15 Tabletten noch. Dann muss die zehn Jahre alte Shewit wieder bangen. In fünf Tagen ist die Packung leer, dann steht ein neuer Bluttest an. Was wird er offenbaren? Wird es dem Mädchen bessergehen? Hat die Behandlung geholfen? Shewit und ihr Bruder Hagos sehen dem Test mit Hoffnung und Angst entgegen: Shewit hat Leukämie.
Schon einmal mussten Shewit und ihre Familie lange warten: Weil sich die Ärzte im Black Lion Hospital, der Uniklinik von Addis Abeba, am Anfang der Behandlung nicht sicher waren, welcher Art ihr Blutkrebs sei, wurden die Blutproben nach Südafrika geschickt. Einen Monat später war die Antwort da, und die Ärzte konnten mit einer Therapie beginnen. Damals war das Mädchen noch von seiner Mutter begleitet worden, doch die musste zurück, um sich um ihre anderen Kinder zu kümmern. Sieben Geschwister hat Shewit, ihr Bruder Hagos ist 18 Jahre alt. Nun ist er es, der in Addis Abeba, fern der Heimat, auf sie achtet, ihr hilft, sie tröstet.
Erfahrene Ärzte gibt es nur in der Hauptstadt
Die Familie wohnt in Adigrat, im Norden Äthiopiens. Drei Tagesreisen sind es bis in die Hauptstadt. „Es hat alles angefangen, als ich in der Schule nicht mehr lesen konnte, was an der Tafel stand, außerdem war ich oft müde, kam zu spät in die Schule“, berichtet Shewit. „Sie braucht Vitamine“, meinte der Arzt in Adigrat. Der Rat war gut gemeint. Dann schwoll ihr Bauchraum an. Es war offensichtlich, dass sie an einer schweren Krankheit litt.
Die sorgenvollen Eltern - sie sind Bauern und haben nicht mehr als einen kleinen Acker - sammelten Geld, um sie in Adigrat wenigstens in eine Privatklinik bringen zu können. Die Ärzte untersuchten Shewits Blut und diagnostizierten Leukämie. Doch geholfen werden konnte dem Mädchen weder dort noch in der Provinzhauptstadt Mekele. Sie musste nach Addis Abeba, ins Black Lion Hospital - so wie viele krebskranke Kinder und Erwachsene. Es klingt unvorstellbar, aber erfahrene Krebsärzte gibt es nur in der Hauptstadt des riesigen Landes.
19 Monate lang ist Shewit nun schon in dem Wohnheim
Schwach war Shewit und sehr krank, als sie schließlich dort ankam. Ihre Mutter musste sie tragen. Heute geht es dem Mädchen besser. Sie kann wieder lachen. Shewit ist ein fröhliches Kind. Ihr Glück war, in das „Cancer Home“ aufgenommen worden zu sein, einem von einer Stiftung betriebenen Patientenwohnheim in Addis Abeba. Es arbeitet eng mit dem Black Lion Hospital zusammen. Haileyesus Adam, der Kinder-Onkologe der Klinik, würde gemeinsam mit der Stiftung gerne mehr Kinder für die Zeit ihrer Behandlung in dem Wohnheim unterbringen, doch es hat nur 15 Plätze. Um es erweitern zu können, bittet diese Zeitung ihre Leser in diesem Jahr um Spenden.
19 Monate lang ist Shewit nun schon in dem Wohnheim. Sie wird es bald verlassen müssen. „Das ist vielleicht inhuman, aber andere Patienten warten schon“, sagt Grom Moges. Er steht der Stiftung vor, die das Heim trägt. Das Mädchen ist derzeit das einzige Kind in dem Wohnheim. Sosehr sich Shewit an die anderen Bewohner und die Schwestern gewöhnt hat, so sehr möchte sie auch wieder nach Hause, zu ihren Eltern, die sie seither nicht mehr gesehen hat, und zu ihren Freunden.
Geld für die Fahrten
„Aber was ist mit ihrer Gesundheit?“, fragt Hagos. Shewit wird wohl wieder nach Addis Abeba kommen müssen. Im Black Lion Hospital gibt es für alle Krebspatienten im ersten Jahr nach Beendigung ihrer Therapie alle drei bis vier Monate Folgeuntersuchungen, danach werden die Intervalle größer, so ihre Gesundheit stabil ist. Die Frage ist nur: Kann sich das die Familie finanziell leisten?
Es ist schon schwierig genug, Geld für die Rückfahrt von Shewit und ihrem Bruder nach Adigrat zusammenzubringen. 500 äthiopische Birr kostet die Fahrt, etwa 21 Euro. Mit dem Geld der F.A.Z.-Aktion sollen im Einzelfall auch Fahrten zu Kontrolluntersuchungen bezahlt werden. „Leukämie ist gerade bei Kindern gut heilbar, aber die Folgeuntersuchungen sind dringend nötig“, sagt Elke Jäger, Chef-Onkologin im Frankfurter Nordwestkrankenhaus. Sie kennt die Situation Krebskranker in Äthiopien gut. Mit ihrer Stiftung „Leben mit Krebs“ arbeitet diese Zeitung zusammen, um Tumorpatienten in dem Land zu helfen. So müssen auch Shewit und Hagos ihre Hoffnung nicht aufgeben.