http://www.faz.net/-gzg-746gt
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 06.11.2012, 21:16 Uhr

F.A.Z.-Leser helfen Genauere Navigation im Gehirn

Führend in der Neurochirurgie: An der Universitätsklinik kommt ein neues Gerät zum Einsatz, das die Tumorentfernung verbessert. Voraussetzung dafür war ein Prototyp, den unsere Leser mitfinanziert haben.

von Markus Klein
© Eilmes, Wolfgang Genauere Navigation im Gehirn

Es riecht nach Desinfektionsmitteln. Der Kopf des Patienten liegt zwischen zwei Magnetspulen. Innerhalb weniger Minuten entstehen gestochen scharfe Bilder, der Tumor ist deutlich zu erkennen. Auf dem Bildschirm findet sich nun eine Art Karte, mit deren Hilfe sich der Chirurg bei der Operation orientiert. Am Ende werden neue Bilder gemacht und mit den vorherigen verglichen. So kann festgestellt werden, ob das schädliche Gewebe tatsächlich restlos entfernt wurde. Falls nicht, kann weiter operiert werden - ohne den Patienten der Belastung einer weiteren Operation auszusetzen.

In Europa gibt es nur drei solcher Geräte, das einzige in Deutschland steht an der Universitätsklinik Frankfurt. Der Prototyp wurde 2004 von der Aktion „F.A.Z.-Leser helfen“ mitfinanziert. Das Pole-Star N20 kam bei 350 Hirnoperationen zum Einsatz, international anerkannte Studien wurden ermöglicht. Ein Ergebnis veröffentlichte die Fachzeitschrift Lancet Oncology im Oktober. Die Studie zeigt: Patienten, die mit Hilfe des N20 operiert wurden, haben eine höhere Lebenserwartung, da der Tumor häufiger restlos entfernt werden konnte als in der Vergleichsgruppe. Der Hersteller Medtronic verkauft die Geräte mittlerweile weltweit, unter anderem nach China und Thailand.

Mehr zum Thema

Er habe „unkonzentriert und komisch“ gewirkt

Das Team für die Forschung mit dem N20 leitete Christian Senft, der Klinikdirektor Volker Seifert heute bei der Operation assistiert. „Das N20 war sozusagen der erste Daimler“, sagt Senft. Einzigartig sei es, aber technisch ausbaufähig. Daher hat Medtronic nach acht Jahren nun ein Nachfolgegerät entwickelt, das N30. Es wurde vor zwei Wochen in Frankfurt aufgestellt. Die Bildqualität hat sich verbessert. Nun können auch ehemals schwer sichtbare bösartige Tumore erkannt werden. Das hilft besonders bei Operationen von Kindern. Zudem ist es leichter und beweglicher als der Vorgänger, was Zeit und Personal spart.

Herbert Greif (Name geändert), der mit dem neuen Gerät operiert wird, bekam die Diagnose erst fünf Tage vor dem Eingriff. „Ein Schock“, sagt seine Frau. Bis vor drei Wochen hatte der 70 Jahre alte Rentner noch in einer Steuerkanzlei gearbeitet. Auf einmal nahm seine Lesefähigkeit ab, er habe „unkonzentriert und komisch“ gewirkt. Der Hausarzt ging zunächst von einem Schlaganfall aus. Schließlich wurde er doch zur Magnetresonanztomographie geschickt - mit folgenreicher Diagnose: ein bösartiger Tumor an der linken Schläfe. Dort befindet sich das Sprachzentrum, Fehler bei der Operation hätten drastische Folgen für seine Erinnerungs-, Sprach- und Lesefähigkeit. Durch das neue Gerät werde das Risiko minimiert, sagt Seifert. Greif hofft, dass er nach der Operation wieder lesen und schreiben kann. Er muss die Zeit nutzen, denn es ist wahrscheinlich, dass der Tumor zurückkommt.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Krebsforschung Intaktes Knochenmark nach Immuntherapie

Bestrahlungen und Chemotherapien sind für Leukämiepatienten vor einer Knochenmarkspende äußerst belastend. Ziel ist die restlose Beseitigung des körpereigenen Immunsystems. Nun haben Forscher der Stanford-Universität eine schonende Alternative gefunden. Mehr Von Joachim Müller-Jung

29.08.2016, 09:00 Uhr | Wissen
Kampf gegen Krebs Ein maßgeschneidertes Medikament

Das Mediziner-Ehepaar Özlem Türeci und Ugur Sahin aus Mainz forscht an der Behandlung von Krebs. Mit ihrer Firma Biontech entwickeln sie ein auf jeden Patienten individuell zugeschnittenes Medikament. Mehr

29.08.2016, 15:24 Uhr | Wirtschaft
Diskussion um Heilpraktiker Ohne Zulassung und trotzdem erlaubt

Nachdem drei Patienten einer alternativen Krebsklinik gestorben sind, konzentrieren sich die Ermittler auf den Behandlungswirkstoff 3-Bromopyruvat. Es werden Forderungen zur Reformierung des Heilpraktikerwesens laut. Mehr Von Reiner Burger

26.08.2016, 16:54 Uhr | Gesellschaft
Pegasus Schadsoftware bedroht Millionen iOS-Geräte

Eigentlich gelten Apple-Produkte als sicher. Doch vor Kurzem wurde eine Schadsoftware entdeckt, die Hackern vollen Zugriff auf alle Daten ermöglicht. Die Schadsoftware mit dem Namen Pegasus kann auf das Gerät gelangen, wenn Nutzer im Safari-Browser einen präparierten Link anklicken. Am Freitag veröffentlicht Apple ein Update, das die Sicherheitslücke schließen soll. Mehr

28.08.2016, 15:57 Uhr | Wirtschaft
Rätselhafte Ärzte-Sprache Die Dolmetscher für das Medizinerdeutsch

Was hab’ ich? Das will eigentlich jeder Patient über seine Krankheit wissen. Doch allzu oft ist komplett unverständlich, was Ärzte in Befunde schreiben. Wie ein Start-up das ändern will. Mehr Von Andreas Mihm

30.08.2016, 06:24 Uhr | Beruf-Chance

Nur das Nötigste

Von Ralf Euler

Hessen hinkt bei der Sanierung seiner Straßen hinterher. Tarek Al-Wazir will den Etat für die Sanierung um 7 Millionen Euro im Jahr aufstocken. Das ist zu wenig. Mehr 1