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Veröffentlicht: 27.11.2011, 18:33 Uhr

F.A.Z.-Leser helfen Damit Gewalt gegen Kinder nicht unentdeckt bleibt

Die Ärzte der medizinischen Kinderschutzambulanz an der Frankfurter Universitätsklinik klären Verdachtsfälle von Kindesmisshandlung auf.

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© Eilmes, Wolfgang Ärzte müssen vor allen Dingen bei Kindern Verletzungen richtig einschätzen können.

Dass das Kleinkind sich die lebensgefährliche Schädelfraktur bei ersten unbeholfenen Schritten im Wohnzimmer zugezogen hat, erscheint den Notfallärzten wenig wahrscheinlich. Die Schilderung der Eltern passt nicht zu der Art der Verletzung des 13 Monate alten Mädchens. Deren Schädelknochendecke ist quer über den Kopf, von einem Ohr zum anderen, gebrochen und zum Teil eingedrückt. Die Art des Bruches lässt die Ärzte eher stumpfe Gewalt vermuten, zum Beispiel durch einen Schlag auf den Kopf. Wegen der Schwere der Verletzung, aber auch wegen des Verdachts der Kindesmisshandlung wird das Kleinkind an die Universitätskinderklinik in Frankfurt überwiesen. Da auch die diensthabenden Ärzte dort den Verdacht teilen, alarmieren sie die Rufbereitschaft der medizinischen Kinderschutzambulanz.

Ingrid Karb Folgen:

Seit einem Jahr gibt es dieses Angebot an der Uniklinik. Mittlerweile vier Ärzte unter Leitung des Kinderneurologen Matthias Kieslich untersuchen und dokumentieren Verdachtsfälle, stehen dem Jugendamt mit ihrem medizinischem Fachwissen zur Seite und legen dem Familiengericht Gutachten vor. Dass sie sich dafür Zeit nehmen können, ist nicht nur der Tatkraft der Ärzte, sondern auch bürgerschaftlichem Engagement zu verdanken. Spenden, die die Kinderhilfestiftung gesammelt hat, machten den Aufbau der Ambulanz möglich. Damit konnte die Arbeit für den Kinderschutz an der Universitätskinderklinik professionalisiert werden. Denn im Gesundheitssystem ist kein Geld für den damit verbundenen Zeitaufwand, die Vorhaltekosten, Schulungen oder Weiterbildungen vorgesehen.

Das Angebot soll ausgebaut werden

Der Bedarf dafür ist jedoch groß: In mehr als 150 Fällen wurden die Frankfurter Ärzte nach eigenen Angaben schon im ersten Jahr um Rat gebeten. In vielen Fällen seien die Kinder tatsächlich geschlagen, sexuell missbraucht oder vernachläsigt worden. Und es ist zu vermuten, dass die Anfragen noch zunehmen. Denn allein in Frankfurt wird das Jugendamt im Jahr etwa 1200 Mal über einen „Verdacht der Kindswohlgefährdung“ informiert. 2010 waren in der Mainmetropole nach Auskunft des Jugendamtes etwa 450 Kindern sogar derart gefährdet, dass sie „in Obhut genommen“ wurden und nicht bei den Eltern bleiben konnten. Und die Ärzte der Uniklinik erhalten zudem noch Anfragen aus benachbarten Kreisen.

Um den Anforderungen weiter gerecht zu werden, benötigt die Kinderschutzambulanz noch mehr Unterstützung. Diese Zeitung sammelt deshalb mit ihrer Aktion „F.A.Z.-Leser helfen“ Spenden für die wichtige Arbeit. Damit will man das Angebot ausbauen: Es sollen mehr Ärzte für den Kinderschutz ausgebildet und geschult werden, die aufwendige Dokumentation soll weiter professionalisiert werden.

Die Mitarbeiter des Jugendamts sind ebenfalls froh über die Unterstützung

Die Ambulanz in Frankfurt aufzubauen hat sich nach Angaben von Kieslich bewährt, da hier mit der von der Stadt eingerichteten Arbeitsgruppe „Rechte der Kinder“ schon gute Hilfsstrukturen vorhanden gewesen seien. Die Zusammenarbeit von Kinderschutzambulanz, Jugendamt und Polizei empfinden alle Beteiligten als „Win-Win-Situation“. Die Ärzte der Kinderschutzambulanz seien zur richtigen Einschätzung der Gefahrensituation auf Informationen des Jugendamts zur Familie angewiesen, berichtet der Arzt Marco Baz Bartels. Auch im Fall des 13 Monate alten Mädchens mit dem Schädelbruch. Dem Jugendamt lagen zwar keine Meldungen zu dem Kind vor, doch war ihnen der Vater bekannt. Er stammte aus einer Familie, die schon früher wegen Gewalttaten aufgefallen war.

Die Mitarbeiter des Jugendamts sind ebenfalls froh über die Unterstützung. In Zweifelsfällen sei die Ambulanz eine große Hilfe für die Sozialarbeiter, sagt Anja Spriestersbach vom Team Kinder- und Jugendschutz der Stadt Frankfurt. Mit ihrem Fachwissen könnten sie klären, ob den Kindern wirklich Gewalt angetan worden sei. Teamleiterin Anke Siebert schätzt den „gutachterlichen Stellenwert“ der Dokumentationen, die bei Prozessen vor dem Familiengericht vorgelegt werden können.

Damit Gefahren für Kinder rechtzeitig erkannt werden

Obwohl der erste Fall von Kindesmisshandlung schon 1874 vom Franzosen Ambroise Tardieu festgehalten wurde, ist das Thema lange von der Medizin vernachlässigt worden. Dies berichtete Bernd Herrmann, Leiter einer Kinderschutzambulanz in Kassel, jüngst bei der Jahresfeier für die Frankfurter Einrichtung. Das erste medizinische Lehrbuch zum Thema sei 1968 in Nordamerika erschienen. Seit 2006 könnten sich Ärzte dort zum Facharzt für Kinderschutz weiterbilden. In Deutschland hätten Kinderärzte 1985 eine erste Fachtagung zum Thema organisiert. Ein Lehrbuch und Leitlinien gebe es jedoch erst seit 2008. Bis heute seien nur an 40 der 340 Kinderkliniken in Deutschland Kinderschutzgruppen eingerichtet.

Viele Initiativen sind erst nach 2006 entstanden. Damals hatte der Fall Kevin die Öffentlichkeit aufgeschreckt. Der zwei Jahre alte Junge, der unter Vormundschaft des Bremer Jugendamts stand, war tot im Kühlschrank seines drogensüchtigen Ziehvaters entdeckt worden. Im Nachhinein erkannte man, dass die mangelnde Vernetzung und Zusammenarbeit der beteiligten Fachleute, darunter Therapeuten und Sozialarbeiter, zu dem tragischen Fall beigetragen hatte.

Das Team Kinder- und Jugendschutz und die Ärzte der Kinderschutzambulanz hoffen, mit ihrer Arbeit dazu beitragen zu können, dass Gefahren für Kinder rechtzeitig erkannt werden. So wie im Fall ihrer jungen Patientin mit dem Schädelbruch. Gemeinsam entschieden Ärzte und Sozialarbeiter, dass das Kind nicht wieder zu den Eltern zurück darf. Es wurde noch in der Klinik vom Jugendamt in Obhut genommen und nach seiner Entlassung von einer Pflegefamilie aufgenommen. Damit es umsorgt wird und wohlbehalten aufwachsen kann.

Quelle: F.A.Z.

 

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