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F.A.Z.-Leser helfen Beistand für Kinder mit mancherlei Schicksal

17.10.2008 ·  Eveline Weyel ist eine erfahrene Familienhebamme. Manche Besuche nehmen aber auch sie ziemlich mit. Doch sie macht ihre wichtige Arbeit mit viel Engagement.

Von Stefan Toepfer
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Eveline Weyel muss ein Auge auf vieles haben: Entwickelt sich ein Säugling gut? Bekommt er die Zuwendung, die er braucht, und genug zu essen? Wie sieht sein Umfeld in der Wohnung aus? Droht eine Verwahrlosung? Was ist mit den Eltern, vor allem der Mutter? „Schon bei Säuglingen merkt man, ob sie Angst haben oder angespannt sind - freilich braucht man dafür einige Erfahrung“, sagt sie.

Die hat Eveline Weyel zweifellos. Schon mehr als 20 Jahre ist sie Hebamme. Seit gut einem Jahr besucht sie im Kreis Offenbach außerdem Familien, in denen Kinder es schwerer haben könnten als in anderen oder in denen sogar Gefahr droht. Die Zweiundfünfzigjährige ist eine von fünf Familienhebammen im Kreis Offenbach und eine der ersten in Hessen. Sie sind Geburtshelferinnen, die sich speziell fortgebildet haben und belastete Familien bis zu einem Jahr lang besuchen, um vorbeugenden Kinderschutz zu betreiben. „Keiner fällt durchs Netz“ heißt das Projekt (siehe Kasten).

Aufmerksam gemacht auf die Familien werden Weyel und ihre Kolleginnen durch das Jugendamt, Kinder- oder Frauenärzte, Geburtskliniken, Kindergärten, Schulen oder Beratungsstellen. So kommen sie mit vielen Schicksalen in Berührung: Weyel kennt drogenabhängige Eltern, die sich nicht ausreichend um ihr Kind kümmern können, Geschwister eines Neugeborenen, die missbraucht worden sind, ein Baby mit Rippenbrüchen.

Aber es muss nicht immer derart dramatisch sein. Weyel kommt auch zu alleinerziehenden Müttern, die Hilfe brauchen, etwa, weil sie psychisch stark belastet sind. Auch dann kann das Wohl eines Kindes gefährdet oder beeinträchtigt sein. Viele Eltern, zu denen die Familienhebamme Kontakt hat, sind arbeitslos.

Wichtig ist Eveline Weyel, in jede Familie mit „Respekt vor den Menschen und ihren Geschichten“ zu kommen. „Dann öffnen sich die Eltern mir gegenüber.“ Vor allem die Mütter. Viele Frauen, die Weyel besucht, sind alleinerziehende Mütter. Wenn sie einmal Väter antreffe, dann seien diese bis auf wenige Ausnahmen eher distanziert ihr gegenüber, berichtet sie.

Viel über die Eltern zu wissen, vor allem über die Mütter, das hilft Weyel bei ihrer Arbeit. „Wie soll eine Frau, die in ihrem Leben keine Bindung erlebt hat, unsicher ist, ihrem Kind als Mutter die nötige Sicherheit vermitteln?“ In solchen Fällen gehe es darum, Mütter stark zu machen - gemeinsam mit anderen Hilfsangeboten, die Weyel kennt und auf die sie Eltern aufmerksam machen kann. „Es geht darum, ein Netz zu schaffen.“

Andere Mütter interpretierten das Verhalten von Säuglingen falsch, meinten beispielsweise, die Kinder träten absichtlich nach ihnen, erläutert Weyel. Auch hier kann sie aufklären. „Wichtig ist mir, Szenarien durchzudenken, etwa, wenn Kinder lange Zeit über schreien“, fügt sie hinzu. Dann spricht sie mit Eltern darüber, wie sie Entspannung finden können. Vor einem warnt sie Eltern immer wieder: „Sie dürfen ihr Kind nie schütteln.“ Denn das kann lebensgefährlich für jedes kleine Kind sein oder bleibende Schäden verursachen.

Eveline Weyel wird mitunter mit schlimmen Verhältnissen konfrontiert. Wichtig ist ihr deshalb der Austausch mit ihren vier Kolleginnen und mit Fachleuten der Universität Heidelberg. Mit ihnen können die Familienhebammen unentgeltlich über schwierige Fälle sprechen und sich Rat holen. Die Universität ist, wie das regionale Diakonische Werk, Kooperationspartner des Kreises Offenbach beim Projekt „Keiner fällt durchs Netz“. Hinzu kommt die „Hessenstiftung - Familie hat Zukunft“, die die Arbeit der Familienhebammen finanziert. Über die Krankenkassen wird nur der Dienst einer regulären Hebamme gezahlt, die Säuglinge bis zu einem Alter von acht Wochen zu Hause betreuen können. Die Familienhebammen im Kreis Offenbach bekommen derzeit 13 Euro je halber Stunde. „Viel zu wenig“, wie Weyel meint. Vielleicht wird es bald mehr, es gibt Verhandlungen mit der Hessenstiftung.

Ihre Arbeit macht Eveline Weyel trotzdem gerne und mit viel Engagement. „Ich war neugierig auf das Projekt.“ Erfolgserlebnisse hat sie immer dann, wenn eine Mutter bereit ist, ihre Hilfe überhaupt anzunehmen, oder sich auch anderswo Rat holen will. „Es sind oft kleine Dinge, die für die Entwicklung der Kinder aber ungemein wichtig sind.“ In Familien mit schwereren Betreuungsfällen bleibt sie schon einmal eineinhalb Stunden, und das drei- bis viermal in der Woche. „In manchen Familien läuft der Fernseher den ganzen Tag, und die Kinder spielen kaum“, beobachtet sie nicht selten.

Deswegen hat sie zu Hause auch einen Fundus mit Spielsachen oder Bilderbüchern, die sie Geschwistern eines Neugeborenen mitbringt, wenn das geboten erscheint. „Erst neulich habe ich einem Zweijährigen eine Puppe mitgebracht. Das kannte er noch gar nicht.“ Mit einem anderen Kind hat sie sich ein Bilderbuch angeschaut, das sie mitgebracht hatte, und ihm erste Worte in Deutsch beigebracht: „Uhr“, „Kekse“. „Als ich das nächste Mal in die Familie kam, kam der Kleine schon auf mich zu und sagte ,Uhr'. Er wollte sich wieder das Buch anschauen.“ Auch das ist ein Erfolgserlebnis in der Arbeit von Eveline Weyel.

„Keiner fällt durchs Netz“: Kontakt zu 58 Familien

Wenn Gewalt in der Familie droht, Eltern drogenabhängig oder mit einem Neugeborenen einfach überfordert sind, wenn Kinder in der Gefahr sind, vernachlässigt zu werden, oder das Jugendamt ältere Geschwister in Obhut nehmen musste, dann kommen die Familienhebammen. Seit gut einem Jahr machen sie Besuche, um im Kreis Offenbach nach dem Wohlergehen von Babys und Kleinkindern zu schauen. Mit Hilfe der Aktion „F.A.Z.-Leser helfen“ soll ihr Einsatz ausgebaut werden - auch im Main-Taunus-Kreis und im Kreis Groß-Gerau. Im Kreis Offenbach gibt es bisher fünf Hebammen, eine oder zwei sollen noch hinzukommen. Sie sind der wichtigste Bestandteil des von der „Hessenstiftung - Familie hat Zukunft“ finanzierten Projekts „Keiner fällt durchs Netz“. Bisher wurden 58 Familien in das Projekt aufgenommen, in 24 Familien gibt es keinen Kontakt (mehr) zu den Hebammen - etwa weil die Kinder inzwischen älter als ein Jahr sind, vier Kinder vom Jugendamt in Obhut genommen werden mussten oder sieben Familien keine Hilfe durch die speziell fortgebildete Familienhebammen wollten. Deren Einsatz wird von Katja Hering koordiniert. Auch sie ist Familienhebamme. Sie hat ihr Büro im Kreishaus in Dietzenbach. Ihre Stelle wird vom Diakonischen Werk getragen. (toe.)

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Jahrgang 1965, Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

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