http://www.faz.net/-gzg-8v5nr

Streit um Kasseler Straßenfest : Es geht um die Wurst

  • Aktualisiert am

Soll es während eines Kasseler Stadtteilfests laut Veranstaltern nicht geben: Bratwurst Bild: dpa

Auf einem Stadtteilfest in Kassel soll nur vegetarisches Essen verkauft werden. Aus Platzgründen, sagt der Veranstalter. Plötzlich ist von einem „Wurst-Verbot“ die Rede. Eine Stadt ist in Aufruhr.

          Eigentlich fing alles ganz harmlos an. Für ein Stadtteilfest im Frühjahr in Kassel wollen die Organisatoren diesmal nur fleischloses Essen anbieten - auch aus Platzmangel. Doch diese Entscheidung lässt die Emotionen in Nordhessen hochkochen. Von einem „Wurst-Verbot“ ist die Rede, die Stadtverordnetenversammlung schaltet sich ein, und die Veranstalter verstehen die Welt nicht mehr. Es ist nicht das erste Mal, dass die unterschiedlichen Ansichten von Vegetariern und Fleischessern in Hessen aufeinanderprallen.

          Seit mehr als 25 Jahren organisiert der Verein Umwelthaus Kassel das Umwelt- und Kulturfest, das von der Stadt unterstützt wird. Dieses Jahr soll es am 23. April - Anlass ist der Tag der Erde (22. April) - über die Bühne gehen, erwartet werden rund 20 000 Besucher. Bei dem Umwelt- und Kulturtag werden Informationen zu Ökologie und Nachhaltigkeit angeboten, die Besucher zum Nachdenken anregen sollen.

          „Das ist keine Bratwurst-Kirmes

          „Aus Platzmangel mussten wir in diesem Jahr 60 Aussteller ausschließen, die in den letzten Jahren fester Bestandteil waren. Dazu gehören auch drei Bratwurststände“, erzählt der Vereinsvorsitzende Hubert Grundler, der nach eigenen Angaben selbst gelegentlich Fleisch isst. Er spricht von einer „harmlosen Entscheidung“, die generell auch zur inhaltlichen Ausrichtung des Tages passen würde. Schließlich handele es sich nicht um eine „Bratwurst-Kirmes oder ein Oktoberfest“.

          Salami aus Nordhessen: Ahle Worscht
          Salami aus Nordhessen: Ahle Worscht : Bild: Helmut Fricke

          Die Veranstalter hatten jedoch nicht mit dem darauf folgenden Wirbel gerechnet. Zuletzt landete das Thema sogar auf der Tagesordnung des Stadtparlaments. Dort einigte man sich schließlich nach einer kontroversen Diskussion darauf, an die Veranstalter zu appellieren, die Entscheidung zu überdenken.

          Es gehe immerhin um ein „klares Bekenntnis zu unserer Region und unseren Spezialitäten“ wurde CDU-Politiker Stefan Kortmann von der Zeitung „Hessische/Niedersächsische Allgemeine“ zitiert. Ahle Wurst, Weckewerk und Bratwurst gehörten zu Kassel wie Herkules und der Fluss Fulda.

          Die AfD unterstellte dem Verein Umwelthaus gleich einen „Umerziehungskurs“. Und auch für die Oberbürgermeister-Wahl Anfang März in Kassel spielt das „Wurst-Verbot“ plötzlich eine Rolle. Der SPD-Kandidat Christian Geselle posiert auf seiner Facebook-Seite demonstrativ mit einer Bratwurst und dem Spruch „Zum besten zu Hause gehört auch ne gute Bratwurst“.

          „Verzicht auf Fleisch zumutbar“

          Doch auch nach einer Sondersitzung stehen die Macher des Stadtteil-Festes zu ihrer Entscheidung für eine vegetarische Verpflegung. „Wir halten es für zumutbar, bei einem Fest, das von 11.00 bis 18.00 Uhr dauert, auf Fleisch zu verzichten“, sagt Grundler. Jeder Veranstalter entscheide über Programmpunkte oder die Art der Musik, die auf einem Fest gespielt werde. Die Entscheidung für ein Verzicht auf Fleisch sei nichts anderes. Schade, findet die Stadt Kassel. Der Magistrat hätte es begrüßt, wenn die Veranstalter dem Appell der Stadtverordnetenversammlung gefolgt wären, heißt es.

          Erst vor kurzem hatte die Posse um ein „nicht-veganes Kinderlied“ in Limburg bundesweit für Schlagzeilen gesorgt. Einer Frau missfiel am Glockenspiel am Rathaus das Lied „Fuchs, du hast die Gans gestohlen“ wegen der Zeile „Sonst kommt dich der Jäger holen, mit dem Schießgewehr“. Sie fühle sich als Veganerin damit nicht wohl, sagte sie und wandte sich an den Bürgermeister. Der entsprach ihrer Bitte und nahm das Lied vorübergehend aus dem Repertoire. Daraufhin hagelte es Beschimpfungen, Beleidigungen und sogar Rücktrittsforderungen gegen den Rathauschef.

          Warum emotionalisiert das Thema derart? Der Soziologe Daniel Kofahl beschäftigt sich seit Jahren mit Ernährungskultur. Sein Erklärungsversuch: „Die Leute fühlen sich in ihrer Identität angegriffen, denn Essen zeichnet die Menschen aus“, sagt Kofahl, der an der Universität Bielefeld lehrt. „Gerade in Nordhessen ist die Wurst ein Teil der Identität.“

          Es gehöre für die Menschen einfach dazu, sich bei einem guten Fest eine Wurst zu gönnen, sagt der Wissenschaftler. „Das Verbannen von Fleischprodukten ist sehr radikal.“ Besser sei es, den Menschen die Entscheidung selber zu überlassen. Generell empfiehlt Kofahl, Alternativen wie Öko-Anbieter aufzunehmen und auch Fleischesser nicht auszugrenzen.

          Quelle: dpa

          Weitere Themen

          Die Koks-Röhren von Peru Video-Seite öffnen

          Drogenfund : Die Koks-Röhren von Peru

          Das Rauschgift war im Kunststoff der PVC-Röhren eingearbeitet und sollte so nach Europa und Amerika geschmuggelt werden. Die peruanischen Fahnder nahmen insgesamt sieben Drogengangster fest.

          Topmeldungen

          Monokulturen und der Einsatz von Agrarchemikalien stehen im Verdacht als Auslöser des Insektenschwunds.

          75 Prozent weniger Insekten : „Wir befinden uns mitten in einem Albtraum“

          Das Insektensterben lässt sich nicht mehr abstreiten. Der oft kritisierte Krefelder Entomologen-Verein hat jetzt in einer Langzeitstudie gezeigt: Die Populationen sind seit der Wende um drei Viertel geschrumpft. Welchen Anteil hat die Landwirtschaft, welchen das Klima?
          Im Mittelpunkt des Interesses: Der Parteikongress in Peking lähmt sogar den Straßenverkehr.

          Zurück in die Zukunft : China will wieder mehr Staat

          Auf dem Parteikongress ordnet Xi Jinping seine Prioritäten neu. Mehr Planwirtschaft und Kontrolle sollen China zu neuer Größe führen. Welche Folgen könnte das haben?
          Andrea Nahles und Thomas Oppermann, kurz nachdem sie zu seiner Nachfolgerin gewählt wurde. Oppermann schielt jetzt auf das Amt des Bundestags-Vizepräsidenten – nur ist er da nicht der einzige.

          Neuer Bundestag : Das Postengeschiebe hat begonnen

          Die Nominierung des Kandidaten für die Bundestags-Vizepräsidentschaft bereitet der SPD einige Schwierigkeiten. Währenddessen hält die FDP für den Posten ihrer Partei eine Überraschung bereit.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.