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F.A.Z.-Leser helfen Warum Shazia wieder lachen kann

Der Verein „Pro Interplast Seligenstadt“ hilft Kindern in Kalkutta. Zum Beispiel Shazia, ein Mädchen, das dank dieser Unterstützung bald wieder genesen ist.

© Eilmes, Wolfgang Kann dank der Hilfe der Leser wieder lachen und sich medizinisch behandeln lassen: Shazia Khatoon.

Shazia ist ein fröhliches Mädchen. Im Sankt Thomas Home, einem Krankenhaus nahe der indischen Metropole Kalkutta, fällt sie in dem riesigen Schlafsaal mit ihrem Lachen auf, denn die meisten anderen Patientinnen blicken traurig drein oder sind vollkommen ausdruckslos. Dass sich die Fünfzehnjährige diese Fröhlichkeit bewahrt hat, ist alles andere als selbstverständlich: Denn im März 2011 kam Shazia mit pflaumengroßen Lymphknoten am Hals zu den Medizinern der „Ärzte für die Dritte Welt“, nachdem sie schon vier Jahren vergeblich gegen Tuberkulose behandelt worden war. In Deutschland ist diese Krankheit weitgehend verschwunden, in den Armenvierteln Kalkuttas ist sie allgegenwärtig. In den meisten Fällen helfen allein Medikamente, doch bei Shazia mussten die Lymphknotenpakete, die sie mit sich herumtrug, entfernt werden.

Manfred  Köhler Folgen:

Die „Ärzte für die Dritte Welt“ unternehmen viel in Kalkutta, um der Tuberkulose Herr zu werden. Ihre Behandlung sei, so sagt der dort lebende deutsche Arzt Tobias Vogt, eher ein organisatorisches als ein medizinisches Problem: Man muss vor allem sicherstellen, dass die Slumbewohner über Monate hinweg nach strengen Regeln Tabletten schlucken. Ist dennoch eine Operation nötig wie bei Shazia, so überfordert das jedoch die finanziellen Kräfte der „German Doctors“, die lediglich bescheidene Ambulanzen unterhalten.

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Operiert wird nur gegen Bezahlung

In diesem Fall springt in einer seit Jahren funktionierenden Arbeitsteilung der Verein „Pro Interplast Seligenstadt“, für den diese Zeitung um Spenden bittet, ein. Es fehlt in Kalkutta und der Nachbarstadt Howrah nicht an Krankenhäusern, doch sie operieren nur gegen Bezahlung. Auch im Fall von Shazia trug „Pro Interplast“ die Kosten der Operation im März vergangenen Jahres.

Das Mädchen hat sie gut überstanden, aber mit dem Eingriff war es nicht getan. Die „Ärzte für die Dritte Welt“ stellten die medikamentöse Therapie gegen die Tuberkulose um und bestanden darauf, dass Shazia wegen der Gefahr von Nebenwirkungen unter Beobachtung bleibt. So hat sie nun mit großer Geduld fast das gesamte Jahr 2011 im St. Thomas Home verbracht und auch das ganze Jahr 2012.

Vielleicht kann sie einmal mit dem Handarbeitstraining Geld verdienen

Das Leben in den Armenvierteln Indiens ist rauh. Die Mutter Shazias lebt nicht mehr, eigentlich müsste sich das Mädchen um die vier jüngeren Geschwister kümmern. Das hat nun die Großmutter übernommen. Immerhin war Shazia vor dem überlangen Krankenhausaufenthalt schon acht Jahre zur Schule gegangen, was in Indien keine Selbstverständlichkeit ist. Für die Zeit im Hospital haben ihr die „German Doctors“ die Schulbücher für die neunte Klasse beschafft, und nach einigen Mühen fand sich auch ein Nachhilfelehrer, der sich in ein Tuberkulose-Krankenhaus wagt. Shazia ist fest entschlossen, nach dem Krankenhausaufenthalt wieder zur Schule zu gehen. Seit einiger Zeit nimmt sie außerdem an einem Handarbeitstraining teil. Vielleicht kann sie später mit diesen Fertigkeiten Geld verdienen.

Einmal während der zwei Jahre im Krankenhaus war Shazia kurz zu Hause. Der Weg durch die Millionenmetropole ist weit, er führt erst durch breite, dann schmalere, dann ganz schmale Straßen, zuletzt muss man sich zwischen Häuserwänden durchschlängeln. Ihr Heim ist ein Zimmer an einem Innenhof, dass sie sich mit ihren Geschwistern teilt. Wer hinein will, muss über eine hohe Schwelle steigen, die das regelmäßige Hochwasser im Monsun abhalten soll.

Die Krankheit kann leicht übertragen werden

Das enge Zusammenleben der Menschen in diesen Slums ist der Grund dafür, dass die Tuberkulose nicht ausstirbt; sie wird leicht übertragen. Immerhin übernimmt der Staat die Kosten der Medikamente. Die „Ärzte für die Dritte Welt“ kümmern sich in Howrah um deren Verteilung. Der Verein unterhält kleine Stationen, einem Ladenlokal vergleichbar, in denen in Kartons die Tabletten für jeden Patienten in der Nähe vorgehalten werden. Er muss dann vorbeikommen und sie an Ort und Stelle einnehmen. Würden die Tabletten mit nach Hause gegeben, könnten sie leicht zur Handelsware werden.

Zudem arbeiten die „German Doctors“ bei der Tuberkulose-Bekämpfung auch mit den wenigen einheimischen Medizinern zusammen, die man eigentlich gar nicht so nennen darf. Diese Männer haben keineswegs studiert, sondern sich ärztliches Wissen selbst beigebracht. Es sind aber auch solche darunter, die ihrer Profession durchaus kenntnisreich nachgehen.

„Shazia geht es sehr gut“

Der Verein „Pro Interplast Seligenstadt“ ist in Kalkutta nicht mit einem Büro vertreten. Halten die „Ärzte für die Dritte Welt“ die Operation eines ihrer Patienten für sinnvoll, so beantragen sie die Mittel per E-Mail bei „Pro Interplast“. In den vergangenen Jahren hat sich dabei eine vertrauensvolle Zusammenarbeit herausgebildet, so dass die Genehmigungen zügig erteilt werden.

Wer nach Kalkutta und Howrah kommt, hat rasch den Eindruck, dies sei ein Fass ohne Boden. Wer Mädchen wie Shazia trifft, bei der der Eingriff nun schon mehr als ein Jahr zurückliegt, ist hingegen vom Sinn der Hilfe von „Pro Interplast“ rasch überzeugt. Der fröhlichen Fünfzehnjährigen wurde mit der Operation die Chance zu einem neuen Leben gegeben. Sie ist strebsam, und sie freut sich, dass die Entlassung zum Jahresende näherrückt. Natürlich muss auch sie weiterhin unter bescheidenen Umständen leben. Aber: „Nach ihrem Entlassungstag ist das Thema Tuberkulose, das fünf Jahre ihres Lebens geprägt hat, davon 21 Monate stationär, hoffentlich ein für alle Mal beendet“, sagt der deutsche Arzt Tobias Vogt. „Shazia geht es sehr gut.“

Quelle: F.A.Z.

 
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