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Fall Wevelsiep : 8400 Euro für einen Schlag ins Gesicht

Kläger: Derege Wevelsiep spricht von Misshandlungen durch die Polizei, was diese bestritt. Ein Beamter ist nun wegen Körperverletzung im Amt verurteilt. Bild: Rainer Wohlfahrt

Der im Fall Wevelsiep angeklagte Polizist soll 8400 Euro zahlen. Er hat den Deutschäthiopier verletzt, davon ist der Richter überzeugt. Erledigt ist die Sache damit wohl nicht.

          Nach einer aus dem Ruder gelaufenen Fahrscheinkontrolle hat ein Polizist mindestens einmal zugeschlagen und einen Mann im Gesicht verletzt: Davon ist Amtsrichter Peter Alexander Pulch überzeugt. Er verurteilte den 33 Jahre alten Beamten Matthew S. wegen Körperverletzung im Amt und Beleidigung zu einer Geldstrafe von 120 Tagessätzen zu je 70 Euro. Damit entschied er zumindest vorerst einen Fall, der bundesweit für Aufsehen und für Proteste gegen Rassismus gesorgt hatte und der eigentlich nicht zu entscheiden ist - bei dem jedenfalls jeder Beobachter froh sein kann, dass er es nicht muss. Polizeipräsident Gerhard Bereswill sagte angesichts des Urteils, es handele sich um einen Einzelfall, der nicht dazu führen dürfe, dass die professionelle Arbeit der gesamten Frankfurter Polizei in Frage gestellt werde. Sie verstehe sich als Teil der weltoffenen und multikulturellen Stadt Frankfurt. An ihrer Unparteilichkeit und Neutralität gebe es keine Zweifel.

          Denise Peikert

          Freie Autorin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Am Abend des 17. Oktober 2012 war an der U-Bahn-Station Bornheim-Mitte ein Streit um einen möglicherweise ungültigen Fahrschein entbrannt. Bald schon ging es nicht mehr allein darum. Der aus Äthiopien stammende, 43 Jahre alte Derege Wevelsiep und eine Kontrolleurin der Verkehrsgesellschaft bezichtigten sich aufgebracht gegenseitig der Beleidigung, die Frau sagte so etwas wie „Wir sind hier nicht in Afrika“, und Wevelsiep soll entgegnet haben: „Wir haben nicht mehr das Jahr 1942.“ Die herbeigerufenen Polizisten nahmen eine Anzeige der Kontrolleurin gegen Wevelsiep auf. Der hatte seinen Ausweis nicht dabei, die Beamten beschlossen, Wevelsiep vorläufig festzunehmen und zu ihm nach Hause zu fahren, zu seinem Ausweis. Am Polizeiwagen, sagt Wevelsiep, sei er von Matthew S. beleidigt und mehrfach geschlagen worden. Der Polizist und seine Kollegen sagen, so war es nicht. Wevelsiep habe sich gewehrt und sei beim Einsteigen mit dem Kopf gegen das Auto geschlagen.

          Ein bemerkenswertes Urteil

          Wenn es stimmt, was Wevelsiep sagt, wie will er dann beweisen, dass es so ist, da alle Zeugen sagen, es war nicht so, oder es war zumindest nichts zu sehen? Und wenn es stimmt, was der Polizist sagt, wie will er beweisen, dass die Verletzungen Wevelsieps nicht von einem Schlag stammen? Wie will er anreden gegen den Verdacht, die Polizisten leugneten die Schläge nur, weil sie sich gegenseitig deckten? Amtsrichter Pulch hielt es mit der Wahrheit, die „wie immer“ in der Mitte liege. Nur, dass das in diesem Fall nicht stimmt, wie er indirekt selbst bewies: „Ich gehe von einem Schlag ins Gesicht aus“, sagte Pulch in seiner Urteilsbegründung. Er glaube nicht daran, dass Wevelsiep die Vorwürfe erfunden habe, und er glaube nicht an die Aussage der Polizisten, die alle die Verletzung in Wevelsieps Gesicht gesehen haben wollen, nicht aber, wie sie entstand. Das ist eben genau nicht die Mitte, in der die Wahrheit angeblich liegt. Es ist ein Bekenntnis dazu, dass Pulch sie auf der Seite Wevelsieps sieht, auch wenn der sich mit seinen Äußerungen gegenüber der Kontrolleurin „völlig unangemessen“ verhalten und schnell die „Ausländerkarte“ gezogen habe.

          Bemerkenswert ist das Urteil in jedem Fall: Weil derlei Vorwürfe gegen Polizisten selten zu einer Verhandlung und noch seltener zu einem Urteil führen, und weil dem Richter am Ende nicht viel mehr geblieben ist als der Glaube an die Redlichkeit Wevelsieps. Denn zuvor hatten die Aussagen von Sanitätern und Ärzten zumindest Zweifel daran gelassen, dass dessen Verletzungen zu seinen Schilderungen passen. Blut im Urin? Nur per Teststreifen nachzuweisen, Ursache unklar. Eine Nierenverletzung gab es nicht. Die Wunde im Gesicht? Ein Riss ohne Schwellung, nach einem Faustschlag ungewöhnlich. Die Gehirnerschütterung? Nur auf Grundlage von Wevelsieps Angaben diagnostiziert.

          Urteil wird wohl angefochten

          Es bleibt aber nach zwei Verhandlungstagen die Ahnung, dass der Abend vor gut zwei Jahren anders gelaufen wäre, hätte Wevelsiep weiße Haut. Es ist zwar falsch, wenn der Anwalt des Ingenieurs, der auch Nebenkläger ist, von „Racial Profiling“ spricht, also der gezielten Kontrolle ausländisch aussehender Menschen - schließlich mussten die Beamten wegen der Anzeige die Personalien Wevelsieps aufnehmen. Aber es ist fraglich, so sagte es sogar der Verteidiger des Polizisten, ob eine Durchsuchung Wevelsieps und seine vorläufige Festnahme nötig waren, um die Sache zu klären. Einer der Polizisten sprach in seiner Aussage stets von einem „Pass“. Dass Wevelsiep in Besitz eines deutschen Personalausweises ist, dürfte er nicht angenommen haben, wie es der Richter formulierte. Hanebüchen sind auch die Worte der Fahrscheinkontrolleurin. Sie gab zu, „wir sind hier nicht in Afrika“ gesagt zu haben, betonte aber gleichzeitig, das habe nichts mit der Hautfarbe Wevelsieps zu tun - und wies überflüssigerweise darauf hin, sie habe Afroamerikaner in ihrem Freundeskreis.

          Ob das Urteil Bestand hat, ist fraglich, dass es angefochten wird, wahrscheinlich. Nach Überzeugung der Staatsanwältin hat es drei Schläge und zwei Tritte des Polizisten gegeben, weshalb sie eine Verurteilung zu einer sieben Monate langen Bewährungsstrafe forderte. Der Verteidiger des Beamten dagegen plädierte auf Freispruch. Er sah keine Anhaltspunkte dafür, dass alle vier beteiligten Polizisten lügen, und sagte, es sei „völlig offen, was passiert ist“. Beide Seiten wollten sich nicht festlegen, ob sie gegen das Urteil vorgehen.

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