http://www.faz.net/-gzg-74bij
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 12.11.2012, 23:23 Uhr

English Theatre Die Hoffnung stirbt immer zuletzt

Fester Glaube an den perfekten Mann: Das Erfolgsmusical „Sweet Charity“ hatte im English Theatre Frankfurt Premiere.

von
© Bobby Anders Wo steckt hier der richtige Mann? Szene aus „Sweet Charity“ im English Theatre in Frankfurt

Süße Charity. Arme Charity. Dumme Charity. Könnte sie ihre Weisheiten statt aus romantischen Filmschnulzen nicht aus zeitgenössischen Popsongs beziehen? Etwa von diesen vier Typen aus Liverpool, die Mitte der sechziger Jahre auch Amerika längst im Sturm genommen hatten. „For money can’t buy me love“ sangen diese Beatles, doch Charity hat es in New York nicht gehört. Also füttert sie einen Kerl wie Charlie, dessen Name sie sich sogar hat auf den Oberarm tätowieren lässt, erst durch, umsorgt und pflegt ihn, um dann von ihm im Central Park nicht nur um ihre Ersparnisse gebracht, sondern auch noch in den See gestoßen zu werden. Aber die reizende, fürsorgliche und so naive Charity glaubt weiter an den richtigen, den perfekten Mann, der ihr gewiss einmal über den Weg laufen wird. Nachteilig nur, dass Charity gerade bei ihrer Arbeit als Animiermädchen und Tänzerin in einem Amüsierschuppen solch einem Mann zu begegnen hofft.

1966 hatte der später mit „Cabaret“ zu Weltruhm gelangte Choreograph und Regisseur Bob Fosse den Plot von Federico Fellinis preisgekröntem Film „Die Nächte der Cabiria“ als Grundlage für das Musical „Sweet Charity“ gewählt, zu dem Neil Simon das Buch, Cy Coleman die Musik und Dorothy Fields die Texte beisteuerten. Aus Fellinis naiver Prostituierter Cabiria wurde die Tanzhostess Charity Hope Valentine, die eine unverbrüchliche Hoffnung nicht nur im Namen trägt, sondern sich trotz aller Enttäuschungen den Glauben an bessere Zeiten bewahrt. Obwohl das Musical auch von der Vereinsamung des Menschen in der Stadt, schlechtbezahlten Jobs und weiblicher Erniedrigung handelt, überwiegt doch ein optimistischer Grundton, der letztlich auch den großen Erfolg des Stücks erklären dürfte, das allein am Broadway zwei Neuauflagen erlebte, von den zahlreichen internationalen Inszenierungen ganz zu schweigen. Diese Liste wird nun in Frankfurt fortgeschrieben, wo „Sweet Charity“ in einer Inszenierung von Ryan McBryde am English Theatre zu sehen ist.

Großes Herz statt Laszivität

McBryde hat in den vergangenen Jahren mit „Hair“, „Spring Awakening“ und „The Who’s Tommy“ schon mehrfach am English Theatre sein großes Talent für kraftvolle, mitunter sogar grimmige Musical-Umsetzungen gezeigt, die nie nur Vehikel für berühmte Songs waren, sondern die Geschichten und ihre Darsteller in den Mittelpunkt rückten. Dieser Maxime folgt McBryde auch bei „Sweet Charity“, das insgesamt aber leichter, beschwingter und vor allem humorvoller als die vorherigen Musicals daherkommt. Das ist zum einen den eher an Jazz und Swing als der Popmusik der sechziger Jahre orientierten Kompositionen Cy Colemans mit Klassikern wie „Hey Big Spender“ geschuldet. Zum anderen setzt die Inszenierung eindeutig auf die wie eine austrainierte Tänzerin wirkende und beachtlich singende, vor allem aber mit einem natürlichen komödiantischen Talent gesegnete Hauptdarstellerin Kate Millest, die besonders herausstellt, dass Charity nicht mit Laszivität, sondern mit einem großen Herzen ihren Traumprinzen finden will.

Mehr zum Thema

Als solcher entpuppt sich allerdings weder Charlie noch der italienische Filmstar Vittorio Vidal noch der Versicherungsangestellte Oscar Lindquist, die in Frankfurt allesamt von einem tatsächlichen Filmstar dargestellt werden. Ian Virgo spielte unter anderem in Ridley Scotts „Black Hawk Down“ wie auch in Steven Spielbergs Fernsehserie „Band of Brothers“ mit, darf nun aber die Uniform im Schrank lassen und dafür seine komödiantische Seite zeigen. In diesen Szenen, für die Diego Pitarchs gelungenes Set mit wenigen Handgriffen stets das passende Bühnenbild liefert, funktioniert „Sweet Charity“ wie Neil Simons berühmte Komödien à la „The Odd Couple“.

“Sweet Charity“ wird bis 17. Februar Dienstag bis Samstag um 19.30 Uhr, Sonntag um 18 Uhr gezeigt.

Quelle: F.A.Z.

 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Bukarester Nationaloper Der Vorhang geht auf, und das Orchester spielt nicht

Zu viele Ausländer im Ballett, die auch noch viel zu viel verdienten, so der Vorwurf in Rumänien. Übersteigerter Nationalismus und giftiger Neid zerstören den guten Ruf der Bukarester Nationaloper. Mehr Von Karl-Peter Schwarz, BUKAREST

27.04.2016, 22:30 Uhr | Gesellschaft
Video Bislang unbekannter Beatles-Filmschnipsel veröffentlicht

In Australien sind bislang unbekannte private Filmaufnahmen der jungen Beatles aufgetaucht. Das nationale Film- und Tonarchiv veröffentlichte einen knapp einminütigen Schwarz-Weiß-Film, der die vier Musiker aus Liverpool beim Herumalbern in einem Make-up-Raum zeigt. Der 49 Sekunden lange Film wurde am 1. November 1965 von der australischen Tänzerin und Visagistin Dawn Swane mit einer Schmalfilmkamera gefilmt. Mehr

26.04.2016, 12:08 Uhr | Gesellschaft
DDR-Theaterikone Treues Talent

In der DDR gehörte sie zu den prominentesten Figuren am Ost-Berliner Deutschen Theater, sowohl als Schauspielerin wie auch in der Regie. Am Montag verstarb die Niederländerin Cox Habbema im Alter von 72 Jahren. Mehr Von Dietmar Dath

20.04.2016, 11:44 Uhr | Feuilleton
Moskau Pony bricht vor Bolschoi-Theater aus

Eigentlich herrschte vor dem Bolschoi-Theater in Moskau himmlische Idylle. Die Attraktion: Biblische Figuren aus Styropor und ein Pony als Esel getarnt. Sinnbild für Gewaltlosigkeit und Bescheidenheit. Bis das Pony durchdreht und flieht. Ein Balletttänzer des Bolschoi-Theaters filmt die Szenerie. Mehr

01.05.2016, 14:12 Uhr | Gesellschaft
Oper Frankfurt Sag mir, wo die Tiere sind

In Frankfurt sieht Das schlaue Füchslein von Leoš Janáček vor lauter Beton keinen Wald mehr. Dennoch oder gerade deswegen funktioniert diese Erzählung. Mehr Von Jan Brachmann

27.04.2016, 11:27 Uhr | Feuilleton

Nicht ohne politische Mitstreiter

Von Michael Hierholzer

Ina Hartwig soll die neue Kulturdezernentin in Frankfurt werden, wenn es nach der SPD geht. Dass sie politisch unerfahren ist, könnte auf dem Posten seine Schwierigkeiten bergen. Mehr 0

Abonnieren Sie unsere Rhein-Main Newsletter

  • Newsletter auswählen

    Newsletter auswählen