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F.A.Z.-Spendenaktion Eine Nacht in der Notfall-Ambulanz für Kinder

 ·  Sonntagabend in der Notfall-Ambulanz des Clementine-Kinderhospitals - eine ganz normale Nachtschicht. Die Uhr zeigt kurz vor halb neun. Im Vorraum warten zwei Kinder, ein schon größerer Junge mit seiner Mutter.

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Sonntagabend in der Notfall-Ambulanz des Clementine-Kinderhospitals - eine ganz normale Nachtschicht. Die Uhr zeigt kurz vor halb neun. Im Vorraum warten zwei Kinder, ein schon größerer Junge mit seiner Mutter. Und ein jüngerer Bub mit seinem Vater. Goldig sieht er aus, dunkler Lockenschopf, große Knopfaugen. Zum Knuddeln. Aber er ist schlapp, so richtig schlapp. Im Sprechzimmer hängt der Kleine wie ein nasser Lappen im Arm seines Vaters. Seit Tagen muß er spucken, ißt wenig, trinkt nichts, es kommt alles wieder raus. Zwischendurch war es besser, nach einem Zäpfchen. Eine Magen-Darm-Infektion. Die geht gerade um.

Die Assistenzärztin hat sie selber schon gehabt, hat sich angesteckt - im Dienst. Der fängt samstags, sonntags und feiertags am späten Nachmittag an und dauert bis zum nächsten Morgen. So zwischen neun und zehn Uhr anderntags ist alles getan, dann geht Wiebke Geisel nach Hause. Aber bis dahin ist es noch lange hin. Jetzt diagnostiziert sie erst einmal beim größeren Jungen die Magen-Darm-Infektion und beim jüngeren Jungen auch. Anstandslos läßt er alles mit sich machen. Kein Mucks beim Abtasten des Bauches, kein Mucks beim Blick ins Ohr, kein Mucks beim Schlag des Hämmerchens aufs Knie, dafür beim Zunge-Rausstrecken ein ganz braves, langes "Aaaa".

So einen folgsamen Patienten wünscht sich wohl jeder Kinderarzt. Nicht nur in der Notfall-Ambulanz. Wiebke Geisel hat jedoch eine Engelsgeduld mit ihren Patienten: "Na, wie schnaufst du denn?" Und mit den Eltern: "Hier sind schon einmal die Adressen der diensthabenden Apotheken." Wahrscheinlich hat sie einfach aufgehört, sich zu wundern. Darüber, daß Eltern den Notarzt zu nächtlicher Stunde aufsuchen, obwohl das Kind schon tagelang erkältet ist, längst von einem niedergelassenen Kollegen hätte untersucht werden können. Oder mit einer Lappalie kommen, nur um sich beruhigen zu lassen.

Wie das Ehepaar mit ihrer Tochter, die irgendwie gestürzt ist und sich dabei die Nase gestoßen hat. Quietschvergnügt ist die Kleine. Eine Kindsnase bricht schließlich nicht so leicht. Der Notdienst im "Clemi", in einer Sonntagnacht im Frühwinter, wenn ohnehin alles schnieft und hustet, ist harte Arbeit. Zumal er beides bedeutet: Dienst in der Ambulanz und auf den Stationen. "Draußen sitzt noch ein Kind, zweieinhalb Jahre, vierzig Grad Fieber." Die Schwester stürzt rein ins Sprechzimmer und sofort wieder rauf auf die Station. "So, die Kleine erbricht? Ich rufe Sie zurück, habe gerade einen nackten Patienten." Entweder klingelt zudem das Telefon oder die Hausglocke an der Pforte. Oder es ist mehr als "nur" ein kleiner Erkältungspatient: "Da müssen wir Blut abnehmen." Also runter in den Keller, im Labor Blut auf PH-Werte testen, das Blutserum in die Zentrifuge stellen. Es dauert drei Minuten, bis es geronnen ist. Das heißt, hoch zum nächsten Patienten. Und dann wieder runter.

Wiebke Geisel, die junge Assistenzärztin, ist gründlich. Wenn sie meint, sich absichern zu müssen, ruft sie den verantwortlichen Arzt im "Hintergrund" an. Im Fall des Jungen beispielsweise, dessen halbes Gesicht gelähmt ist. Es kann immer etwas ganz Schlimmes dahinterstecken. Und nicht alle Kindernotfall-Ambulanzen im Rhein-Main-Gebiet sind so ausgerüstet, daß sie auf alles sofort reagieren können. Immer noch nicht. Selbst das "Clemi" hat für seine Ambulanz kein Ultraschallgerät, keine Maschine zur Blutgasbestimmung. Von einer eigenen Ambulanz-Schwester, die zur Hand geht, können Wiebke Geisel und ihre Kollegen im Moment nur träumen. Damit kranke Kinder schnell und gut versorgt werden können: Auch dafür bittet diese Zeitung ihre Leser um Spenden.

Der Bub mit der Magen-Darm-Infektion hängt weiter schlapp in den Seilen. Nicht einmal die wenige Flüssigkeit, die ihm der Vater Schluck für Schluck einflößt, kann er bei sich behalten. Auf der Bank draußen im Warteraum. "Frau Doktor" ist streng. Der Vierjährige muß über Nacht bleiben, wird auf der Station eine Infusion bekommen. Nicht weit weg von seinem älteren Bruder. Der liegt schon seit drei Monaten im "Clementine", hatte einen Abzeß im Gehirn. Der Vater ist verzweifelt, die Mutter mit den Nerven fertig - weil zu Hause noch zwei Kinder warten.

Die Uhr zeigt halb elf. Es geht Schlag auf Schlag. Um elf wird der Junge mit der Gesichtslähmung eingewiesen, ein paar Minuten später heißt es: "Ein Krupp-Kind - es muß inhalieren. Haben wir was frei?" Ja, ein Platz zum Inhalieren ist noch frei, aber die Betten sind alle belegt. Wiebke Geisel ist immer noch gelassen. Irgendwann nach Mitternacht sagt sie einmal zwischen Keller und Ambulanz: "Eigentlich müßte ich jetzt auf der Station sein, die Antibiotika-Spritzen geben." CORNELIA VON WRANGEL

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