dass die Entscheidung des Bundesamts über Bleiberecht oder Ablehnung erst jetzt gefallen ist. Es sei widersinnig, die Geflüchteten dreieinhalb Jahre auf diesen alles entscheidenden Beschluss warten zu lassen. Erst im vergangenen Sommer seien sie von Mitarbeitern des Amts angehört worden, um ihre Fluchtgründe zu schildern. Das sei deshalb nicht nachvollziehbar, weil die Familie schon 2013, also vor der Vielzahl der Flüchtlinge des Jahres 2015, eingetroffen sei.

          So lebe die Familie nun wieder in Angst, wie die Mutter sagt. Derweil denkt der achtzehnjährige Sohn Karan daran, was die Zufluchtsstätte ihm schon gegeben hat: „Königstein ist für mich wie eine Mutter“ - weil er in dieser Stadt so viel gelernt habe.

          Quelle: F.A.Z.

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