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Psychologe Andreas Gold : „Schlechter Unterricht führt dazu, dass alle gleicher werden“

  • Aktualisiert am

Forschungsgebiet Schule, Arbeitsstelle Johann-Wolfgang-Goethe-Universität Frankfurt: Andreas Gold Bild: Frank Röth

Es nutzt die schönste Schule nichts, wenn das Personal nichts von seinem Job versteht: Unterrichtsforscher Andreas Gold über das, was erfolgreiche Pädagogen und guten Unterricht ausmacht.

          Herr Professor Gold, Sie haben ein Buch geschrieben, das ,Guter Unterricht‘ heißt. Ist zu diesem Thema nicht schon alles gesagt?

          Vielleicht, aber noch nicht von jedem.

          Fassen Sie bitte zuerst einmal ganz kurz zusammen, was das ist, guter Unterricht.

          Guter Unterricht führt dazu, dass Schülerinnen und Schüler etwas lernen. Und darüber, wie das funktionieren kann, wissen wir inzwischen recht viel.

          Was war die Ausgangslage für Ihr Buch? Haben Sie Veränderungen festgestellt, zum Schlechten womöglich?

          Nein. Der Buchtitel ist, das gebe ich zu, ein wenig plakativ. Er gibt aber keinen Hinweis darauf, dass Unterricht in Deutschland schlechter geworden sei. Im Gegenteil, ich glaube, dass an deutschen Schulen, in deutschen Klassenzimmern, ziemlich guter Unterricht gemacht wird. In der Öffentlichkeit wird meist gesprochen über Strukturfragen: Ganztagsschule, Inklusion, Differenzierung nach der vierten Klasse oder später. Daran arbeiten sich die Bildungspolitiker seit 50 Jahren ab. Bei all diesen Strukturfragen gerät aus dem Blick, dass es letztlich auf die Unterrichtsqualität ankommt, also auf das, was Lehrerinnen und Lehrer im Klassenzimmer wirklich machen.

          Kann man das denn trennen?

          Ja. Auf den Lehrer kommt es an und auf das, was er im Klassenzimmer macht, aus meiner Perspektive als Unterrichtsforscher. Bildungspolitisch denkende Menschen würden wahrscheinlich die System- oder Strukturfrage beleuchten.

          Was bedeutet Unterrichten heute? Welche Herausforderungen muss ein Lehrer meistern?

          Zuvorderst muss er Wissen und Fertigkeiten vermitteln. Darüber hinaus aber werden zunehmend Erziehungsaufgaben allgemeiner Art auf die Lehrer übertragen, ob sie das wollen oder auch nicht, und sie müssen sie auch leisten. Auch dann, wenn gleichzeitig eine allgemein nachlassende Kooperationsbereitschaft von Eltern zu beobachten ist. Außerdem sind die Lernvoraussetzungen von Schülern zunehmend ungleicher als früher. Mit dieser Heterogenität umzugehen ist eine erhebliche Herausforderung.

          Wo führt Schule die Schüler hin? Können und sollen unterschiedliche Eingangsvoraussetzungen so weit wie möglich nivelliert werden? Und hebt guter Unterricht Heterogenität auf?

          Nein.

          Ist der Beibehalt von Unterschieden also das Ziel von Schule?

          Ich formuliere das mal provokant: Am Ende guten Unterrichts steht eine größer gewordene Heterogenität der Schülerschaft. Richtig guter Unterricht fördert jedes Kind, soweit das aufgrund des Potentials, das es mitbringt, möglich ist. Und wenn man jeden optimal fördert, sind, weil schon die Ausgangslagen unterschiedlich waren, am Ende auch die Ergebnisse unterschiedlich. Nur ganz schlechter Unterricht wird dazu führen, dass am Ende alle ein bisschen gleicher sind, auf niedrigem Niveau.

          Am intensivsten auf unterschiedliche Lernvoraussetzungen eingehen müssen Pädagogen ja wohl in der Grundschule.

          Aber nur, weil wir nach der Grundschule nach Leistungen differenzieren.

          Was sagen Sie denn in diesem Zusammenhang zu den hohen Übertrittsquoten aus den Vierte-Klasse-Jahrgängen auf die Gymnasien? In Frankfurt liegt diese Quote aktuell bei fast 60 Prozent.

          Wenn man diese Entwicklung weiterdenkt, kann von Homogenisierung von Lerngruppen nicht mehr viel die Rede sein. Dann gibt es bald eine Regelschule, die heißt Gymnasium.

           Ist das eine wünschenswerte Entwicklung?

          Das ist jetzt eine Systemfrage.

          Dann aus der Perspektive des Gymnasiallehrers: Er hat es mit tendenziell immer schwierigeren Lerngruppen zu tun, richtig?

          Das ist nicht ganz leicht zu beantworten. An sich könnte man denken: Je homogener die Gruppe ist, die vor mit sitzt, desto leichter tue ich mich als Lehrperson mit dem Unterrichten und umso leichter lernen die Schüler. Teilweise stimmt das auch. Wenn ich zum Beispiel einen Vortrag halte, ist es von Vorteil, wenn die, die mir gegenübersitzen, den gleichen Lernstand haben. Vortragen ist aber nicht die einzige Unterrichtsmethode, die ein Lehrer anwendet. Fragen zum Beispiel können so gestellt werden, dass sie auf unterschiedlichem Niveau beantwortet werden können, so dass die ganze Lerngruppe in ihrer Unterschiedlichkeit einbezogen wird. Und es ist so: Für schwächere Schüler ist es günstiger, wenn sie mit den etwas stärkeren zusammen lernen können.

          Heißt das, die Lerngruppe, in die ein Schüler hineingerät, ist genauso wichtig wie der Lehrer?

          Sie hat einen großen Einfluss.

          Sie sind Hochschullehrer; viele Ihrer Kollegen beklagen, dass Studenten heute weniger wüssten, schlechtere Rechtschreibkenntnisse hätten als frühere Generationen. Erleben Sie das auch so?

          Diese Klagen haben ja Tradition. Die Gymnasien sagen, sie bekämen aus den Grundschulen Kinder, die noch nicht richtig lesen und schreiben könnten. Die Grundschulen sagen, aus den Kindergärten kommen Jungen und Mädchen, die noch nicht stillsitzen können ...

          ... und die Universitäten sagen, die weiterführenden Schulen schicken Jugendliche mit geringerem Wissen als früher?

          Ich sehe da keine großen Unterschiede und auf keinen Fall dramatische Verschlechterungen. Die Studienanfänger heute haben die Fähigkeit, sich in kurzer Zeit Informationen zu beschaffen, sie beherrschen Präsentationstechniken sehr viel besser als frühere Generationen, das haben sie offensichtlich in der Schule gelernt. Aber natürlich muss sich die Universität auf eine so hohe Zahl von Studienanfängern, wie es sie zurzeit gibt, auch einstellen. So elitär wie früher ist das nicht mehr.

          Ist für guten Unterricht eigentlich die Klassengröße entscheidend?

          Nein. Klassengrößen und andere strukturelle Bedingungen spielen keine große Rolle, das haben schon viele Untersuchungen gezeigt. Wenn man als Bildungsträger Geld in die Hand nimmt, um die Klassengrößen zu verringern, und dafür mehr Lehrer einstellt, dann zahlt sich das kaum aus.

          Lehrer aber sagen, sie litten unter großen Klassen.

          Ja gut, gesetzt den Fall, die Lehrkraft ist allein und hat Inklusionskinder unter den Schülern und insgesamt besonders heterogene Lernvoraussetzungen: Dann wird es schwieriger sein, 30 Kinder zu unterrichten als 25.

          Was braucht ein Lehrer außer Fachkenntnissen vor allem? Gibt es so etwas wie eine Lehrer-Persönlichkeit?

          Unterrichten ist keine Kunst. Sondern eine mehr oder minder professionell betriebene Tätigkeit, die man erlernen kann. Manchen fällt das leichter als anderen. Und zum Unterrichten gehört auch die gute Klassenführung, sie ist Voraussetzung.

          Was ist gute Klassenführung?

          Gute Klassenführung zeigt sich darin, dass es im Unterricht selten oder so gut wie gar nicht zu Störungen kommt.

          Und wie kann ein Pädagoge das erreichen?

          Durch ein bestimmtes Auftreten. Das ist nicht einfach, aber es geht. Wenn ich eine Klasse übernehme, muss ich vom ersten Tag an Regeln und Routinen einführen. Und darauf bestehen, dass sie eingehalten werden.

          Was unterscheidet eine Regel von Routine?

          Eine Regel ist zum Beispiel: In der Schule bleibt das Handy aus, eine Routine: Bevor einer spricht, meldet er sich.

          Klingt gar nicht so schwer. Aber auch nicht so, als ob das schon aufmüpfige Kinder und Jugendliche in Schach halten könnte.

          Störungspräventiv ist auch eine interessante Gestaltung des Unterrichts. Der Unterricht muss durchdacht und strukturiert sein. Wenn unnötige Unterbrechungen auftreten wie zum Beispiel die, dass der Lehrer ein Buch sucht oder Ähnliches: Solche Reibungsverluste sind das Einfallstor für Störungen.

          Was macht der gute Lehrer denn genau?

          Videoaufzeichnungen in Klassen, die durch hohe Lernerfolge aufgefallen sind, haben zum Beispiel gezeigt: In solchen Klassen wirkt der Lehrer allgegenwärtig. Er geht umher, sieht alles, kleinere Regelverstöße etwa, spricht sie aber nicht unbedingt sofort an; manchmal reichen Blicke. Denn wenn man jede, wirklich jede Störung zum Thema macht, stört auch das den Unterricht. Man muss so etwas ausbalancieren können. Das fällt nicht vom Himmel, man kann und muss es sich erarbeiten.

          Welches Rüstzeug braucht man dafür?

          Grundsätzlich sollte man natürlich Kinder lieben, Freude am Vermitteln haben und ein echtes Interesse an dem Fach, das man später unterrichten will.

          Sie verwenden oft den Begriff der Langsamkeitstoleranz, die ein Lehrer haben müsse.

          Der Lehrer muss es aushalten, wenn auf eine Frage nicht gleich eine Antwort kommt. Es gibt Untersuchungen die zeigen, dass Lehrer es oft nicht länger als drei, vier Sekunden ertragen, wenn sie keine Antwort bekommen. Dann formulieren sie die Frage um oder beantworten sie selbst, was nicht der Sinn der Sache ist. Im Unterrichtsgespräch muss man warten können. Denn eine gute Frage ist eine, für deren Beantwortung der Schüler schlussfolgern muss. Dafür braucht er Zeit, und die muss der Lehrer ihm geben.

          Sollte, wer Lehrer werden will, vor dem Studium auf Eignung getestet werden? Oder kann man sich das richtige Auftreten in dem Beruf sozusagen draufschaffen?

          Man kann es sich erarbeiten, unterschiedlich gut natürlich. Aber Zahnärzte und Fliesenleger sind ja auch unterschiedlich gut. Für den Patienten oder den Kunden bleibt das nicht folgenlos. Und für den Schüler ist es auch nicht folgenlos, wenn er einem nicht so guten Lehrer gegenübersitzt.

          Können Pädagogen, die schon im System sind, in grundlegenden Lehr-Fähigkeiten nachgeschult werden?

          Ja. Und die Bereitschaft dazu ist erstaunlich groß.

          Das hat sich in jüngerer Vergangenheit vermutlich verändert?

          Das hat es, die Situation ist anders als vor 20, 25 Jahren. Ich mache selbst mehrmals im Jahr Lehrerfortbildungen, und heute sprechen uns Schulen direkt an, die Interesse haben an Vorträgen, Workshops. Das ist gut. Wie bei den Ärzten gilt auch für Lehrer, dass ihre Ausbildung eigentlich nie abgeschlossen ist.

          Das Gespräch führte Jacqueline Vogt.

          Zur Person

          Andreas Gold, Jahrgang 1954, studierte Psychologie in Heidelberg. 1988 wurde er promoviert, 1993 habilitierte er für das Fach Psychologie. Er war Professor für Pädagogische Psychologie an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg, seit 1998 hat er eine Professur für Pädagogische Psychologie an der Goethe-Universität in Frankfurt inne.

          Seine Arbeitsgebiete sind die Lehr-Lern-Forschung und die Erforschung der Wirksamkeit pädagogischer Interventionen. Von 2008 bis 2014 war Gold stellvertretender wissenschaftlicher Leiter des Forschungszentrums „Idea“, das untersucht, wie Kinder lernen. Gold hat über Lernschwierigkeiten und frühe Bildung publiziert, sein jüngstes Buch heißt „Guter Unterricht“, es ist unlängst bei Vandenhoeck & Ruprecht erschienen. Gold ist verheiratet und hat drei Töchter. Die Familie lebt in Dietzenbach.

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