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F.A.Z.-Leser helfen „Loslassen und vertrauen können“

 ·  Durch einen Schlaganfall nach einer schweren Tumor-Operation ist Anja T. zum Pflegefall geworden. Um ihre 15 und 18 Jahre alten Kinder nicht zu sehr zu belasten, ist sie ins Hospiz Advena in Wiesbaden gezogen, wo sie sich gut versorgt fühlt. Die Spenden unserer Leser helfen dabei, dass das Hospiz noch mehr für Familien tun kann.

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Auf dem Fensterbrett stehen zwei gerahmte Fotos, sie zeigen einen jungen Mann und ein Mädchen. An der Wand hängt ein Kalender für 2013. Vom Titelblatt strahlt den Betrachter ein Paar mittleren Alters an, eine lebenslustige Blondine umarmt von einem dunkelhaarigen, braungebrannten Mann. Licht und Kleidung zufolge ist die Aufnahme im Spätsommer entstanden. Dem Betrachter erschließt sich nicht auf den ersten Blick, dass es sich bei der Frau im Bett des Hospizzimmers und der auf dem Foto um dieselbe Person handelt. Kraftlos liegt Anja T. in der gelb-roten Bettwäsche; es fehlen das Strahlen und die leuchtenden Augen.

Vor etwa drei Wochen ist die Zweiundfünfzigjährige, deren Namen wir auf ihren Wunsch geändert haben, im Wiesbadener Hospiz Advena eingezogen. Nicht ihre schwere Krebserkrankung hat die Mutter zweier Jugendlicher derart niedergeworfen, sondern ein Schlaganfall in Folge der Operation zur Entfernung eines Tumors am Herzen. Seither ist sie halbseitig gelähmt, muss das Sprechen wieder erlernen. Ihr Mann Stefan, der viel Zeit an ihrer Seite verbringt, verständigt sich mit ihr über Händedruck, unterstützt sie beim Erzählen, vervollständigt ihre Sätze.

Die erste „Nah-Tod-Erfahrung“

Den Kalender habe seine Frau vor wenigen Wochen im Krankenhaus gestaltet, berichtet der Achtundvierzigjährige. Als die Familienwelt gerade erst angefangen hatte, aus den Fugen zu geraten. Nach ihrer ersten „Nah-Tod-Erfahrung“, wie Anja sagt. Vor acht Wochen brach Anja zusammen, als sie den Hund im Wald ausführte. Ein anderer Spaziergänger fand sie und rief den Krankenwagen. Sie sei schon weggetreten gewesen, aber irgendetwas habe sie zurückgeholt, berichtet Anja. „Es sollte noch nicht sein.“

Ein Ödem am Herzen wurde gefunden, doch nach dessen Ursache forschten die Ärzte noch einige Wochen. Erst an der Uniklinik Mainz wurde mit der neuesten bildgebenden Technik der Tumor entdeckt und umgehend entfernt. Während der schweren Operation hätte sie auch sterben können, sagt Anja. Doch auch diese hat sie überstanden und wurde nach Hause entlassen. Allerdings mit dem Wissen, dass der Tumor schon gestreut hatte und sich Dutzende von Metastasen in der Lunge befanden.

Die verbleibende Zeit nutzen

Nachdem klar war, dass der Krebs von Anja nicht mehr heilbar ist, wollte das Ehepaar die verbleibende Zeit bestmöglich nutzen und mit der Familie noch viele schöne Dinge unternehmen. Weil die beiden nicht wussten, wie sie die schlimme Nachricht ihren 15 und 18 Jahren alten Kindern mitteilen sollten, suchten sie Rat beim Mainzer Verein Flüsterpost, der sich um Kinder krebskranker Eltern kümmert und in diesem Jahr auch von der Aktion „F.A.Z.-Leser helfen“ unterstützt wird. „Wir wollten nichts falsch machen“, sagt Stefan. Mit einer Sozialpädagogin des Vereins besprachen sie das Vorgehen.

Doch dann kam der Schlaganfall. Das Gespräch musste kürzer ausfallen als geplant. Anja kam wieder ins Krankenhaus. Seither ist sie auf fremde Hilfe angewiesen. Ein ambulanter Dienst und die Familie hätten die Pflege zu Hause übernehmen können, doch das wollte die Mutter nicht. Sie sei ins Hospiz gegangen, damit die Kinder zu Hause weiter ein Stück Normalität hätten, sie nicht Rücksicht nehmen müssten und die Situation ständig vor Augen hätten. Außerdem wäre sie zu Hause auch viel alleine gewesen, wenn der Mann in der eigenen Firma und die Kinder in der Schule sind. Im Hospiz könne sie jederzeit jemanden rufen.

Ein Vogelhäuschen am Fenster

Anja schätzt es, dass sich mehrere Pfleger um sie kümmern. Und dass die ehrenamtlichen Begleiter sich Zeit für sie nehmen. Nach dem Tod ihres Vaters vor acht Jahren, mit dessen Versorgung am Lebensende sie unzufrieden war, hatte Anja selbst eine Ausbildung zur Sterbebegleiterin gemacht und ehrenamtlich in einem Hospiz gearbeitet. Daher kennt sie die Besonderheiten eines solchen Hauses, in dem auf die Wünsche der Bewohner viel Rücksicht genommen wird.

Anja liegt in eigener Bettwäsche, ihr Mann hat Fotos der Familie aufgehängt und sogar ein Vogelhäuschen am Fenster angebracht. Im Zimmer steht ein zusammengeklapptes Gästebett, damit er oder die Brüder seiner Frau dort übernachten können. Bisher sei sie noch keine Nacht alleine gewesen, berichten beide. Und selbst der Collie Lasse war schon zu Besuch.

Jüngere Sterbende haben andere Bedürfnisse als ältere

Jüngere Sterbende hätten andere Bedürfnisse als ältere, berichtet Heidrun Göhl vom Verein IFB, der das Hospiz betreibt. Die Familie spiele bei ihnen eine größere Rolle. Sie erhielten häufiger Besuch, auch Kinder kämen mit. Um dem besser gerecht zu werden, will der Verein vom nächsten Jahr an jungen Erwachsenen ein spezielles Angebot machen. Spenden aus der F.A.Z.-Aktion „Leser helfen“ sollen dies ermöglichen.

Im Hospiz Känguru, das im selben Haus wie das Hospiz Advena unterkommen soll, sind die Zimmer größer, damit ein zweites Bett für Besucher ohne Mühen aufgestellt werden kann. Auch gibt es zwei Wohnungen, in denen Angehörige übernachten können. Mehrere Aufenthaltsräume und eine große Wohnküche ermöglichen Familienfeiern.

Die Sterbebegleitung macht manches einfacher

Um vor allem jüngeren Kindern Betreuungs- und Gesprächsangebote machen zu können, soll ein Pädagoge eingestellt werden. Darüberhinaus will der Verein IFB mit dem Mainzer Verein Flüsterpost zusammenarbeiten. Auch sollen die Gäste alle bestehenden Diensten des Vereins, ob Kindergarten, Familienentlastung oder Freizeitgelände mit eigener Gartenhütte, nutzen können.

Ihre in der Sterbebegleitung erworbene Erfahrung mache es der Familie leichter, die Situation anzunehmen, meint die 52 Jahre alte Anja. Den Zeitpunkt des Todes könne man sich nicht auswählen. Natürlich mache sie sich Sorgen um ihre Kinder und würde sie auf ihrem Lebensweg gerne weiter begleiten. Aber nun könne sie nur hoffen, sie zu genügend Selbständigkeit erzogen zu haben, damit sie auch ohne sie zurecht kämen. Darauf müsse sie vertrauen, um sorgenfrei loslassen zu können.

Weihnachten mit der ganzen Familie im Hospiz

Zum Weihnachtsfest ist noch einmal die ganze Familie im Hospiz zusammengekommen. Da die anderen Bewohner in ihren Zimmern bleiben wollten, konnte die Gruppe von zehn Personen den Wintergarten für die Feier nutzen. Es gab mitgebrachten Heringssalat und Pellkartoffeln, Shrimps, Sekt und Rotwein. Im Pflegestuhl hat auch Anja die gesamte Zeit im Kreis der Familie verbracht: außer ihrem Mann und ihren Kindern, waren die Großmutter, Brüder, Schwägerinnen und eine Nichte gekommen. Es sei anstrengend gewesen und sie sei sehr erschöpft, berichtet Anja nach den Feiertagen. Aber es sei auch sehr schön gewesen.

Spenden für das Projekt „F.A.Z.-Leser helfen“

Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung und die Frankfurter Allgemeine/ Rhein-Main-Zeitung bitten um Spenden, die dem Hospiz „Känguru“ in Wiesbaden, dem Verein „Flüsterpost“ in
Mainz und „Pro Interplast Seligenstadt“ für Hilfe im indischen Kalkutta zugutekommen.

Spenden für das Projekt „F.A.Z.- Leser helfen“ bitte auf
die Konten:

Nummer 11 57 11 bei der Frankfurter Volksbank (BLZ 501 900 00)  oder

Nummer 97 80 00 bei der Frankfurter Sparkasse (BLZ 500 502 01).

Die Namen der Spender werden in der Zeitung veröffentlicht.  Selbstverständlich wird auch der Wunsch respektiert, auf eine Namensnennung zu verzichten. Spenden können steuerlich abgesetzt werden. Sofern die vollständige Adresse angegeben ist, wird eine Spendenquittung zugeschickt.

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Jahrgang 1965, Blattmacherin in der Rhein-Main-Zeitung.

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