Die Stadt Frankfurt wird die gemeinsam mit anderen Städten und Landkreisen der Rhein-Main-Region erwogene Bewerbung als Kulturhauptstadt Europas 2010 nicht weiterverfolgen. Ohne die volle Unterstützung durch die hessische Landesregierung und gegen die Interessen des nordhessischen Mitbewerbers Kassel habe eine solches Vorhaben - für das sich alle daran interessierten Städte noch bis Ende März 2004 bewerben können - von vornherein keine Chance, sagte die Frankfurter Oberbürgermeisterin Petra Roth (CDU) im Anschluß an die gestern in Mainz tagende Regionalkonferenz Rhein-Main.
Der Beschluß, die Angelegenheit zu den Akten zu legen, bedeute jedoch nicht, daß die von den Partnern des Projekts "Kulturhauptstadt" begonnene Kulturzusammenarbeit in Rhein-Main nun ebenfalls beendet werde. Die gemeinsam geschaffene "Route der Industriekultur Rhein-Main", die mittlerweile von Bingen bis Aschaffenburg reicht, sei ein gutes Beispiel für die Potentiale der "ältesten Kulturregion Deutschlands", sagte Roth.
Frankfurt sei jedoch nicht bereit, ohne die Unterstützung des Landes in eine noch dazu "so undurchsichtige Bewerbung zu gehen". Die von der Europäischen Union bereitgestellten Mittel von 500 000 Euro hält Roth bei weitem nicht für ausreichend, das finanzielle Risiko einer in der Vergangenheit zum Teil mehr als 50 Millionen Euro teuren Kulturhauptstadtbewerbung abzufedern. Der Frankfurter Rückzug sei eine Art "Morgengabe für Nordhessen und Kassel", so Roth. Außerdem scheine eine Großstadt wie Frankfurt ohnehin nicht in das Kulturhauptstadt-Konzept zu passen. Zu den anderen Kandidaten gehören etwa Görlitz, Dessau und Ingolstadt.
Unterdessen verlautete aus Wiesbaden, die Landeshauptstadt wolle sich im Alleingang als Kulturhauptstadt 2010 bewerben. Der Landrat des Hochtaunuskreises Jürgen Banzer (CDU) versprach dagegen den Nordhessen gestern volle Unterstützung bei ihrem Vorhaben. "Die Landesregierung und Kassel haben uns bei der letztlich gescheiterten Olympia-Bewerbung schließlich auch unterstützt." Für den Mainzer Oberbürgermeister Jens Beutel (SPD) kommt eine Bewerbung seiner Stadt gleichfalls nicht in Frage. Ohne mit der rheinland-pfälzischen Landesregierung gesprochen zu haben, gehe er davon aus, daß dem Land das Geld dafür fehlt.
Johnny Klinke, Leiter des Variete-Theaters "Tigerpalast", sagte gestern, Frankfurt habe eine "tragfähige Basiskultur", die durchaus mit Städten wie London oder Paris mithalten könne. Es komme aber jetzt drauf an, verstärkt "auf Highlights zu setzen". Hier könnten Wirtschaft und Kultur Hand in Hand gehen und neue Perspektiven eröffnen. "Wiesbaden wünsche ich viel Glück im Städtewettbewerb mit Görlitz und Ingolstadt." Herbert Beck, Direktor von Städel und Liebieghaus sowie Vorsitzender der Kulturinitiative Rhein-Main, zeigte sich erleichtert über die Entscheidung. Nun könne man unbelastet an weitere Projekte herangehen, um die kulturelle Zusammenarbeit in der Region zu vertiefen. Der jüngst abgeschlossene "interkommunale Vertrag" habe die Vorbereitung der Kulturhauptstadt-Bewerbung und den Aufbau einer regionalen Kulturorganisation zum Inhalt. Das eine sei jetzt abgehakt, das andere könne beschleunigt umgesetzt werden. Auch Beck sprach sich dafür aus, nun die Bewerbung Kassels zu unterstützen.
Die Landesregierung hat die Entscheidung der Stadt Frankfurt, auf die Bewerbung um den Titel der Kulturhauptstadt Europas 2010 zu verzichten, als richtig bezeichnet. Nach allen zur Verfügung stehenden Informationen, sagte Regierungssprecher Dirk Metz (CDU), seien Städte undRegionen von der Größe Frankfurts mit Rhein-Main, Kölns oder Hamburgs auf europäischer Ebene "ohne jede ernsthafte Chance". Gefragt seien vielmehr Städte mittlerer Größe wie Weimar oder Graz. Es sei besser, ein offenes Wort zur rechten Zeit zu sagen, merkte der Regierungssprecher an, als wertvolle kreative Kraft in die falsche Richtung zu lenken. Mit dem Verzicht Frankfurts sei zudem der Weg frei, um die Bewerbung Kassels zu unterstützen und ihr zum Erfolg zu verhelfen. Wie Metz hinzufügte, hat Ministerpräsident Roland Koch (CDU) der Frankfurter Oberbürgermeisterin Hilfe bei dem Vorhaben zugesagt, "daß Frankfurt und das Rhein-Main-Gebiet sich anders, aber europaweit exzellent als Kulturregion präsentieren können und werden".
"Äußerst verwundert" hat sich die Landtagsfraktion der Grünen über den Ausstieg Frankfurts aus der Konkurrenz um die Kulturhauptstadt Europas gezeigt. Die Grünen fragten, wer denn diesen Entschluß gefaßt habe, der Magistrat oder die Stadtverordnetenversammlung? Ob denn die Städte Wiesbaden, Offenbach und Mainz konsultiert worden seien, wollten die Grünen zudem wissen. Oder habe es sich gar um einen Alleingang von Petra Roth gehandelt? Das vermutete die FDP-Landtagsfraktion. Es sei "erstaunlich", befand die Frankfurter Abgeordnete Nicola Beer, daß Roth "ganz offensichtlich über einen Beschluß der Römermehrheit hinweg im Alleingang" diese wichtige Entscheidung getroffen habe.
Der Vorsitzende der Grünen-Landtagsfraktion, Tarek Al-Wazir, sprach von einem neuerlichen "Rückschlag" für die Rhein-Main-Region, die vom Land mehr Unterstützung verdient hätte. Nach Al-Wazirs Ansicht zeigt dieser Vorgang, daß die Strukturen der Rhein-Main-Region zu schwerfällig sind. Für diese "strukturelle Unfähigkeit" trage Ministerpräsident Koch die Verantwortung. Dessen Ballungsraumgesetz funktioniere nicht, und die Präsentation der mißlungenen Olympia-Bewerbung passe ins Bild. Koch habe offenkundig nicht verstanden, welch große Bedeutung der Ballungsraum Rhein-Main für ganz Hessen habe. Der Ministerpräsident kümmere sich ohnenhin lieber um seine bundespolitische Profilierung als um die Entwicklung Hessens, warf der Grünen-Politiker Koch vor. Die Landesregierung müsse nun dringend die Bewerbung Kassels unterstützen, damit Hessen nicht völlig aus dem Rennen sei.
Die FDP-Landtagsfraktion hieß den Ausstieg Frankfurts "ausdrücklich" gut. Zum einen sei die wirtschaftliche Lage auch im Rhein-Main-Gebiet "wahrlich nicht so gut", daß erhebliche zusätzliche Finanzmittel akquiriert werden könnten, sagte Beer, die zudem auf die hohe Arbeitslosigkeit und die desolaten Finanzen des Landes wie der Kommunen verwies. Das habe schon die Olympia-Kandidatur gezeigt. Zum zweiten müsse nüchtern festgestellt werden, daß im Vergleich zu anderen Bewerberstädten wie etwa Kassel "die Inhalte für das Bewerbungsverfahren in Frankfurt noch nicht weit gediehen sind". Der Verzicht darf nach Ansicht Beers jedoch nicht dazu führen, daß nun die in der Rhein-Main-Region angestrebte Vernetzung der Kultureinrichtungen als beendet angesehen werde. (a.k./sug./zer.)

