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F.A.Z.-Leser helfen Genauere Navigation im Gehirn

 ·  Führend in der Neurochirurgie: An der Universitätsklinik kommt ein neues Gerät zum Einsatz, das die Tumorentfernung verbessert. Voraussetzung dafür war ein Prototyp, den unsere Leser mitfinanziert haben.

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Es riecht nach Desinfektionsmitteln. Der Kopf des Patienten liegt zwischen zwei Magnetspulen. Innerhalb weniger Minuten entstehen gestochen scharfe Bilder, der Tumor ist deutlich zu erkennen. Auf dem Bildschirm findet sich nun eine Art Karte, mit deren Hilfe sich der Chirurg bei der Operation orientiert. Am Ende werden neue Bilder gemacht und mit den vorherigen verglichen. So kann festgestellt werden, ob das schädliche Gewebe tatsächlich restlos entfernt wurde. Falls nicht, kann weiter operiert werden - ohne den Patienten der Belastung einer weiteren Operation auszusetzen.

In Europa gibt es nur drei solcher Geräte, das einzige in Deutschland steht an der Universitätsklinik Frankfurt. Der Prototyp wurde 2004 von der Aktion „F.A.Z.-Leser helfen“ mitfinanziert. Das Pole-Star N20 kam bei 350 Hirnoperationen zum Einsatz, international anerkannte Studien wurden ermöglicht. Ein Ergebnis veröffentlichte die Fachzeitschrift Lancet Oncology im Oktober. Die Studie zeigt: Patienten, die mit Hilfe des N20 operiert wurden, haben eine höhere Lebenserwartung, da der Tumor häufiger restlos entfernt werden konnte als in der Vergleichsgruppe. Der Hersteller Medtronic verkauft die Geräte mittlerweile weltweit, unter anderem nach China und Thailand.

Er habe „unkonzentriert und komisch“ gewirkt

Das Team für die Forschung mit dem N20 leitete Christian Senft, der Klinikdirektor Volker Seifert heute bei der Operation assistiert. „Das N20 war sozusagen der erste Daimler“, sagt Senft. Einzigartig sei es, aber technisch ausbaufähig. Daher hat Medtronic nach acht Jahren nun ein Nachfolgegerät entwickelt, das N30. Es wurde vor zwei Wochen in Frankfurt aufgestellt. Die Bildqualität hat sich verbessert. Nun können auch ehemals schwer sichtbare bösartige Tumore erkannt werden. Das hilft besonders bei Operationen von Kindern. Zudem ist es leichter und beweglicher als der Vorgänger, was Zeit und Personal spart.

Herbert Greif (Name geändert), der mit dem neuen Gerät operiert wird, bekam die Diagnose erst fünf Tage vor dem Eingriff. „Ein Schock“, sagt seine Frau. Bis vor drei Wochen hatte der 70 Jahre alte Rentner noch in einer Steuerkanzlei gearbeitet. Auf einmal nahm seine Lesefähigkeit ab, er habe „unkonzentriert und komisch“ gewirkt. Der Hausarzt ging zunächst von einem Schlaganfall aus. Schließlich wurde er doch zur Magnetresonanztomographie geschickt - mit folgenreicher Diagnose: ein bösartiger Tumor an der linken Schläfe. Dort befindet sich das Sprachzentrum, Fehler bei der Operation hätten drastische Folgen für seine Erinnerungs-, Sprach- und Lesefähigkeit. Durch das neue Gerät werde das Risiko minimiert, sagt Seifert. Greif hofft, dass er nach der Operation wieder lesen und schreiben kann. Er muss die Zeit nutzen, denn es ist wahrscheinlich, dass der Tumor zurückkommt.

„Wie ein Navigationsgerät beim Autofahren“ 

Nach der Aufnahme wird das schlanke Gerät von einer Krankenschwester unter dem Tisch verstaut und die Schläfe des Patienten rasiert. Grelles Licht, Senft schneidet in die Haut, klappt sie zur Seite, bohrt vier Löcher und öffnet ein rechteckiges Fenster in der Schädeldecke. Der Bohrer quietscht wie beim Zahnarzt, eine halbe Stunde lang. Seifert bereitet sich in einem Nebenraum vor, sterilisiert die Hände. Zuvor war er die Ruhe selbst, nun spricht er voller Begeisterung vom N30. Zum ersten Mal operiert er mit Hilfe des neuen MRT. „Schön, wirklich gute Bilder.“ Seifert ist zufrieden. Mit Hilfe eines Metallstabes kann auf ein Hirnareal gedeutet werden. Dieses zeigt sich dann dank der vorher angefertigten Aufnahmen auf einem Bildschirm. So weiß der Arzt, wie er vorzugehen hat. „Wie ein Navigationsgerät beim Autofahren“, meint Senft.

Bevor es losgeht: Stille, alles folgt einer strikten Ordnung im Saal, „Team Time Out“: Eine Schwester liest eine Checkliste vor, damit keine folgenreichen Missverständnisse entstehen können. Das verwendete Mikroskop ist das derzeit beste auf dem Markt. Zwei Ärzte können gleichzeitig hindurchsehen, das Bild ist dreidimensional. Das Deckenlicht wird ausgeschaltet, der Raum nur von einzelnen Lampen und einer blauen Wand beleuchtet. Es pocht unter der Schläfe. „Das ist der Tumor, der das Gehirn nach außen drückt“, erklärt Seifert. Er steuert das Mikroskop mit dem Mund. In der Hand ein Ultraschall-Skalpell. Der Tumor wird damit gelöst und aufgesaugt.

Aus der Ruhe lässt er sich nicht bringen

Schritt für Schritt bildet sich die Schwellung zurück. Zwischendurch muss immer wieder Blut gestillt werden. Auf zwei Bildschirmen lässt sich stark vergrößert nachvollziehen, wo Seifert gerade schneidet. Die Grenzen, an denen der Tumor aufhört und das gesunde Gewebe beginnt, lassen sich nicht einwandfrei mit dem Mikroskop sehen. Hier hilft das N30. Durch ein Kontrastmittel leuchtet das Tumorgewebe unter Schwarzlicht zudem rosarot. Regelmäßig wird kontrolliert. Intraoperative MRT-Geräte wie das N30 sind allerdings deutlich genauer, hat Senft in einer weiteren Studie festgestellt. Beide Verfahren ließen sich aber ergänzen. Insgesamt gab es dank des N20 mehr als 15 wissenschaftliche Publikationen. Immer tiefer dringt Seifert vor, steuert mit Fußpedalen die Absaugung des Gewebes. Immer häufiger muss das Blut gestillt werden. Aus der Ruhe lässt er sich nicht bringen.

In den nächsten Jahren sollte nicht mehr ohne ein modernes MRT-Gerät am Hirn operiert werden, fordert Seifert. Die vollständige Entfernung des Tumors führe laut Studie zu einer Lebensverlängerung von mehreren Jahren, sagt Senft. Er schätzt, dass die Verbreitung noch zehn bis fünfzehn Jahren dauern wird. Die Budgets der Kliniken würden immer knapper, meint der kaufmännische Direktor Hans-Joachim Conrad.

Nach vier Stunden Operation werden mit dem PoleStar N30 neue Bilder gemacht und mit den alten verglichen. Ergebnis: Der Tumor von Herbert Greif ist restlos entfernt. Nach wenigen Stunden wacht er auf, kann sprechen und sich bewegen. Nach einer Nacht auf der Intensivstation wird Greif auf eine normale Station verlegt. Bald wird er nach Meinung der Ärzte wieder lesen und schreiben können.

Spenden für das Projekt „F.A.Z.-Leser helfen“

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