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Energiewende : Neustart beim Bau der Stromautobahn

Leitmotiv: Weil Deutschland auf erneuerbare Energien setzt, soll die neue Suedlink-Trasse grünen Strom von der Nordsee bis nach Bayern liefern. Bild: dpa

Der Zeitplan für die 800-Kilometer-Stromtrasse Suedlink steht in Frage. Der Vorrang für Erdkabel verursacht Zusatzkosten in Milliardenhöhe.

          Im Jahr 2022, wenn das letzte deutsche Atomkraftwerk vom Netz geht, soll die Stromversorgung in den Industriezentren Bayerns und Baden-Württembergs im Wesentlichen mit Windstrom aus Norddeutschland sichergestellt werden. Die Voraussetzungen für den Transport der riesigen Energiemengen will der Bund mit dem Bau der Hochspannungsverbindung Suedlink schaffen. Die 800 Kilometer lange Trasse vom norddeutschen Wilster (zwischen Hamburg und Flensburg) ins bayerische Grafenrheinfeld (bei Schweinfurt) würde auf einer Distanz von rund 250 Kilometern durch Hessen führen.

          Ralf Euler

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Wiesbaden.

          Protagonisten der Energiewende halten das Milliardenprojekt für unverzichtbar, doch derzeit scheint die Fertigstellung der „Stromautobahn“ zum vorgesehenen Zeitpunkt in Frage gestellt. Grund ist die Vorgabe der Bundesregierung, die Leitungen, anders als ursprünglich geplant, so weit wie möglich unterirdisch zu führen.

          Kosten auf drei Milliarden geschätzt - ursprünglich

          Suedlink spielt bei der Energiewende, weg vom Atomstrom, hin zu erneuerbaren Energien, eine zentrale Rolle. Über moderne Gleichstromleitungen soll überschüssiger Windstrom möglichst verlustarm von der Küste zu den energieintensiven Industriebetrieben im Süden Deutschlands befördert werden. Große Windparks lassen sich in diesen Regionen nicht realisieren, wenn der flächendeckende Umstieg von Atomstrom auf erneuerbare Energien gelingen soll, muss der Strom deshalb von weit her geliefert werden.

          Die Kosten des Suedlink-Projekts, mit dessen Bau in diesem Jahr begonnen werden sollte, bezifferten die Betreiber, Tennet und TransnetBW, ursprünglich auf zwei bis drei Milliarden Euro. Doch das war, bevor die ersten Bürgerinitiativen aus Sorge um die Natur und unter Hinweis auf mögliche gesundheitliche Risiken für die Menschen auf die Barrikaden gingen. Da das Genehmigungsverfahren für Suedlink mehrere Bundesländer betrifft, wird es nicht von den Behörden der betroffenen Länder durchgeführt, sondern von der Bundesnetzagentur als verantwortlicher Regulierungsbehörde.

          Bundesregierung vollzog Wende

          Im Februar 2015 veröffentlichte die Agentur eine Stellungnahme, in der sie den Bauantrag kritisierte und eine umfassende Überarbeitung verlangte. Bemängelt wurde unter anderem, dass Umweltauswirkungen nicht intensiv genug geprüft worden und die Kriterien für die zur Wahl gestellten Trassenkorridore nicht nachvollziehbar seien.

          Der Bau von Suedlink, so war es damals noch vorgesehen, sollte im Regelfall in Form von Freileitungen erfolgen. Anwohner fürchteten deshalb gesundheitliche Beeinträchtigungen durch elektrische und magnetische Felder und einen Wertverlust für ihre Immobilien, Umweltverbände warnten vor den negativen Folgen für Flora und Fauna. Im Oktober vollzog die Bundesregierung wegen der anhaltenden Proteste, nicht zuletzt auch des bayerischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer (CSU), eine Wende.

          Mehrkosten in Milliardenhöhe erwartet

          In Berlin wurde festgelegt, dass der Erdverkabelung Vorrang einzuräumen sei, um eine höhere Akzeptanz bei der Bevölkerung zu erreichen. Auch sollten bestehende Trassen stärker genutzt werden, um Eingriffe in die Natur möglichst gering zu halten. Das bedeutet, dass Suedlink nun unterirdisch zu verlegen ist und nur für wenige Ausnahmefälle Freileitungen überhaupt geprüft werden dürfen. Diese Vorgabe macht allerdings eine vollständige Neubewertung der geplanten Trassenführungen erforderlich, mit erheblichen Auswirkungen auf Zeitplan und Kosten.

          Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) erwartet, dass die streckenweise Erdverkabelung die Kosten um mehrere Milliarden Euro in die Höhe treiben wird, denn Erdkabel kosten, je nach Schätzung, zwischen drei- und achtmal so viel wie herkömmliche Freileitungen. Diese Mehrkosten müssen private Stromkunden und die Industrie über höhere Strompreise aufbringen. Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) warnte vergeblich davor, die Energiewende durch Verzögerungen unnötig teuer zu machen. Andererseits bietet der Vorrang für die Erdverkabelung vielleicht mancherorts sogar die Chance, das Projekt zügiger und rechtssicherer zu realisieren. So ist beispielsweise die Prüfung von alternativen Trassenführungen einfacher, weil bei Erdkabelvorrangprojekten grundsätzlich eine geradlinige Leitungsführung anzustreben ist. Der Zeitverzug bei der Planung werde durch die geringere Gefahr von Klagen mehr als kompensiert, lautet die Hoffnung des Bundeswirtschaftsministers. Sein hessischer Amtskollege Tarek Al-Wazir (Die Grünen) lobt die Entscheidung für Erdkabel als „gut und richtig“.

          „Fertigstellung 2022 wird ganz schön eng“

          Tennet spricht hingegen von einem kompletten Neustart der Planungen, weil die Suche nach Kabeltrassen unter ganz anderen Kriterien geschehe als die nach einer Freilufttrasse. 100.000 Quadratkilometer Land hat das Unternehmen nach seinen Angaben für die erste Planungsrunde in Augenschein genommen, nun müsse die Trassensuche wegen der geänderten Rahmenbedingungen quasi noch einmal von vorn beginnen. Auch der Bürgerdialog sei dementsprechend neu aufzurollen. Zudem sei zu befürchten, dass Bürgerinitiativen auch gegen die Erdkabel mobil machten. „Fertigstellung 2022 wird ganz schön eng“, lautet die jüngste Prognose der Suedlink-Planer.

          Sehr wahrscheinlich also, dass die geplante neue Nord-Süd-„Stromautobahn“ noch nicht zur Verfügung steht, wenn in sechs Jahren das letzte deutsche Atomkraftwerk planmäßig seinen Betrieb einstellt. Versorgungsengpässe sind aber auch bei Verzögerungen des Suedlink-Projekts nicht zu befürchten, bei Bedarf müsste eben Strom aus dem Ausland importiert werden. Er würde allerdings wohl oder übel vor allem aus Atom- und Kohlekraftwerken stammen.

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