Nur wenige Meter hinter der Gemarkungsgrenze von Frankfurt gehen die Uhren in einer Stadt offenbar anders als im gesamten Hessenland: Seit Jahren gibt Eschborn in der wirtschaftlichen Entwicklung den Takt mit hoher Schlagzahl vor. Oft wartet der begehrte Bürostandort mit Rekordeinnahmen bei der Gewerbesteuer auf, gerade wieder legte die Kämmerei eine Jahresabrechnung 2011 mit einem Überschuss von 14 Millionen Euro vor. Statt Schulden hortet Bürgermeister Wilhelm Speckhardt (CDU) auf Konten so um die 250 Millionen Euro für anstehende Projekte. Ausgerechnet das Dorf, in dem vor 40 Jahren noch die Misthaufen auf den Höfen dampften, entwickelte sich im neuen Jahrtausend zur Boomtown.
Der Erfolg hat viele Väter, und er ist nach Einschätzung des derzeitigen Rathauschefs auch keinesfalls gottgegeben: „Dafür haben wir hart gearbeitet.“ Man müsse immer am Ball bleiben, dürfe sich nie auf dem Lorbeer ausruhen. Nur wenn sich die Stadt permanent weiterentwickle, werde sie auch in Zukunft an Erfolge anknüpfen können. Leider gebe es zu viele Neinsager.
Schwer, die Qualität zu halten
Mit Bedenkenträgern musste sich einst Hans Georg Wehrheim (SPD) nicht so sehr herumschlagen. Da Nachbarstädte wie Schwalbach und Bad Soden bei der Ausweisung ihrer Gewerbestandorte - beide umgeben von Landschaftsschutzgebieten - schon von Natur aus eingeschränkt waren, lag Eschborns Potential 1961 für den jungen, damals erst 32 Jahre alten Bürgermeister quasi auf der Straße. Die direkte Nähe zum Flughafen und zu den Autobahnen A66 und A5 schien wie geschaffen für große Gewerbegebiete vor den Toren Frankfurts. In einer später prämierten Bodenpolitik gelang es dem SPD-Politiker, unter dem Titel „Es geht um deine Gemeinde“ den Privatbesitzern - zumeist Landwirten - Grundstücke für das spätere Gewerbegebiet Süd abzukaufen. Für das etwa 100 Hektar große Areal musste die Stadt Schulden in Höhe von umgerechnet 15 Millionen Euro aufnehmen. Was für Eschborn heute fast nur eine Zahlung aus der Portokasse bedeutet, barg damals ein hohes Risiko. Es sei für den Kredit sogar eine Ausnahmegenehmigung des Innenministers nötig gewesen, erinnerte sich Wehrheim einmal. Noch heute wundert sich der frühere Bürgermeister, warum die Frankfurter damals nicht mit ebensolchem Nachdruck die Sossenheimer Gewerbeflächen vorantrieben.
Den Titel „ Architekt des modernen Eschborn“ wird Wehrheim keiner der Nachfolger streitig machen. Auch wenn die Ausweisung dieser wichtigen Flächen ein Meilenstein in der Entwicklung gewesen sei, so falle es unendlich schwerer, die Qualität zu halten, findet Speckhardt. Die Nachfolger mehrten den Erfolg, indem sie stets den Gewerbesteuerhebesatz - derzeit 280 Punkte - niedrig hielten. Sie lockten Unternehmen nach Eschborn, weil jeder wusste, im Rathaus herrscht ein wirtschaftsfreundliches Klima. Und die Eschborner Bürgermeister, ob sie nun Martin Herkströter (CDU) oder jetzt Speckhardt hießen, bewegten sich immer stets gut vernetzt zwischen Hochfinanz und Vorstandsetagen. Dieses Engagement wurde von vielen stets skeptisch beäugt. Ob die Eschborner mit ihrem finanziellen Beitrag das Radrennen „Rund um den Finanzplatz Frankfurt/Eschborn“ am Leben halten, Millionen für das Städel oder das English Theatre spenden - immer haftet der Gabe der Geruch des neureichen Nachbarn an.
30 Millionen Euro für Straßenverbindung
Ein wenig beneidet Speckhardt deshalb heute den legendären Amtsvorgänger Wehrheim, der seine Visionen ohne die heutigen Beschränkungen des Naturschutzes und ohne Kritik am Flächenverbrauch durchsetzen konnte. Und „Eschborner Großmannssucht“ warf dem Erbauer des Rathauses auch niemand vor. Vom „Wehrheim-Palast“ sprach keiner. Die Neid-Gesellschaft in ihrer aktuellen Ausprägung gab es noch nicht.
Jüngste Entwicklungen bereiten Speckhardt Sorgen. Auch Eschborn verzeichnet nach einer Zusammenfassung von 2011 immerhin 200.000 Quadratmeter Leerstände an Gewerbeflächen - ein Anteil am Gesamtbestand von immerhin 17 Prozent. Leider entwickele sich die Region nicht so rasant, wie es wünschenswert wäre, sagt Speckhardt. Es gebe so viele, die nur nein sagten, sich aber nicht mehr für etwas begeistern ließen. Oftmals lasse sich die Mehrheit von Scharfmachern steuern, bedauert er. Mit den „Bremsern“ aber werde sich die wirtschaftliche Qualität nicht halten lassen. Bürgerentscheide verhinderten in Eschborn zuletzt Projekte wie den Neubau von Stadthalle, Parkhaus und Mediathek und den neuen Sportpark. Dabei habe die Stadtverwaltung für Transparenz gesorgt wie nie zuvor in Bürgerforen. Hunderten von Menschen habe man die marode Stadthalle gezeigt, berichtet Speckhardt. Letztendlich aber könne man sich mit sachlichen Argumenten nur schwer gegen Stimmungsmache durchsetzen. Wer nur den Status quo erhalten wolle, der riskiere aber auch für Eschborn den Stillstand.
Deshalb blickt der Rathauschef fest auf ein Vorhaben, das ein wesentlicher Beitrag für die Zukunft Eschborns werden soll. Für die Verwirklichung muss die Stadt mehr investieren, als es damals Wehrheim auf Pump tat. Geschätzte 30 Millionen Euro werde die neue etwa ein Kilometer lange Straßenverbindung vom Verkehrsknoten der „Eurohypo“ bis zum Mercure Hotel an der Frankfurter Straße kosten. Das Planfeststellungsverfahren ist abgeschlossen, erste Planungsbüros werden noch in diesem Jahr beauftragt. 2013 sollen laut Speckhardt die ersten Bagger rollen. Die Verbindung der Gewerbegebiete Süd und Ost müsse kommen, viele Unternehmen hätten sich nur deshalb angesiedelt, weil die mühsamen Schleichwege durch die Innenstadt bald ein Ende hätten. Als seine wichtigste Aufgabe aber nennt Speckhardt etwas, das es mit all dem Geld auf den städtischen Konten nicht zu kaufen gibt: Die Eschborner müssten wieder für Eschborn, seine Möglichkeiten und Chancen begeistert werden.
Neue Straße
Bernd Kuhn (tus1988)
- 20.07.2012, 08:51 Uhr
Infrastruktur
Peter Lehnen (plehnen68)
- 18.07.2012, 13:30 Uhr