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Erweiterungsbau des Städel-Museums Kunstwerker

 ·  Ende des Monats wird der unterirdische Erweiterungsbau des Städel-Museums eröffnet. Vorher muss die Kunst an die Wände. Es ist die Stunde des Hängeteams.

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Günter Zehentner fährt sich mit der Hand durch den Bart. „Fotografie neben Malerei ist nie einfach zu hängen“, sagt er. Weiches Licht fällt durch die Bullaugen an der Decke des Raumes auf die Gesichter seiner Kollegen. Die Blicke der Männer wandern zweifelnd zwischen zwei Großformaten hin und her. Vor ihnen an der Wand lehnt hier wie dort bewegtes Hell-Dunkel. Doch neben dem wuchtigen Farbauftrag von K.O.Götz scheint Wolfgang Tillmans abstrakte Fotografie „Freischwimmer“ zu versinken. „Der Tillmans säuft da ab“, wirft einer der Männer ein und klappt seinen Zollstock zusammen, während zwei seiner Mitstreiter mit weißen Handschuhen das nächste Bild hereintragen.

Kunst aus der Zeit nach 1945 zieht in den gerade fertiggestellten Erweiterungsbau unter dem Garten des Städel-Museums. Es riecht nach frischer Farbe. Noch unterbrechen nur wenige Bilder das makellose Weiß der Wände. Dafür bevölkern Leitern und Hubwagen die Ausstellungshalle, auf mobilen Werkbänken liegen Schrauben, Winkelhaken, Klebeband und Werkzeug aller Art.

„Wir sind wie eine Familie“

Im Ausstellungsareal, das für das Informel reserviert ist, warten einige Farbexplosionen auf Leinwand noch darauf, ihre Plätze zugewiesen zu bekommen. Schaumstoff schützt währenddessen die Kunst und die Wände, an denen die Bilder provisorisch abgestellt worden sind. Einige Schritte weiter leuchtet das Blau eines Gemäldes von Yves Klein durch das schützende Vlies hindurch, Grafiken liegen auf einem Transportwagen, und zwei Skulpturen auf Paletten harren nebst einem Akkuschrauber und einer Wasserwaage der Dinge, die da kommen mögen.

Wenn Ausstellungsarchitekten und Handwerker gegangen sind und die Kunst kommt, schlägt die Stunde des Hängeteams. Dann legt das Städel seine Kunstwerke in die vertrauenswürdigen Hände von zehn Männern zwischen dreißig und Mitte vierzig, die dem Haus zum größten Teil seit Jahren eng verbunden sind. Einen Chef haben sie nicht: Die Hängespezialisten bilden eine Art Kollektiv. „Wir sind wie eine Familie“, sagen sie. Gemeinsam sorgen sie dafür, dass wertvolle Bilder unbeschadet an die Wände kommen und Skulpturen sicher auf ihre Sockel. Ihr Augenmaß ist aber auch dann gefragt, wenn es um die Anordnung der Werke geht. Denn das Bilderhängen ist nur ihr Nebenjob: Im Hauptberuf sind sie Künstler; die meisten von ihnen haben an der Städelschule studiert.

Was in der Theorie zusammenpasst, kann sich als Mesalliance entpuppen, sobald es nebeneinandersteht

„Natürlich legen wir nicht die Hängung fest“, sagt Zehentner, der sein Studium 1998 als Videokünstler abgeschlossen hat. Was wo hinkomme, entscheide der Kurator zusammen mit dem Direktor des Museums, Max Hollein. „Aber die verantwortlichen Kuratoren fragen uns oft um Rat und diskutieren gerne mit uns.“ Kaum jemand kenne das Haus und seine Sammlung so gut wie sie, außerdem hätten sie als bildende Künstler einen anderen Blick. Und was sagt dieser Blick über das Götz-Gemälde neben der Tillmans-Fotografie? „Die Stelle haben wir schon mehrmals umgebaut. Jetzt lassen wir die Bilder erst einmal stehen und überlegen weiter, wenn Martin Engler kommt.“ Der Sammlungsleiter für zeitgenössische Kunst hat ohnehin das letzte Wort - und hoffentlich die rettende Idee.

Ein Architekturmodell in einem Raum, der anstelle von Kunst bislang nur eine Ansammlung von Packmaterialien enthält, zeigt den augenblicklichen Planungsstand: Mit Magneten sind maßstabsgetreue Nachbildungen aller Bilder an den Wänden des Modellbaus befestigt. Dass viele der Magnetkärtchen kopfüber oder schräg hängen, zeigt: Noch ist alles im Fluss. Was in der Theorie zusammenpasst, kann sich als Mesalliance entpuppen, sobald es nebeneinandersteht.

„Wir tauschen uns über die Kunst aus, die wir hängen. Und über die, die wir selbst machen“

Nicht mit Kombinationen, sondern mit dem Prinzip der Reihung kämpft derweil der Maler Özcan Kaplan, der auf einer Leiter steht und Schrauben in einer Hängeleiste versenkt. Klaus Rinkes sechzehnteilige Fotoserie „Die Wand“ so anzubringen, dass die oberen Kanten der Bilder waagerecht und bündig sind, hört sich einfach an, ist es aber nicht. Denn die Rahmen der einzelnen Aufnahmen sind schief. Viele Male muss sich der Frankfurter Künstler die Wasserwaage reichen lassen, bis ein winziger Keil die entscheidenden Millimeter beisteuert. „Das sind die kleinen Hängegeheimnisse“, sagt Kaplan. Das Wichtigste sei es, mitzudenken, handwerkliches Geschick und Verständnis für Kunst mitzubringen.

Der Mann mit der Wasserwaage in der Hand und den Rastazöpfen auf dem Kopf ist der Musiker Marc Haub, neu im Team, doch dem Bilderhängen schon gänzlich verfallen. „Hier kommen Kunst und Baumarkt zusammen“, sagt er, lacht und blickt sich um. Für Jobs wie diese sei man als Künstler dankbar. Das findet auch der Maler Thomas Buck, ein weiterer ehemaliger Städelschüler: „Wir tauschen uns über die Kunst aus, die wir hängen. Und über die, die wir selbst machen.“ Das sei immer spannend. „Kunst zum Anfassen“ macht für den Produktdesigner Burkhard Dämmer seit fast zehn Jahren den Reiz dieser Arbeit aus. Weil jeder im Team aus einem anderen Bereich komme, ergänze man einander bestens.

„Den Zuwachs konnten wir nur bewältigen, weil sich durch den Neubau unsere Depotfläche verdoppelt hat“

Die Handgriffe der Männer sind schnell und präzise. Doch sie arbeiten ohne Hast. Die wäre auch nicht angebracht, den die Objekte, mit denen es das Team zu tun hat, sind nicht nur wertvoll, sondern oft auch fragil. Dreihundert Kunstwerke wandern in diesen Tagen in die neuen Ausstellungsräume, die am 25. Februar ihre Türen für Besucher öffnen: Es sind Gemälde, Grafiken, Fotografien und Skulpturen. Die Genres zu mischen gehört zum Konzept. Die meisten Werke sind in der Dauerausstellung erstmals zu sehen, denn sie gehören zu den knapp 1.400 Neuzugängen, die das Museum in den vergangenen Jahren aufgenommen hat: Schenkungen, Neuanschaffungen und Auftragsarbeiten.

„Den Zuwachs konnten wir nur bewältigen, weil sich durch den Neubau unsere Depotfläche verdoppelt hat“, sagt Katja Hilbig. Die Leiterin des Ausstellungsdienstes organisiert den Weg der Kunstwerke an ihre Bestimmungsorte - mit Laptop und jeder Menge Listen. Nebenan hat Chefrestaurator Stephan Knobloch eine provisorische Werkstatt eingerichtet, in der gerade ein Bild von Sigmar Polke verarztet wird. Aus der Werkstatt der Grafikrestauratorin Ruth Schmutzler rollen derweil zwei Mitglieder des Hängeteams auf einem Handwagen frisch gerahmte Papierarbeiten in die Ausstellung. Ihr Weg führt sie auch durch den Raum für das Informel.

Dort ist inzwischen Engler eingetroffen - und eine große Wanderung der Bilder beginnt. „Die vier kleinen nehmen wir mal nach rechts, die beiden anderen dort hinüber“, schlägt er vor. Hände packen zu, Schaumstoffpolster werden mit den Füßen hinterhergeschoben. Stellen, schauen, abwägen. „So könnte es funktionieren“, sagt Zehentner. „Aber ich brauche auf der Wand den Kontakt zu einem älteren Bild“, entgegnet Engler. Also noch einmal alles anders. Geht es so? Vielleicht. „Wo ist eigentlich Özcan?“, fragt jemand. „Mittag essen“ lautet die Antwort. Eine gute Idee, findet das Team. Nach einem Teller Linsensuppe in der Mensa der Städelschule finden die Bilder vielleicht wie von selbst ihren Ort.

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Von Matthias Alexander

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