Von biblischen Maßen ist sie nicht, Schutz vor einer Sintflut böte sie auch nicht. Und vom Berg Ararat befindet sie sich Tausende Kilometer entfernt. Gleichwohl ist es eine stattliche Konstruktion, die sich auf dem höchsten Punkt einer Vogelsberg-Anhöhe befindet. Die Arche Noah bildet das Herzstück eines ungewöhnlichen Spiel- und Freizeitgeländes, das kürzlich eröffnet wurde: Der erste Bibelpark vor den Toren des Kolping-Feriendorfs bei Herbstein. Er besteht aus knapp einem Dutzend Stationen nach alttestamentarischen Motiven.
Besucher aller Generationen können sich dort auf verschiedenen Wegen mit Geschichten und Symbolik der Bibel auseinandersetzen. Einige Exponate bieten Gelegenheit zur spielerischen Beschäftigung mit dem Alten Testament, andere sind eher für Einkehr und Stille konzipiert. „Jeder kann für sich die Geschichten aus der Bibel reflektieren und die Aussagen des Alten Testaments für sich und das Zusammenleben in der modernen Gesellschaft nutzen“, beschreibt Hubert Straub, Geschäftsführer des Feriendorfs, Sinn und Zweck des Bibelparks. Dass Motive aus dem Alten Testament für den Bibelpark Pate stehen, ergibt sich für Straub aus der „besonderen Symbolkraft“ und weil das Alte Testament für gemeinsame Wurzeln von Christentum, Judentum und Islam, also auch für Glaubensvielfalt moderner Gesellschaften, stehe.
Sitzecken im Schiffsbauch
Begonnen hat das Projekt Bibelpark mit dem Aufenthalt einer Gruppe von Bundeswehrsoldaten, die von Auslandseinsätzen zurückgekehrt waren und in einem Seminar des Kolping-Dorfs auf das zivile Leben vorbereitet werden sollten. Bei der Auseinandersetzung mit dem Erlebten kamen die Soldaten auf Glauben und Sinnsuche zu sprechen. Das brachte die Idee hervor, sich der Bibel nicht nur in Wort und Schrift zu nähern. Straub nahm sich der Sache an, fand einen Zimmermann und Sponsoren, die Material und Geld zur Verfügung stellten. In einem Gemeinschaftswerk von Soldaten, Seminarleitern und Handwerkern entstand die Vogelsberger Arche Noah nach Bauplänen, die sich an historischen Beschreibungen orientierten.
Sitzecken im Schiffsbauch und eine Aussichtsplattform bieten Möglichkeiten zur Einkehr. Alsbald avancierte die Arche zur Attraktion des Spiel- und Freizeitgeländes, und so beschlossen Straub und seine Mitstreiter, das Areal um Installationen mit weiteren Motiven zu erweitern. Entstanden sind die meisten hölzernen Bauten im Zusammenhang mit Seminaren, die das Feriendorf für Tagungsgäste von Verbänden, Vereinen, Firmen und Behörden aus ganz Hessen veranstaltet. Auch Bildhauer und Kunsthandwerker brachten sich mit Entwürfen in den Vogelsberger Bibelpark ein.
So sind die Installationen Kunstobjekte und Geräte für kreatives Spiel zugleich. Kinder können beispielsweise in die Rolle des David schlüpfen und mit Bällen auf die Figur des Riesen Goliath zielen. Sie können lernen, dass es mit Mut und Geschick gelingen kann, auch scheinbar aussichtslose Situationen zu meistern. Die Figur vom Goldenen Kalb befindet sich in der Mitte einer kleinen Freilichtbühne, sie dient als Requisit für von Gästen inszenierte Aufführungen, die sich damit befassen, dass es auch heute ein Menge Goldener Kälber gibt - wie Macht, Geldgier und Prestigesucht. Fast zehn Meter ragt der „Turm zu Babel“ empor, dessen labile Konstruktion mahnen soll, nicht zu hoch hinaus zu wollen und innezuhalten, bevor die Dinge über den Kopf wachsen.
An der Station „Moses und die zehn Gebote“ gibt es einen Treffpunkt, wo sich Gruppen von Kindern und Erwachsenen zusammentun können, um für sich Grundsätze festzulegen, an die sie sich halten wollen. Weitere Stationen sind geplant, etwa zum Thema Vertrauen und Partnerschaft, symbolisiert durch Adam und Eva. Was sonst noch hinzukommt, das soll sich nach den Vorstellungen der Initiatoren nicht zuletzt nach den Vorstellungen künftiger Helfer richten, die an Konzept und Aufbau mitwirken.
22.000 Gäste im Jahr
Geplant ist, den Park nicht nur für die Freizeitgestaltung und Projektarbeit von Seminarteilnehmern zu nutzen, sondern auch für Feste, kulturelle Darbietungen und Andachten. Die Leitung des Feriendorfs denkt beispielsweise an Themengottesdienste zu den biblischen Begebenheiten, welche die Installationen repräsentieren. Die Beschäftigung mit Glaubensfragen ist freilich nur eines von vielen Angeboten, welche die Freizeit- und Bildungseinrichtung im Vogelsberg offeriert. Die Anlage gehört zur Kooperation der Kolping Familienferienstätten und ist nach Angaben von Straub das einzige Feriendorf im Kolping-Verbund in Deutschland, eines eigenständigen Verbandes in der katholischen Kirche.
Die von einer GmbH mit gemeinnützigem Status geführte Einrichtung entstand Ende der sechziger Jahre und ist mehrmals erweitert worden. Konzipiert als Ort, wo insbesondere einkommensschwächere Familien ausspannen können, hat sich das Feriendorf zu einer Einrichtung für eine breite Klientel entwickelt. Durchschnittlich übernachten in dem Feriendorf rund 22.000 Personen im Jahr. Zu der gut einen Hektar großen Anlage in Herbstein, einer katholisch geprägten Stadt im protestantischen Vogelsberg, gehören 33 Bungalows, Tagungsgebäude, Werkstätten, Theaterbühne und eine Kirche, die sich nach dem Vorbild der Ortschaften in der Region um eine Art Dorfplatz gruppieren.