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Eva Demski : Eine sehr gelassene Frau

Überhaupt Tiere. Die seien, wie sie sind, sagt Demski. Tiere verstellten sich nie. Das beeindruckt die Autorin. Intrigen und böses Blut sind ihr viel zu anstrengend, dafür hat sie aber zu vielem ein offenes und ehrliches Wort zu sagen. Aus dieser Einstellung resultiert auch eine Sprache, die einfach sein will, aber nicht simpel. So wie das Leben ihrer Charaktere. Eigentlich ist alles ganz einfach, aber auch furchtbar kompliziert.

Nie von der großen Revolution geträumt

Demski sagt, sie arbeite auch deswegen frei, um ihr finanzielles und seelisches Gleichgewicht zu wahren. Übrigens immer nur tagsüber, denn nachts, glaubt sie, verliebe man sich zu schnell in die eigenen Sätze. Das kann der kühlen Schreiberin nicht gefallen. Aus solchen Äußerungen sprechen eine große Gelassenheit und wohl auch die Fähigkeit, die Dinge so zu nehmen, wie sie sind. Wenn zum Beispiel der Winter solche Ausdauer zeigt wie in diesem Frühjahr, dann leidet die Gartenliebhaberin Demski zwar ein wenig, zu jammern gestattet sie sich aber nicht. „Ändern kann man es ja sowieso nicht.“

Von der großen Revolution hat sie, im Gegensatz zu vielen anderen Schriftstellern, nie geträumt. Sie hat sich nie der littérature engagée zugehörig gefühlt. Wobei sie jetzt die Chance dazu bekäme, so oft wie sie gebeten wird, sich zu diesem oder jenem kulturpolitischen Thema - vor allem in Frankfurt - zu äußern. Den meisten Bitten kann sie nicht entsprechen, sie müsse nicht „nicht auf jeden Haufen steigen und krähen“, sagt sie. Doch was ihr besondersv am Herzen liegt, das kommentiert sie. Als ein Ort für Michael Quasts „Fliegende Volksbühne“ in Frankfurt gesucht wurde, hat sie sich zu Wort gemeldet. Oder zuletzt, als es um den Bau des Romantikmuseums ging, auf den es töricht wäre zu verzichten, wie Demski meint. Die Autographen von Hölderlin und Co. zeigen zu können, habe einen ganz besonderen Reiz, sagt sie. Für manche ist so etwas vielleicht nicht viel mehr als kultureller Klatsch, aber Demski hat auch dafür etwas übrig. Er mache unsere großen Dichter nur menschlicher, glaubt sie.

Immer hängt etwas an der Angel

Und der Mensch soll arbeiten. „Was Kafka und Benn nicht geschadet hat, kann so schlecht ja nicht sein.“ Das sagt sie oft und meint, dass ein Schriftsteller sich nicht zu sehr um den Anschluss seiner Literatur an das einfache Leben Gedanken machen müsse, wenn er selbst eines lebt. Demskis Leidenschaft gilt noch immer dem Film, ihr letzter, den sie selbst gemacht hat, war einer zu Marcel Reich-Ranickis 80. Geburtstag. Sie dreht, weil es ihr Freude macht, aber auch weil sie, Verzeihung, damit Geld verdient. Denn allzu viel sei durch das Schreiben von Büchern, und mögen sie von der Kritik noch so gelobt werden, in der Regel leider nicht einzunehmen, sagt sie ganz offen. „Mir reicht ein guter Platz zum Leben“, fügt sie dann hinzu, ein Ort, an dem sie Freunde bewirten könne. „Außerdem sich mal ab und zu schöne Klamotten leisten, eine Reise und ins Theater gehen, mehr braucht es eigentlich nicht.“ Aber dennoch, wenn die finanziellen Sorgen nicht zu sehr drücken, fühlt sie sich beim Schreiben einfach freier. Einer allzu romantischen Vorstellung des Schriftstellertums, dem verklärten Bild vom armen, aufrechten Poeten gar, hat sie ohnehin nie nachgehangen, dafür ist sie viel zu sehr Realistin.

Die Veränderungen in ihrer Branche betrachtet sie deswegen mit Neugier, aber nur wenig Wehmut. In zehn bis 15 Jahren werde es den Buchhandel, so wie er heute besteht, nicht mehr geben, glaubt sie. Schreiber werden kleine Fabriken aufbauen, die Texte produzieren und, falls nötig, im Selbstverlag herausbringen, das sei die Zukunft.

Sind das rosige Aussichten für eine Autorin, die nie bei einem Verlag um Veröffentlichung betteln musste, die immer das machen durfte, was sie wollte? Sie nimmt es fatalistisch. Vielleicht auch weil sie weiß, dass es weitergeht. Jedes Buch habe eine Tür, die zum nächsten Buch führe, sagt sie. Sie wirft ihre Angel aus und hat das Glück, dass immer etwas am Haken hängt, wenn sie sie einholt. Und woher weiß sie, wo sie fischen muss? Demski überlegt. Es ist wohl diese Stimme, erst die innere, die zum Stoff führt, und dann die äußere, die zur Geschichte wird. Diese Stimme führt immer weiter, von Wort zu Wort, von Satz zu Satz, von Text zu Text.

Zur Person Eva Demski wurde am 12. Mai 1944 in Regensburg geboren. Ihre Jugend verbrachte sie in Wiesbaden und Frankfurt. In Mainz und Freiburg studierte sie Germanistik, Kunstgeschichte und Philosophie. Seit Mitte der sechziger Jahre lebt sie in Frankfurt. Zunächst arbeitete sie als Dramaturgieassistentin am Schauspiel Frankfurt und als freie Verlagslektorin und Übersetzerin, später beim Hessischen Rundfunk, vor allem für das Kulturmagazin „Titel Thesen Temperamente“. 1979 erschien mit „Goldkind“ ihr erster Roman. Darin geht es um ein vaterloses Kind, das mit seiner Mutter und den Großeltern aufwächst - das Schicksal einer ganzen Kindergeneration. Es folgten viele weitere Romane, Erzählungen, Essays und Anthologien, unter anderem ihr sehr erfolgreiches „Katzenbuch“. Wie in diesem und den zuletzt erschienenen Büchern „Gartengeschichten“ und „Rund wie die Erde“ schreibt Demski oft über das, was ihr selbst wichtig ist: in letzteren Fällen die Beschäftigung im Garten und das Kochen. Beides erscheint als Rettung vor den Unwägbarkeiten des Lebens, die Pflege einer Jungpflanze wird zur Pflege des eigenen Lebens, das Kochen einer Suppe zum Trost. Demski hat sich noch vieler anderer Themen angenommen. „Das siamesische Dorf“ zum Beispiel ist der Struktur nach ein Krimi, das Buch macht aber auch den europäischen Massentourismus im vermeintlichen Paradies zum Thema. Demski hielt 1998/99 die Poetik-Vorlesungen an der Universität Frankfurt. Für ihr Werk wurde sie vielfach ausgezeichnet; unter anderem erhielt sie im Jahr 2008 den Preis der Frankfurter Anthologie.

Quelle: F.A.S.

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