Wenn bei Familie Kräuter abends um Viertel nach sechs das Handy piept, können Vater Jens, Mutter Monika und die achtzehnjährige Tochter Nicole anfangen, den nächsten Tag zu planen. Für diesen Donnerstag sieht es gut aus. „Von 0 bis 4.59 Uhr ist rot, von 5 bis 20.59 Uhr grün und dann wieder rot“, liest Monika Kräuter vom Handy-Bildschirm ab. Das heißt, sie können fast den ganzen Tag über guten Gewissens Strom verbrauchen - Wäsche waschen, spülen und kochen, wann sie wollen. Das ist aber nicht jeden Tag so.
Die Kräuters aus Ober-Ramstadt sind eine von 200 Familien, mit denen der Darmstädter Energieversorger HSE seit einem Jahr die Zukunft probt, die Zeit nach der Energiewende. Wenn in einigen Jahren 50 oder mehr Prozent des Stroms in Deutschland aus erneuerbaren Energien stammen, wird die Menge der Energie, die zu bestimmten Zeiten in den Netzen verfügbar ist, zunehmend von Wind und Sonne abhängen - also schwanken. Um darauf reagieren zu können, heißt eine der vielen Aufgaben rund um die Energiewende, sogenannte intelligente Übertragungsnetze zu entwickeln.
Kritiker erwarten Bevormundung und Einschränkungen
Diese Netze liefern nicht einfach nur Energie in die Häuser, die dann zu jeder Zeit aus der Steckdose gezogen werden kann. Sie kommunizieren vielmehr. Zum einen geben die Leitungen Signale an die Verbraucher, zu welcher Zeit gerade viel Strom im Angebot ist, zum anderen sammeln sie Daten darüber, zu welcher Zeit besonders viel Strom verbraucht wird. Geräte, die viel benötigen, etwa Waschmaschinen, Trockner und Backöfen, sollen dann möglichst nur noch angestellt werden, wenn gerade mehr als genug Strom verfügbar ist.
Bevormundung und nicht hinnehmbare Einschränkungen im Alltag erwarten Kritiker. Die Familie Kräuter, die ein solches Szenario nun ein Jahr lang ausprobiert hat, findet dies alles durchaus machbar. Die SMS, die die HSE jeden Abend an das Handy von Monika Kräuter sendet, zeigt an, zu welcher Zeit am nächsten Tag gerade viel Strom verfügbar ist (grün) oder wenig (rot), was vor allem von der voraussichtlichen Wind- und Sonnenlage abhängt. Daran sollen sie ihren Stromverbrauch ausrichten.
Es gibt Tage, die sind ganz rot
„Es gab Tage, die waren ganz rot, oder die längste Grün-Phase war gerade einmal drei Stunden lang“, sagt Monika Kräuter. Aber wenn man ein wenig Vorlaufzeit habe, könne man sich gut darauf einstellen. Statt in Zeiten knappen Stroms das Essen zuzubereiten, hat die Mutter zum Beispiel Gulasch vorgekocht, das dann nur noch aufgewärmt werden musste. Oder die Familie hat den Gasgrill angeworfen oder Salat gegessen. Mit Zeitschaltuhren an der Steckdose hat Jens Kräuter Geräte wie die Wasch- oder die Spülmaschine so umgerüstet, dass sie auch nachts laufen können. „Man muss ja auch nicht jeden Tag waschen“, findet Monika Kräuter.
So viel Einsatz zeigt nicht jeder. Um die 200 Haushalte in Südhessen, die an dem Projekt „Web2Energy“ teilnehmen, anzuspornen, haben die Initiatoren einen Wettbewerb ausgelost. Wer sich am stärksten nach den Rot/Grün-Phasen richtet, kann Preise gewinnen. Ende Juli endet der Wettbewerb, Anfang September werden die Gewinner bekanntgegeben.
Die Kräuters haben die besten Voraussetzungen
Doch selbst von den 200 Haushalten richten sich inzwischen laut Projektleiter Bernhard Fenn von der HSE nur noch 80 bis 90 merklich nach den Stromzeiten. „Viele haben sich am Wochenende sehr gut an die Rot/Grün-Phasen gehalten und es unter der Woche ein wenig schludern lassen“, sagt er. Die Kräuters haben gute Chancen, als Gewinner aus dem Wettbewerb hervorzugehen.
Die Familie aus Ober-Ramstadt hat allerdings auch ideale Voraussetzungen. Der Vater ist Elektroingenieur, die Mutter ist nicht berufstätig und kann so relativ frei entscheiden, wann sie die Wäsche macht. Für ihren Neubau haben sie erst vor wenigen Jahren viele neue Geräte angeschafft, und in einem Einfamilienhaus stört es auch keinen Nachbarn, wenn die Waschmaschine nachts im Keller läuft. Einem Single im Mehrfamilienhaus, der vor der Arbeit oder nach Feierabend seinen Haushalt macht, dürfte da manches schwerer fallen.
„Es reicht nicht zu sagen: Morgen früh weht Wind, und morgen Nachmittag scheint die Sonne“
Projektleiter Fenn von der HSE weiß das. „Web2Energy“ sei Grundlagenforschung. Solange ein großer Teil des Stroms in Deutschland noch aus Großkraftwerken kommt, spielen die Schwankungen in der Netzspannung noch nicht so eine große Rolle. Doch in zehn bis fünfzehn Jahren dürfte das schon anders sein. Der Test, inwieweit Verbraucher sich nach der Stromverfügbarkeit richten, sei nur ein kleiner Teil von „Web2Energy“, sagt Fenn. Wichtiger sei die Ermittlung der Rot/Grün-Phasen. Denn was auf dem Handy von Frau Kräuter simpel aussieht, ist Ergebnis komplexer Berechnungen. „Es reicht nicht zu sagen: Morgen früh weht Wind, und morgen Nachmittag scheint die Sonne“, sagt Fenn. Zur Stromerzeugung werden in dem Projekt unter anderem drei Windparks, 17 Photovoltaikanlagen unterschiedlicher Größen und zwei Wasserkraftwerke genutzt. Für jede der Windanlagen müsse man genau vorhersagen, von wann bis wann aus welcher Richtung wie stark der Wind wehe. Dass die Kräuters am vergangenen Donnerstag den ganzen Tag Grünphase hatten, habe auch daran gelegen, dass gerade Urlaubszeit sei, in der der Verbrauch relativ gering ausfalle.
Wie aus all diesen Daten am besten ein einfaches Signal wie „grün“ errechnet werden kann, das erforschen mehrere Doktoranden der ebenfalls an dem Projekt beteiligten Universität Magdeburg anhand der Daten des vergangenen Jahres. Auch die optimale Koordinierung der Stromerzeugung aus Sonne, Wasserkraft und Biogas sowie der vorhandenen Stromspeicher will erforscht sein. Die Europäische Union fördert „Web2Energy“ mit 2,9 Millionen Euro, die HSE hat laut Fenn etwa genauso viel beigesteuert.
Falsche Vorhersagen können teuer werden
„Bei den Vorhersagen haben wir auch mal danebengelegen“, sagt Fenn. Wenn dann die Kunden ihre Waschmaschinen in einer Grün-Phase einstellen, obwohl die Wind- und Photovoltaikanlagen gerade gar nicht genug Strom erzeugen, muss der Versorger zusätzliche Mengen an der Strombörse in Leipzig hinzukaufen. Das kann teuer sein. Die Grünphasen aber kurzfristig zu ändern kommt nach Fenns Ansicht nicht in Frage. „Der Kunde braucht Planungssicherheit. Das Risiko liegt bei uns.“
Sollten die Kunden in dem Projekt durch Punkteverteilung angespornt werden, so müssen diese Funktion dereinst nach Fenns Vorstellung unterschiedliche Stromtarife übernehmen. Würde eine Kilowattstunde zum Beispiel in Grün-Phasen 15 Cent, in Rot-Phasen 30 kosten, dürfte manchem Verbraucher die Umstellung leichter fallen.
Kein Haareföhnen in der Rot-Phase
Familie Kräuter hat sich mit dem Auf und Ab gut arrangiert. Selbst die 18 Jahre alte Nicole hat ihre anfängliche Skepsis längst abgelegt. Vor allem, dass der Vater ihr in Rot-Phasen das Haareföhnen verboten hat, war ein Schlag. Wenn in wenigen Tagen das Projekt endet und die täglichen SMS der HSE ausbleiben, wird ihr etwas fehlen. „Woher sollen wir denn dann wissen, wann wir waschen dürfen?“ fragt sie im Scherz.
Waschen, wenn der Wind weht?
Alina Alanka (AA-FAZ)
- 29.07.2012, 18:16 Uhr
Salatblatt vom Gasgrill. Lecker.
Helmut Erb (HelmutErb)
- 29.07.2012, 16:47 Uhr