Home
http://www.faz.net/-gzg-6xfc7
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Europameisterschaft im Cruisergewicht Boxer Licina liebt Frankfurt

03.02.2012 ·  Vor genau einem Jahr fragte Enad Licina schelmisch: „Hatte Frankfurt am Main schon mal einen Boxweltmeister?“ Antwort: Nein.

Von Hartmut Scherzer, Frankfurt
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Vor genau einem Jahr fragte Enad Licina schelmisch: „Hatte Frankfurt am Main schon mal einen Boxweltmeister?“ Antwort: Nein. Und dabei ist es auch geblieben. Denn der Serbe, der acht Jahre lang als Amateur für den CSC Frankfurt boxte, verlor den IBF-Weltmeisterschaftskampf im Cruisergewicht am 12. Februar 2011 in Mülheim gegen den Amerikaner Steve Cunningham. Hätte der einstige Wahlfrankfurter vor seinem Kampf um die vakante Europameisterschaft im Cruisergewicht gegen den Russen Alexander Aleksejew an diesem Samstag in der Ballsporthalle abermals gefragt: „Hatte Frankfurt am Main schon mal einen Boxeuropameister?“ Die Antwort wäre gewesen: Ja. Rüdiger Schmidtke sorgte vor vierzig Jahren für eine freudige Überraschung. Im Londoner Empire Pool besiegte der blonde Beau - vor seiner Boxkarriere war Schmidtke Model - den englischen Titelverteidiger Chris Finnegan, Olympiasieger von 1968, durch Technischen K.o. in der 12. Runde des EM-Kampfes im Halbschwergewicht.

Der Hauptkampf in der Ballsporthalle, die Weltmeisterschaft im Cruisergewicht zwischen dem Champion Yoan Pablo Hernandez und dessen Vorgänger Steve Cunningham, verspricht zwar ein mitreißendes Schlagfest, aber nicht ein einträglicher Kassenschlager zu werden. Der Kampf eines Kubaners gegen einen Amerikaner dieses Kalibers wäre in Miami ein Knüller. Aber in Frankfurt? Also soll Licina das besonders wählerische Boxpublikum der Rhein-Main-Region mobilisieren. Licina, ein kompakter, beherzter Kämpfer, erklärt bei jeder Gelegenheit Frankfurt zu seiner „Lieblingsstadt“. Sein Wahlheimatgefühl ist der Starthilfe in ein neues Leben geschuldet. Seine Eltern hatten sich getrennt, seine Mutter war schwer krank. Er wuchs bei der Großmutter auf und lebte nach deren Tod als Jugendlicher allein in deren Wohnung. Ein Straßenjunge. „Mein Leben war nicht mehr viel wert. Ich hatte keinen Schulabschluss, keine Ausbildung, war in der Unterschicht angekommen“, erzählt er. Nur Boxen hatte Licina gelernt.

„Ich habe dort vier Kämpfe bestritten“

Am 14. November 1979 in dem serbischen Ort Novi Pazar an der Grenze zum Kosovo geboren, floh er mit 19 Jahren vor dem Krieg. Dank seiner Fäuste fasste er in Frankfurt Fuß - beim CSC. Bei Universum Boxpromotion in Hamburg wurde der CSC-Amateur 2005 Profi. Keine gute Wahl. , erzählt Licina. „Als ich den vierten verlor, haben sie mich rausgeschmissen.“ Licina verdingte sich fortan jahrelang bei Sauerland Event in Berlin als Sparringspartner von Arthur Abraham. Auf seiner Wanderung durch die deutschen Gyms versetzte ihn das Sauerland-Management nach Frankfurt/Oder zu Manfred Wolke, dem einstigen Erfolgstrainer Henry Maskes. Es kam zum Stallduell der Trainer Wolke gegen Ulli Wegner, Licina gegen Hernandez. Wolkes letzter Mann verlor über zwölf Runden nach Punkten. Seine dritte Punktniederlage in 24 Kämpfen.

Jetzt wird der 32-Jährige von Karsten Röwer in einer Boxhalle in Berlin-Marzahn trainiert. Seitdem fühlt sich Licina „in der besten Form meines Lebens“. Die half ihm zwar nicht zum WM-Gürtel, aber für den EM-Titel könnte sie reichen. Der Gegner, Aleksejew, ist 30 Jahre alt, Rechtsausleger, war Amateur-Weltmeister, wurde bis vor anderthalb Jahren von Fritz Sdunek trainiert, hat von 22 Profikämpfen zwei verloren, aber nicht - wie Licina - gegen Champions von der Klasse eines Hernandez und Cunningham gekämpft.

Seinen letzten Kampf in Frankfurt sollte Enad Licina am 17. März 2002 für den CSC bestreiten. Doch der Staffel-Primus verschlief die Vormittagsveranstaltung in der Wintersporthalle. Ein Verschlafen mit Folgen: Präsident und Mäzen Winkler zog im Zorn über den „Verpenner“ den CSC aus der zweiten Liga zurück.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Perspektivlosigkeit ist Gift

Von Rainer Schulze

Die Zukunft der Wohnungsbaugesellschaft Nassauische Heimstätte ist unklar. Das Land will sich von der Beteiligung trennen - Frankfurt hat die Hand gehoben. Eine Entscheidung tut not. Mehr