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Veröffentlicht: 22.02.2017, 16:52 Uhr

Streit um Kasseler Straßenfest Es geht um die Wurst

Auf einem Stadtteilfest in Kassel soll nur vegetarisches Essen verkauft werden. Aus Platzgründen, sagt der Veranstalter. Plötzlich ist von einem „Wurst-Verbot“ die Rede. Eine Stadt ist in Aufruhr.

© dpa Soll es während eines Kasseler Stadtteilfests laut Veranstaltern nicht geben: Bratwurst

Eigentlich fing alles ganz harmlos an. Für ein Stadtteilfest im Frühjahr in Kassel wollen die Organisatoren diesmal nur fleischloses Essen anbieten - auch aus Platzmangel. Doch diese Entscheidung lässt die Emotionen in Nordhessen hochkochen. Von einem „Wurst-Verbot“ ist die Rede, die Stadtverordnetenversammlung schaltet sich ein, und die Veranstalter verstehen die Welt nicht mehr. Es ist nicht das erste Mal, dass die unterschiedlichen Ansichten von Vegetariern und Fleischessern in Hessen aufeinanderprallen.

Seit mehr als 25 Jahren organisiert der Verein Umwelthaus Kassel das Umwelt- und Kulturfest, das von der Stadt unterstützt wird. Dieses Jahr soll es am 23. April - Anlass ist der Tag der Erde (22. April) - über die Bühne gehen, erwartet werden rund 20 000 Besucher. Bei dem Umwelt- und Kulturtag werden Informationen zu Ökologie und Nachhaltigkeit angeboten, die Besucher zum Nachdenken anregen sollen.

„Das ist keine Bratwurst-Kirmes

„Aus Platzmangel mussten wir in diesem Jahr 60 Aussteller ausschließen, die in den letzten Jahren fester Bestandteil waren. Dazu gehören auch drei Bratwurststände“, erzählt der Vereinsvorsitzende Hubert Grundler, der nach eigenen Angaben selbst gelegentlich Fleisch isst. Er spricht von einer „harmlosen Entscheidung“, die generell auch zur inhaltlichen Ausrichtung des Tages passen würde. Schließlich handele es sich nicht um eine „Bratwurst-Kirmes oder ein Oktoberfest“.

44931225 © Helmut Fricke Vergrößern Salami aus Nordhessen: Ahle Worscht

Die Veranstalter hatten jedoch nicht mit dem darauf folgenden Wirbel gerechnet. Zuletzt landete das Thema sogar auf der Tagesordnung des Stadtparlaments. Dort einigte man sich schließlich nach einer kontroversen Diskussion darauf, an die Veranstalter zu appellieren, die Entscheidung zu überdenken.

Es gehe immerhin um ein „klares Bekenntnis zu unserer Region und unseren Spezialitäten“ wurde CDU-Politiker Stefan Kortmann von der Zeitung „Hessische/Niedersächsische Allgemeine“ zitiert. Ahle Wurst, Weckewerk und Bratwurst gehörten zu Kassel wie Herkules und der Fluss Fulda.

Die AfD unterstellte dem Verein Umwelthaus gleich einen „Umerziehungskurs“. Und auch für die Oberbürgermeister-Wahl Anfang März in Kassel spielt das „Wurst-Verbot“ plötzlich eine Rolle. Der SPD-Kandidat Christian Geselle posiert auf seiner Facebook-Seite demonstrativ mit einer Bratwurst und dem Spruch „Zum besten zu Hause gehört auch ne gute Bratwurst“.

„Verzicht auf Fleisch zumutbar“

Doch auch nach einer Sondersitzung stehen die Macher des Stadtteil-Festes zu ihrer Entscheidung für eine vegetarische Verpflegung. „Wir halten es für zumutbar, bei einem Fest, das von 11.00 bis 18.00 Uhr dauert, auf Fleisch zu verzichten“, sagt Grundler. Jeder Veranstalter entscheide über Programmpunkte oder die Art der Musik, die auf einem Fest gespielt werde. Die Entscheidung für ein Verzicht auf Fleisch sei nichts anderes. Schade, findet die Stadt Kassel. Der Magistrat hätte es begrüßt, wenn die Veranstalter dem Appell der Stadtverordnetenversammlung gefolgt wären, heißt es.

Erst vor kurzem hatte die Posse um ein „nicht-veganes Kinderlied“ in Limburg bundesweit für Schlagzeilen gesorgt. Einer Frau missfiel am Glockenspiel am Rathaus das Lied „Fuchs, du hast die Gans gestohlen“ wegen der Zeile „Sonst kommt dich der Jäger holen, mit dem Schießgewehr“. Sie fühle sich als Veganerin damit nicht wohl, sagte sie und wandte sich an den Bürgermeister. Der entsprach ihrer Bitte und nahm das Lied vorübergehend aus dem Repertoire. Daraufhin hagelte es Beschimpfungen, Beleidigungen und sogar Rücktrittsforderungen gegen den Rathauschef.

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Warum emotionalisiert das Thema derart? Der Soziologe Daniel Kofahl beschäftigt sich seit Jahren mit Ernährungskultur. Sein Erklärungsversuch: „Die Leute fühlen sich in ihrer Identität angegriffen, denn Essen zeichnet die Menschen aus“, sagt Kofahl, der an der Universität Bielefeld lehrt. „Gerade in Nordhessen ist die Wurst ein Teil der Identität.“

Es gehöre für die Menschen einfach dazu, sich bei einem guten Fest eine Wurst zu gönnen, sagt der Wissenschaftler. „Das Verbannen von Fleischprodukten ist sehr radikal.“ Besser sei es, den Menschen die Entscheidung selber zu überlassen. Generell empfiehlt Kofahl, Alternativen wie Öko-Anbieter aufzunehmen und auch Fleischesser nicht auszugrenzen.

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Von Matthias Alexander

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