http://www.faz.net/-gzg-74gt1
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 19.11.2012, 20:12 Uhr

Euro Finance Week Diskussion über Bankenregulierung

Bei der Euro Finance Week wollen die Banker weniger Regeln und die Demonstranten mehr.

von und , Frankfurt
© dapd Wie trotz der Regulierung wettbewerbsfähig zu bleiben ist, das ist die Frage.

Zum Auftakt der Euro Finance Week haben die Vorstandsvorsitzenden mehrerer Frankfurter Großbanken zu mehr Besonnenheit bei der Regulierung aufgerufen. Jürgen Fitschen von der Deutschen Bank betonte, es gehe nicht darum, dass die Banken nichts gelernt hätten und sich gegen jegliche Regulierung sträubten. Aber auch der neue Rahmen müsse es den Banken erlauben, im internationalen Wettbewerb innovativ und effizient arbeiten zu können. Scharf kritisierte er Vorschläge, die großen europäischen Kreditinstitute in reine Privatkunden- und reine Investmentbanken zu trennen. Dadurch fielen sie im Wettbewerb mit außereuropäischen Banken zurück.

Tim  Kanning Folgen: Denise Peikert Folgen:

Sowohl Helaba-Chef Hans-Dieter Brenner als auch Wolfgang Kirsch, Vorstandsvorsitzender der DZ-Bank, kritisierten die gleichzeitige Einführung nicht aufeinander abgestimmter Maßnahmen wie neue Eigenkapitalregeln, Bankenabgaben und Vorgaben für die Kundenberatung. Es müsse dringend analysiert werden, welche Wirkungen all diese Maßnahmen erzielten, sagte Kirsch auf der Veranstaltung im Congress-Centrum der Messe. Hohe Kosten und bürokratischen Aufwand erzeugten sie allemal. Der Chef des genossenschaftlichen Spitzeninstituts erwartet, dass viele Volks- und Raiffeisenbanken Zweigstellen schließen werden.

Mehr zum Thema

Deutschland sollte ein entsprechend starkes Gewicht haben

Die Vielfalt der Vorschläge, die derzeit diskutiert werden, wurde auch in den Reden des Bundesbankpräsidenten Jens Weidmann und des hessischen Justiz- und Europaministers Jörg-Uwe Hahn (FDP) deutlich. Weidmann sprach sich für eine stärkere Rolle der Bundesbank innerhalb der Europäischen Zentralbank aus, insbesondere wenn wie geplant eine gemeinsame Bankenaufsicht unter deren Dach aufgebaut werde. In einer solchen Einrichtung sollte eine große Volkswirtschaft wie Deutschland entsprechend starkes Gewicht haben.

Hahn sagte, dass einer solchen Aufsicht nicht auch alle kleinen, regional aufgestellten Banken ohne systemisches Risiko unterstellt werden dürften. Darüber hinaus dürfe man nicht auf der einen Seite die Haftung stark vergemeinschaften, etwa durch gemeinsame Anleihen der Eurostaaten (Eurobonds), auf der anderen Seite aber die Kontrolle und Durchgriffsrechte schwach gestalten.

„Wir müssen alle solidarischer werden“

Vor dem Kongresszentrum der Messe demonstrierten gestern Morgen rund 40 Aktivisten aus dem Umfeld der Occupy-Bewegung. Die Besucher der Euro Finance Week mussten sich ihren Weg durch unüberhörbar trommelnde Demonstranten bahnen, zeigten sich davon aber gänzlich unbeeindruckt. Im Gegensatz zu den Konferenzbesuchern fordern die Aktivisten ein stärker reguliertes Finanzsystem. So dürften Optionen auf Lebensmittel nach ihren Vorstellungen beispielsweise grundsätzlich nicht verfallen, sondern müssten immer ins Direktgeschäft umgewandelt werden. Dadurch könnten Lebensmittelspekulationen und immer weiter steigende Preise verhindert werden.

„Make capitalism history“ - „Lasst Kapitalismus Geschichte werden“ stand auf einem Plakat, das die Aktivisten vor dem Kongresszentrum zwischen zwei Laternenmasten gespannt hatten. Dazu waren zwei an die Masten gegurtete Aktivisten in mehrere Meter Höhe geklettert. „Das ist wie auf Palmen steigen, das bringt man sich untereinander bei, wenn man im Umweltbereich politisch aktiv ist“, sagte einer von ihnen. Ihm komme es nicht so sehr darauf an, gegen Vorsitzende von Banken oder Politiker zu demonstrieren. Vielmehr müsse es ein gesellschaftliches Umdenken geben. „Wir müssen alle solidarischer werden“, sagte er.

Im Rahmen der Euro Finance Week diskutieren noch bis Donnerstag Banker und andere Finanzfachleute wichtige Themen der Branche. Die Kapitalismuskritiker haben ein Gegenprogramm zusammengestellt. Sie planen unter anderem heute Nachmittag vor der Industrie- und Handelskammer am Börsenplatz gegen die von ihnen als neoliberal bezeichnete Immobilien- und Wirtschaftspolitik der Kammer zu protestieren. Am Freitag schließt der European Banking Congress in der Alten Oper unter anderen mit Finanzminister Wolfgang Schäuble und EZB-Präsident Mario Draghi die Woche ab. Diese Gala wollen die Occupy-Aktivisten mit einer Demonstration vom Hauptbahnhof zur Alten Oper unter dem Motto „In Ruhe dinnern ist nicht mehr“ begleiten.

Quelle: F.A.Z.

 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Banken in der Klemme EZB fordert grenzüberschreitende Bankenfusionen

Das Investmentbanking wirft immer weniger ab. Im Zinsgeschäft brechen die Erträge weg. Die Deutsche Bundesbank fürchtet um die Finanzmarktstabilität. Wie ernst ist die Lage? Mehr Von Markus Frühauf

23.05.2016, 19:21 Uhr | Wirtschaft
Grenzkontrollen am Brenner Milchbauern fürchten um Geschäfte

Österreich will am Brenner wieder Kontrollen einführen - zum Ärger Italiens. Flüchtlinge sollen so von der Einreise abgehalten werden Mehr

16.05.2016, 02:00 Uhr | Gesellschaft
Bankenstandorte im Vergleich Bewegung im Wettbewerb der Finanzplätze

Frankfurt schiebt sich vor Paris, London liegt mit noch mehr Abstand an der Spitze in Europa. Aber was ist nach der geplanten Börsenfusion und einem möglichen Brexit zu erwarten? Mehr Von Christian Siedenbiedel

30.05.2016, 21:04 Uhr | Finanzen
Demonstration in Madrid Aktion gegen TTIP in luftiger Höhe

Greenpeace-Aktivisten haben in der spanischen Hauptstadt Madrid gegen das Handelsabkommen TTIP protestiert. Sie brachten ein Banner mit Nein zu TTIP an einem der höchsten Hochhäuser der Stadt an. Mehr

18.05.2016, 10:24 Uhr | Wirtschaft
F.A.S.-exklusiv Wird Jürgen Fitschen Ehrenpräsident der Deutschen Bank?

Jürgen Fitschen ist nicht mehr Chef von Deutschlands bedeutendstem Geldhaus. Für die Bank arbeitet er aber weiterhin - und muss auch nicht auf den Elefantenfriedhof umziehen. Mehr

21.05.2016, 17:21 Uhr | Finanzen

Lärmpausen, die unbemerkte Wohltat

Von Jochen Remmert

Die nun in den Regelbetrieb übernommenen Lärmpausen sind, das haben die Messungen in der Testphase gezeigt, rund um die jeweilige Bahn tatsächlich nicht ganz unwirksam. Mehr 0

Abonnieren Sie unsere Rhein-Main Newsletter

  • Newsletter auswählen

    Newsletter auswählen