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Ende einer Beziehung Als Mutter fristlos gekündigt

Von heute auf morgen wurde Angela Riessler von ihrer Tochter verlassen. „Lass mich in Ruhe!“, schrieb sie und brach jeden Kontakt ab.

© Schmitt, Felix Vergrößern Manchmal sind es nur kleine Streitereien, die Kinder dazu bringen, ihre Mütter zu verlassen - zum Beispiel, weil sie sich nicht angenommen fühlen.

Ihre Mutter musste lernen, damit zu leben. Ein Buch half ihr, aus dem Strudel der Selbstvorwürfe zu entkommen.

Angela Riessler (Name von der Redaktion geändert) hatte zwei Töchter. Die eine ist gestorben. Die andere verschwand an einem Tag, der bis dahin schön und klar war. Am 20. November 2006 schickte Maya, so soll die Tochter in dieser Geschichte heißen, ihrer Mutter eine letzte Nachricht. Sie schrieb: „Du änderst dich nie... du willst mir deinen Willen aufzwängen... ich habe mein eigenes Leben... du nimmst mir die Luft zum Atmen... für eine gemeinsame Zukunft sehe ich keine Möglichkeit... Maya.“ Die Zeilen verschwammen vor den Augen der Mutter, die Worte entglitten ihr. Erst spürte sie, wie sie sich erinnert, für einen kurzen Moment die Wut, die in ihr hochstieg. Dann wollte sie laut schreien, doch sie blieb ruhig sitzen. Schließlich wurde sie traurig. Dieser Text, eine eng beschriebene Seite, war die fristlose Kündigung ihrer Tochter. Seither hat Riessler nichts mehr von ihr gehört.

Gestritten haben sie sich oft, wie sich Mutter und Kind eben streiten. Über viel Belangloses, aber auch über die Frage, welche Mutter ein Kind braucht und will. Sie habe ihre Kinder streng erzogen, weil sie es nicht anders gekannt habe, sagt Riessler. Sie habe für ihre Töchter immer gewollt, dass sie frei seien. Sie sollten selbst über ihren Weg entscheiden. Maya hat diese Freiheit eingefordert. Und ihre Mutter versteht das nicht. In ihr Tagebuch schrieb sie damals: „Ich versuche, tapfer zu sein.“

Sie hat so viele Fragen

Auf dem Tisch liegt ein Stapel Briefe, auf einem steht kein Absender. Riessler reißt ihn ungeduldig auf und hofft so sehr, dass er von Maya sei. Er ist es nicht. Bei jedem Telefonklingeln hat sie die gleiche Hoffnung.

Zum ersten Mal wurde ihr der Bruch richtig klar, als Maya auch zum Weihnachtsfest 2006 nichts von sich hören ließ. Auch bei ihrem Bruder und ihrem Vater, von dem Riessler schon lange geschieden ist, meldete sie sich nicht. Mit ihrer letzten Nachricht war ihre Tochter gleichsam aufgestanden und hatte mit dem Finger auf sie gezeigt - so empfand es ihre Mutter zumindest. „Ich weiß nicht, warum sie diesen Schritt gegangen ist“, sagt Angela Riessler und hat dabei ein leichtes Lächeln auf den Lippen, wie sie es immer hat, wenn sie über ihre verschwundene Tochter spricht. Sie hat so viele Fragen.

Sie möchte mal wieder Hand in Hand spazieren gehen mit ihr

Sie hat gemerkt, Bewegung hilft ihr, den Verlust zu bewältigen. Im Park in ihrer Heimatstadt sind die Bäume noch kahl, doch die Vögel zwitschern schon vom Frühling. Maya sei praktisch im Park aufgewachsen, sagt Riessler. Wenn sie von früher erzählt, blicken ihre Augen nach links oben, als suche sie wie auf einem Filmstreifen nach den ersten Bildern. In ihrer Erinnerung rennt Maya zwischen den Sträuchern umher. Riessler spricht ruhig über all das, nur ab und zu muss sie blinzeln, weil ihre Augen feucht werden. „Ich würde gerne mal wieder Hand in Hand mit ihr spazierengehen.“

Maya sei ein süßes und tolles Kind gewesen, aber immerzu verwöhnt worden. Nachdem ihre Zwillingsschwester mit vier Monaten an einem Herzfehler starb, konzentrierten sich die Eltern auf Maya. Beim leisesten Husten gingen sie mit ihr zum Arzt, sie lernte Klavier, bekam Ballettunterricht. Heute sagt die Mutter, das sei wohl alles zu viel gewesen. Nur hat sich ihre Tochter offenbar nicht abgewendet, weil die Fürsorge zu groß war. Es lässt sich heraushören und -lesen, sie hätte sich eher eine Mutter gewünscht, die mütterlicher gewesen wäre und nicht so viel gearbeitet hätte. Angela Riessler aber war stark und vielleicht auch anstrengend. Sie hat sich dieses Bild, das ihre Tochter wohl von ihr hatte, im Laufe der Jahre selbst zusammengebastelt. Aus Bruchstücken früherer Auseinandersetzungen. Maya hat nie mehr darüber geredet. Auch über den Tod von Mayas Schwester spricht Riessler ruhig und überlegt. Sie wählt ihre Worte mit Bedacht. „Ich habe bis heute ihren Tod noch nicht überwunden“, sagt sie und legt die Fingerspitzen aneinander. Den Verlust von Maya aber kann sie nicht abschließen, sie hofft immer noch, sie kehre zurück.

„Bitte lass mich in Ruhe!“

Angela Riessler musste immer viel arbeiten, sie tat es gerne, wie sie sagt. Sie studierte Politik und machte sich vor 25 Jahren selbständig. Sie berät Politiker und hilft Menschen, die Probleme mit dem Kommunizieren haben. Ihnen legt sie nahe, „um Himmels Willen“ über die gegenseitigen Erwartungen zu sprechen.

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Veröffentlicht: 24.03.2012, 18:38 Uhr

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