Es hat nicht viel gefehlt, und Rainer Maltens wäre gestorben. Notarzt, Intensivstation, Beatmung, Lungendrainage - die Kunst der Medizin hat ihn gerettet. Sonst wären die schwere Lungenentzündung und das Wasser im linken Lungenflügel, das ihm die Luft zum Atmen nahm, sein Todesurteil gewesen. „Sie haben Glück gehabt“, sagt Michaela Bracone, die an seinem Bett steht und in seine weit geöffneten Augen schaut, als er mit dem Kopf nickt und immer wieder leise sagt: „Mein Gott, das habe ich.“
Seit einer Woche liegt der 45 Jahre alte Mann auf der Station im Haus 68, dem HIV-Center der Universitätsklinik, wohin er nach seiner Akutbehandlung in einem Hanauer Krankenhaus überwiesen worden war. Michaela Bracone, die Stationsleiterin, besucht ihn. Er ist gerade von einer Computertomographie zurückgekommen, übergibt ihr die Unterlagen mit den neuesten medizinischen Daten.
Rainer Maltens heißt er nur für diesen Text, seinen richtigen Namen möchte er nicht veröffentlicht wissen, auch ein Foto von seinem Gesicht soll es nicht geben. Zum Schutz. Schließlich will er wieder arbeiten gehen, in einem Warenhaus Fernseher und andere Geräte verkaufen, mit Kunden sprechen. Das konnte er gut - bis zu dem lebensbedrohlichen Zusammenbruch. Noch immer klebt ein großes Pflaster auf der Stelle, an der ihm die Drainage gelegt worden war - wie eine Erinnerung an schreckliche Stunden.
Erkrankungen im Magen-Darm-Trakt oder auch Krebs
Menschen, deren Immunsystem durch das HI-Virus schon stark geschwächt ist, bekommen oft Lungenentzündungen. Ihr Körper kann sich nicht mehr wehren - ähnlich wie bei Erkrankungen im Magen-Darm-Trakt, die heftige Durchfälle hervorrufen, oder dauerhaften Hautveränderungen. Wieder andere haben Krebs, werden aber in dieser Station behandelt, weil sie HIV-positiv sind.
„Wir haben eine sehr heterogene Patientenschaft“, sagt Stefan Schilling, einer der drei Stationsärzte. Manche bleiben sechs bis acht Wochen, Schwerstkranke auch vier bis fünf Monate. Der kleine Notfall-Rollwagen mit lebenswichtigen Medikamenten, Beatmungsgeräten und einem Defibrillator gegen Herzstillstand steht immer griffbereit in einer Ecke.
Derzeit liegen zwölf HIV-infizierte Patienten in der Station, drei weitere haben andere Infektionskrankheiten. Als die HIV-Infektion Mitte der achtziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts aufkam und anders als heute nicht behandelbar war, kamen viele Erkrankte ins Haus 68, um dort zu sterben. „Das ist Gott sei Dank nicht mehr so“, sagt die Stationsleiterin. Immer wieder trifft sie ein Stockwerk höher, in der HIV-Ambulanz, Menschen, die auch nach einer stationären Behandlung und dank einer HIV-Therapie wieder nach vorne blicken können. „Dann sehe ich, dass es sich lohnt weiterzumachen.“ Ein Erfolgserlebnis war es für die 43 Jahre alte Frau auch, als sie eine Patientin aus Afrika, die ihre HIV-Infektion für gottgewollt hielt, mit der einfachen wie wirkungsvollen Erkenntnis zu einer Behandlung bewegen konnte: „Wenn Gott nicht gewollt hätte, dass es Medikamente gibt, hätte er sie verhindert.“
Wenn ein Achtzehn- oder Zwanzigjähriger stirbt
Trotzdem gewinnen Michaela Bracone, Stefan Schilling und ihre Kollegen den Kampf gegen Leid und Tod nicht immer. „Manchmal geht es schon an die Substanz“, sagt der Arzt. „Damit muss jeder auf seine Weise fertig werden.“ „Besonders schwer ist es für alle, wenn ein Achtzehn- oder Zwanzigjähriger stirbt und man völlig wehrlos ist“, fügt Bracone hinzu. Die Zahl junger Leute, die als Kind infiziert wurden und stationär behandelt werden müssen, nimmt langsam zu, wie sie beobachtet.
So kann es gut sein, dass die 19 Jahre alte Sarah Henkel bald einen Gleichaltrigen pflegen muss. Die angehende Krankenschwester ist seit drei Wochen auf der Station und hat noch drei Wochen vor sich. Es ist ihr letzter Einsatzblock in einer Station der Universitätsklinik vor dem Examen. „Wenn Patienten den letzten Weg vor sich haben, ist es an uns, ihn so gut wie möglich zu gestalten. Man selbst darf nicht alle Eindrücke mit nach Hause nehmen.“ Sie sieht ihre Arbeit gerade in dieser Station als so sinnvoll an, dass sie sie nach der Ausbildung am liebsten fortsetzen würde. Dass in der Station „ein gutes Team“ arbeitet, wie Stefan Schilling sagt, ist nicht nur eine Behauptung - es stimmt wirklich. Noch ein halbes Jahr, dann ist er Facharzt für Innere Medizin. Dann will er noch die Zusatzqualifikation in Infektiologie erwerben. Im Haus 68, „dem größten Zentrum für HIV-Behandlungen in Deutschland“, kann er als Arzt wirken, aber auch viel lernen.
„Etwas gegen die Ausgrenzung tun“
Für die Patienten sei das Haus mit seiner HIV-Station und der Ambulanz wie eine „Insel“, sagt Bracone. „Hier können sie, die in der Öffentlichkeit Ausgrenzung erfahren, immer offen reden und ohne Scheu alle Fragen stellen, die sie interessieren.“ Von einem normalen Umgang mit HIV-Infizierten sei die Gesellschaft noch meilenweit entfernt, klagt sie. „Das hat etwas damit zu tun, dass die Erkrankung noch weithin mit Schuld behaftet wird, mit Vorwürfen wegen sexueller Praktiken oder Drogenmissbrauchs. Dabei kann HIV jeden Menschen ereilen.“ Ihr komme es darauf an, den Infizierten vorurteilsfrei zu begegnen. „Etwas gegen die Ausgrenzung zu tun ist ein wichtiger Grund, warum ich gerade an dieser Stelle bin.“ Schon seit 15 Jahren leitet Bracone die Ambulanz im Haus 68, seit zwei Jahren auch die Station.
In ihr gibt es zwei Stationszimmer, zwei Zimmer für die Ärzte, ein kleines Labor - und eine große Küche, in der von der Aidshilfe organisierte Gruppen regelmäßig für alle Patienten und Mitarbeiter kochen. „Nur ein Aufenthaltsraum für die Patienten fehlt“, sagt die Stationsleiterin. Er soll mit Hilfe der Spendenaktion dieser Zeitung aber möglichst bald im ersten Stock eingerichtet werden. Dort können sich auch Patienten mit ihren Angehörigen fernab vom manchmal hektischen Stationsalltag treffen.
„Ich merke, wie meine Lebensgeister wiederkommen“
„Manche bekommen nur sehr wenig Besuch“, hat Schwesternschülerin Sarah Henkel festgestellt. Sie und ihre Kollegen sind manchmal die einzigen Gesprächspartner dieser Patienten. Oder der Sozialdienst der Klinik, der regelmäßig vorbeischaut und gemeinsam mit den Patienten bespricht, wie es nach dem Krankenhausaufenthalt weitergeht.
Rainer Maltens, der dabei ist, von seiner schweren Lungenentzündung zu genesen, hat schon viele Zukunftspläne. „Ich merke, wie meine Lebensgeister wiederkommen.“ Zu seiner Zukunft wird aber auch eine HIV-Therapie gehören, die er bisher nicht gemacht hat, obwohl er seit sieben Jahren weiß, dass er infiziert ist. „Mir ging es trotzdem gut.“ Das Virus ist mittlerweile so stark geworden, dass es mit Hilfe von Tabletten in Schach gehalten werden muss - täglich, ein Leben lang.
Maltens will bei einer HIV-Spezialpraxis in Sachsenhausen einen Termin machen. Die drei Ärzte dort haben alle im Haus 68 gelernt. Michaela Bracone ist zufrieden mit der Entscheidung ihres Patienten und will noch einmal intensiv mit ihm darüber sprechen. „Ich möchte, dass er nicht abtaucht.“ Ihr liegt viel am Leben dieses Mannes, wie am Leben eines jeden anderen, der in ihre Station kommt.
Spenden für das Projekt „F.A.Z.-Leser helfen“
Die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ und die „Frankfurter Allgemeine / Rhein-Main-Zeitung“ bitten um Spenden, die der Hilfe für Aidspatienten in der Frankfurter Uniklinik und der Erweiterung einer Kinderstation des Vereins „Ärzte für die Dritte Welt“ in Kalkutta zugutekommen.
Spenden für das Projekt „F.A.Z.-Leser helfen“ bitte auf die Konten:
Nummer 11 57 11 bei der Frankfurter Volksbank (BLZ 501 900 00)
Nummer 97 80 00 bei der Frankfurter Sparkasse (BLZ 500 502 01)
Die Namen der Spender werden in der Zeitung veröffentlicht. Selbstverständlich wird auch der Wunsch respektiert, auf eine Namensnennung zu verzichten. Spenden können steuerlich abgesetzt werden. Allen Spendern wird, sofern die vollständige Adresse angegeben ist, eine Spendenquittung zugeschickt.

