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Entschlüsseln von KZ-Papieren : Zeugnisse des Massenmords

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Geheimsprache: Ein E-Guide des Suchdienstes soll Rechercheuren helfen, Abkürzungen und Nummern zu verstehen. Bild: Wolfgang Eilmes

Der Internationale Suchdienst kann KZ-Papiere mit einem Internetprogramm entschlüsseln. Bald sollen alle Dokumente digitalisiert sein.

          Das Grauen versteckt sich hinter krakeliger Handschrift. „Malaria Anamnese“ steht abgekürzt neben Ziffern auf einer schlichten Karteikarte. Doch die Kartei über den Dachauer KZ-Häftling Anton Balcerek dokumentiert keine Malaria-Behandlung, sondern das Gegenteil: Bei Menschenversuchen der Nationalsozialisten wurde er im Januar 1945 absichtlich infiziert mit dem Blut eines anderen Gefangenen. Ein schiefes, handschriftliches Kreuz zeigt das Ergebnis – Balcerek starb.

          Wer solche Dokumente entschlüsseln will, brauchte bisher viel Wissen, Fachliteratur oder einen Experten. Künftig kann jeder ein solches Dokument verstehen. Die Schicksale Hunderttausender Häftlinge in deutschen Konzentrationslagern werden durch den E-Guide, ein Internetprogramm, leichter lesbar. Entwickelt und veröffentlicht hat es der ITS Suchdienst im nordhessischen Bad Arolsen. Das Internationale Zentrum zur NS-Verfolgung besitzt nach eigenen Angaben das weltweit umfassendste Archiv über die Opfer des Nationalsozialismus. „Wir wollten einen einfachen Zugang ermöglichen“, sagt Forschungsleiter Henning Borggräfe bei der Vorstellung des E-Guides.

          Auf unzähligen Dokumenten festgehalten

          Das sei eine große Herausforderung gewesen: Denn die NS-Bürokratie hat ihre Greueltaten auf unzähligen Dokumenten festgehalten. Es gibt Krankenkarten, Häftlingskarten, Personalbögen, Aufzeichnungen über dem Häftling abgenommene Gegenstände und vieles mehr. Abkürzungen und verschleiernde Begriffe führen Leser jedoch unter Umständen in die Irre. Eine Revierkarte der Einlieferung ins Krankenlager beispielsweise suggeriere, dass ein KZ-Insasse versorgt worden sei, erklärte ITS-Mitarbeiterin Christiane Weber. In Wirklichkeit sei es jedoch gefährlich für den Häftling gewesen, weil es seine Verlegung oder Ermordung bedeuten konnte. Man müsse immer daran denken, dass die Dokumente die „Sprache der Täter“ wiedergeben.

          Der ITS-E-Guide hilft dabei. Er ist auf eguide.its-arolsen.org in Englisch und Deutsch frei verfügbar. Das Programm zeigt Originaldokumente, erläutert ihre Funktion in den Konzentrationslagern und gibt Hintergrundinformationen. Oft reicht ein Mausklick für mehr.

          Eher überfordert statt geholfen

          Auch in Gedenkstätten und Bildungseinrichtungen soll das Programm eingesetzt werden. Zwar konnten Schüler und Lehrer schon mit KZ-Dokumenten arbeiten, doch es gab viele Verständnisschwierigkeiten. „Die Dokumente erklären nicht, sondern werfen viele Fragen auf“, sagte Steffen Jost vom Studienzentrum Max-Mannheimer-Haus in Dachau. Ein Abkürzungsverzeichnis mit 362 Seiten habe da eher überfordert statt geholfen.

          Aber auch an Hinterbliebene von KZ-Opfern richtet sich der E-Guide. Sie können nun besser die Dokumente verstehen und den Weg ihrer Verwandten nachvollziehen. „Wir versetzen Menschen in die Lage, sich selbst Biografien zu erschließen“, sagt Forschungsleiter Borggräfe. Obwohl dabei auch grausige Details zum Vorschein kämen, habe der Umgang mit den echten Dokumenten einen hohen emotionalen Wert für Hinterbliebene.

          Von Januar an wird die Recherche für sie noch einfacher. Dann beginnt der ITS die acht Millionen KZ-Dokumente digital abrufbar zu machen. Auch der E-Guide der Einrichtung, die vom Bund finanziert wird, soll weiter wachsen. Das Potential ist da: Das ITS-Archiv umfasst 30 Millionen Originaldokumente. Das Interesse daran steigt seit Jahren: Die Zahl der Anfragen durch Angehörige und Interessierte aus dem In- und Ausland erhöhte sich zuletzt auf 16 786 im Jahr 2017.

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