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Englischsprachige Programme Das „Must-Have“ unter den Studiengängen

 ·  Immer mehr Universitäten bieten komplett englischsprachige Programme an. Die Nachfrage ist groß, aber noch läuft nicht alles so, wie es sollte.

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Das Steuersystem der Europäischen Union ist ein Ungetüm: kompliziert und abschreckend. Alfons Weichenrieder erläutert es in Formeln geduldig seinen etwa 20Studenten. Unter ihnen ist Joschka Khaniani. Verstohlen blickt er auf die Uhr. Gleich ist die Vorlesung vorbei. „Just two more minutes“, sagt der Finanzprofessor vorn an der Tafel. Khaniani und seine Kommilitonen studieren im Masterprogramm „International Economics and Economic Policy“ an der Goethe-Universität - komplett auf Englisch.

Jede Hochschule, die etwas auf sich hält, bietet inzwischen solche Master- oder Promotionsprogramme an. „Das muss man haben“, es sei wichtig für das Renommee, sagt etwa Claus Mückschel von der Uni Gießen. Englisch ist „in“, besonders in den Wirtschafts-, Politik-, Ingenieur- und Informationswissenschaften. Es gibt aber auch Angebote in Orchideenfächern wie etwa den Master in „Modern East Asian Studies“ an der Uni Frankfurt oder „Aggrobiotechnology“ in Gießen.

„Wir wollen international konkurrenzfähig sein“, sagt Weichenrieder, der den ersten Master an seiner Fakultät mitentworfen hat. In anderen europäischen Ländern gebe es solche Angebote schon länger, da müsse man mithalten. Und forschungsstarke Kollegen ließen sich oft nur gewinnen, wenn sie auf Englisch unterrichten könnten. Gleichzeitig locke man mit einem anglophonen Master weltweit die besten Leute an das eigene Institut, glaubt der Professor. Das mag bei den Ökonomen der Frankfurter Uni so sein. Aber Ute Kaboth von der Fachhochschule Frankfurt widerspricht: „Die meisten unserer ausländischen Studenten haben nur mittlere Noten.“ Die besten hätten nämlich ein Stipendium in ihrem Herkunftsland.

Ausländer für sich zu gewinnen lohnt sich aus Sicht der Hochschulen auch finanziell: Sie erhalten Geld vom Land für jeden Studenten, egal, woher er kommt. Und Ausländer kämen eben lieber, wenn sie auf Englisch lernen könnten, ist Weichenrieder überzeugt. Das meint auch Zhihao Wang, der mit Khaniani an der Goethe-Uni lernt. Für Wang war Deutschland exotisch: Alle seine Freunde studieren in England. Er wollte woanders hin, sprach aber nur Mandarin und Englisch. „Das Angebot der Goethe-Uni ist super für Leute wie mich.“ Der 24Jahre alte Wirtschaftsstudent aus Schanghai versteht nach nur sieben Monaten im Land schon fast alles. „Aber Vorlesungen, das könnte ich nicht.“

Der Anteil an Ausländern in den Studiengängen schwankt. In den Wirtschaftswissenschaften der Uni Frankfurt lernen hauptsächlich Deutsche. An der TU Darmstadt ist es umgekehrt: „Der Großteil der Studierenden in den englischen Masterprogrammen kommt aus dem Ausland“, sagt Sprecher Christian Siemens. Das liege am Renommee der Ingenieurausbildung in Deutschland. Vor allem Asiaten kommen hierher: Wang bestätigt, dass ein deutsches Studium einen sehr guten Ruf in China habe. „Hier einen Abschluss zu schaffen, das ist viel wert.“ Und auch, wenn viele Deutsche in den Kursen sitzen: „Ich mag die internationale Atmosphäre“, sagt Wang.

Viele Programme sind noch nicht ausgereift

Warum sie nicht in Amerika oder England studierten, darauf antworten alle übereinstimmend: „Es ist zu teuer“, sagen Khaniani und Wang. Die Studiengebühren seien dort abschreckend hoch. Mit einem englischen Master, auch wenn er aus Hessen kommt, erhoffen sich die Studenten größere Chancen im Berufsleben. „Ohne Englisch kommt man nicht weiter“, ist der Tenor. Das weiß auch Khaniani. Aber weil der 25Jahre alte Student während seines Bachelor-Studiums so oft im Ausland gewesen ist, wollte er seinen Master lieber zu Hause machen.

Doch viele Programme sind noch nicht ausgereift. Die meisten Hochschulen haben sie erst vor zwei bis vier Jahren eingeführt, als Folge der Bologna-Reform. An einigen Institutionen stellte man zur eigenen Überraschung fest, dass Studenten, die der Landessprache nicht mächtig sind, intensiv betreut werden müssen. Andere Universitäten schafften ihre bilingualen Angebote - das erste Jahr auf Englisch, dann auch auf Deutsch lernen - wieder ab. Die Anforderungen an die Studenten waren zu hoch. Darüber hinaus evaluiert keine auswärtige Institution, wie etwa das Centrum für Hochschulentwicklung, die Programme gesondert. Und: Die Studenten müssen ihre Sprachfähigkeiten nachweisen - die Professoren nicht.

Mit Bewerberzahlen zufrieden

„Englisch ist die Wissenschaftssprache“, hält Weichenrieder dagegen. Gerade an seiner Fakultät hätten einige Dozenten sogar in einem angloamerikanischen Land gelehrt. „Das Englisch unserer Professoren ist unterschiedlich“, meinen Khaniani und Wang. „Mal besser, mal schlechter.“

Trotz aller Schwierigkeiten sei die Nachfrage nach solchen Angeboten groß, sagen Vertreter hessischer Universitäten. Sie zeigen sich mit den Bewerberzahlen zufrieden. Aktuell studieren in den sechs Programmen der TU Darmstadt etwa 350Teilnehmer auf Englisch. An der Goethe-Uni sind es doppelt so viele.

„See you next week“

Die meisten Verantwortlichen erwarten, dass die Zahl solcher Studiengänge zunehmen wird. Aber nicht jedes Fachgebiet eignet sich dafür: „Das Handelsgesetz kann man nur auf Deutsch unterrichten“, sagt Weichenrieder. Dass sich ein ganzes Erststudium in einer Fremdsprache absolvieren lässt, hält er für unwahrscheinlich - obwohl etwa die Frankfurt School of Finance and Management einen solchen Bachelor anbietet. „Die Studierenden müssen lernen, auf Deutsch zu schreiben“, erklärt er. Der Widerstand dagegen sei unter den Studenten größer als im Lehrkörper, und nur wenige Studierende wünschten sich ein englischsprachiges Erststudium, heißt es aus mehreren hessischen Unis.

Mit „See you next week“ verabschiedet sich Weichenrieder von seinen Studenten. Die packen schon ihre Sachen und unterhalten sich, natürlich auf Englisch. Kahniani schwingt sich auf sein Rad, Feierabend. Er sieht den englischen Master auch mit sportlichem Ehrgeiz: „Es ist eine Herausforderung.“

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