„Ich wollte mich einfach nicht damit befassen“, sagt Ida Smith im Rückblick. Als die Schülerin aus Mainz von der Krebserkrankung ihres Vaters erfuhr, war sie 14 Jahre alt. Sie habe damals „alles auf Distanz gehalten“, sei kaum zu Hause gewesen, habe den Vater selten im Krankenhaus besucht und sich meist mit Freunden getroffen. Ihre Mutter Elisabeth hatte nichts dagegen, dachte sie doch: „Soll sie weggehen, dann sieht sie wenigstens das Elend zu Hause nicht.“ Den geliebten Vater leiden zu sehen, setzte Ida jedoch zu. Was auch dazu führte, dass sich die Noten des eigentlich sehr ehrgeizigen Mädchens verschlechterten.
Mit dem monatelangen Krankenhausaufenthalt des Vaters Anfang 2011 hatte sich das Leben der Familie völlig verändert. Denn bis zu seiner Erkrankung hatte Douglas Smith (Name geändert) den Haushalt geführt und sich um die beiden Töchter Ella und Ida gekümmert. Seit er 1993 seine Stelle als amerikanischer Zivilist bei der Army verloren hatte, sorgte seine Frau Elisabeth, die Rechtspflegerin beim Mainzer Amtsgericht ist, überwiegend für den Unterhalt. Als Küster und Hausmeister einer Kirchengemeinde in Mainz konnte der Amerikaner seine Zeit frei einteilen. „Papa hatte alles mit mir geregelt“, erinnert sich Ida. Wenn sie mittags nach Hause gekommen sei, habe das Essen schon auf dem Tisch gestanden. Und sonntags nahmen alle gemeinsam das Mittagsmahl ein. Er sei ein begeisterter Koch, sagt der Vater von sich.
Alle wussten Bescheid, nur die Tochter nicht
Geschwollene Füße und Müdigkeit waren im Herbst 2010 die ersten Anzeichen der Krankheit. Erst als er nichts mehr habe machen können, sei ihr Mann zum Arzt gegangen, berichtet Elisabeth Smith. Wegen schlechter Blutwerte kam er ins Krankenhaus; dort wurde Darmkrebs diagnostiziert. Als kurz darauf noch ein Tumor in der Lunge entdeckt wurde, erzählten die Eltern ihrer jüngsten Tochter nichts davon, um sie nicht zu belasten. „Das war ein Fehler“, meint der Achtundfünfzigjährige heute. Es habe sie mitgenommen, dass alle davon gewusst hätten außer ihr, kritisiert Ida.
Die Krankenschwestern, die seine Sorgen um die Töchter bemerkten, gaben Douglas Smith Informationsmaterial von dem Verein Flüsterpost. Dieser kümmert sich um Kinder krebskranker Eltern. Jährlich melden sich etwa 200 Familien mit mehr als 400 Kindern beim Verein, um sich beraten zu lassen. Damit der gemeinnützige Verein das weiterhin tun kann, sammelt diese Zeitung mit ihrer Aktion „F.A.Z.-Leser helfen“ Spenden für ihn. Ida wollte zunächst nicht mit Fremden über ihre Familie reden. „Das geht die nichts an“, habe sie gedacht. Doch die Mutter drängte ihre Jüngste, einen Termin in der Beratungsstelle bei der Christuskirche zu machen. Ende Februar 2011 ging Ida schließlich hin. Sozialpädagogin Dorothea Tielker malte mit ihr und hörte ihr zu. Es sei ein „hilfreiches Angebot“ gewesen, erinnert sich Ida. „Es war eine Erleichterung, mit jemanden zu reden, der außenstehend war - und einen nicht bedauert hat.“ Nichts stört die inzwischen Sechzehnjährige so sehr wie Mitleid von Menschen, die sie und ihre Familie eigentlich nicht kennen. Nach dem ersten Gespräch sei sie sogar „mit einem Lächeln herausgegangen“.
Ella wird zum Elternersatz
Weil Elisabeth Smith mit ihrer Arbeit im Amtsgericht, dem Haushalt, der Sorge um die Familie und dem Schriftwechsel mit der Krankenversicherung überlastet war, übernahm die damals 19 Jahre alte Tochter Ella Arbeiten im Haushalt. Dabei steckte sie mitten im Abitur und machte den Führerschein. Als die Prüfungen vorbei waren, schlüpfte sie vollständig in die Rolle des Vaters: Sie kochte, wusch, kümmerte sich um Ida. Die beiden Schwestern, die sich ein Zimmer teilten, hätten sich trotz der viereinhalb Jahre Altersunterschied schon immer sehr nahe gestanden, berichtet die 56 Jahre alte Mutter.
Doch auch Ella sei in ein Loch gefallen. „Sie hat nur noch funktioniert“, sagt Ida. Dann ging Ella ebenfalls zur Beratungsstelle Flüsterpost. Dorothea Tielker nahm die Abiturientin mit zur Universität, brachte sie mit einer Studentin zusammen, deren Eltern ebenfalls an Krebs erkrankt sind. Schließlich entschloss sich die junge Frau, die gerne liest, Geschichte zu studieren. Außerdem konnte sie die Küsterstelle ihres Vaters übernehmen.
„Da muss dein Vater ja sterben“
Da die Mitarbeiterinnen des Vereins dabei unterstützen, die Situation für die ganze Familie erträglicher zu machen, kümmern sie sich auch um die Eltern. Die Familie Smith begleiten sie seit anderthalb Jahren, sie kennen die Lebensgeschichte der Eltern, die sich während der Stationierung des Mannes in Mainz kennenlernten, jahrelang eine Fernbeziehung über den Atlantik führten und inzwischen 30Jahre verheiratet sind. In den Gesprächen geht es nicht nur um Krebs. Schulsorgen oder Schwierigkeiten im Alltag werden ebenso besprochen wie schöne Erlebnisse.
Es gebe viele Themen in ihrem Leben, sagt Ida, die Flöte und Gitarre im Ensemble spielt, sich im Schulsanitätsdienst und bei den Johannitern engagiert sowie den Klettersport Bouldern betreibt. Doch alle fragten sie nur: „Wie geht es deinem Vater?“ Oft treffe sie auf Entsetzen und höre den Satz „Da muss dein Vater ja sterben“. Dabei gehe sie aus dem Haus, um sich abzulenken, etwas anderes zu sehen und zu hören. Als sie im April überlegt habe, wie sie ihren 16. Geburtstag feiern könnte, habe das kaum einer verstanden. Aber das Leben gehe weiter. „Man findet eine Routine.“ Schwarzer Humor und offene Worte machten es leichter, mit der Erkrankung des Vaters umzugehen.
Die Chemotherapie verändert den Alltag
Allerdings seien alle Familienmitglieder empfindlicher geworden. „Kleine Dinge, die einen normal nur stören würden, werden nun zur Katastrophe“, sagt Ida. Ein defekter Kühlschrank hat die Familie aus der Fassung gebracht. Auch blieb die Krankheit des Vaters nicht der einzige Schicksalsschlag. In den vergangenen zwei Jahren starb der deutsche Großvater ebenso wie die Großeltern in West-Virginia.
Die Chemotherapie, die Douglas Smith in diesem Jahr nach zwei Operationen begann, hat den Alltag abermals verändert. War der Vater zuvor die meiste Zeit im Krankenhaus oder in Kur, ist er jetzt wochenlang zu Hause. „Während der Chemo können wir nichts planen, können Freunde nicht zu uns kommen“, sagt Ida. Ständig müsse sich der Vater übergeben. Selbst kochen könne sie nicht mehr, weil ihr Mann zu geruchsempfindlich geworden sei, berichtet Elisabeth Smith .
Für alle ihre Sorgen findet die Familie beim Verein Flüsterpost ein offenes Ohr. Hier nehme man sich Zeit, loben alle. Sie habe auch ganz praktische Tipps erhalten, sagt die Mutter. Die Mädchen nehmen die Freizeitangebote des Vereins gerne an, weil die Familie nur noch selten etwas gemeinsam unternimmt. Wenn es dem Vater gutgeht, spielen sie Karten oder schauen sich Spielfilme an. Bei Flüsterpost werden sie meist kreativ, basteln Perlen und Mosaike. Oder unternehmen mit anderen betroffenen Kindern einen Ausflug in den Kletterwald. Ohne dabei ständig an den lebensbedrohlichen Krebs zu denken.

