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Elisabeth-Langgässer-Wanderweg Fühlt es, wir sind am Grunde

15.09.2008 ·  So sollten Erinnerungsorte aussehen: Im Hessischen Ried erwandert man sich das Schreiben der Dichterin Elisabeth Langgässer. Jeder Baum, jeder Busch und jede Blume geben hier Unterricht in ihrem vom Wachsen und Wuchern geprägten Weltverständnis.

Von Florian Balke
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In den Auwäldern des Naturschutzgebiets Kühkopf-Knoblochsaue erinnert der 1999 eingerichtete Elisabeth-Langgässer-Wanderweg an eine Dichterin und Schriftstellerin, die in den Jahren unmittelbar nach dem Ende des zweiten Weltkriegs großen Erfolg hatte, posthum mit einem der ersten Büchnerpreise der Nachkriegszeit ausgezeichnet und bis in die sechziger Jahre hinein viel gelesen wurde. Heute dagegen steht es weder um ihren Bekanntheitsgrad noch um ihre Auflagenhöhen besonders erfreulich.
Wie ungerechtfertigt das ist, zeigt ein Vergleich ihrer Naturschilderungen mit denen, die Bruno Schulz über seine Erzählungen verstreut. Die magisch, mythisch und religiös aufgeladene Beschreibung der Natur macht dem fest im polnischen Kanon verankerten Avantgardisten nur die heute fast vergessene deutsche Schriftstellerin vom Nebengleis der Literaturgeschichte nach. Entlang des Langgässer-Wanderwegs lässt sich dieser gedankliche Kern ihres Schreibens besonders gut verfolgen. Jeder Baum, jeder Busch und jede Blume geben hier Unterricht in ihrem vom Wachsen und Wuchern geprägten Weltverständnis.

Nationalsozialisten erteilten ihr als „Halbjüdin“ Publikationsverbot

Mit dem Ried sind Langgässers Leben und Werk eng verbunden. In Alzey, auf der anderen Seite des Rheins, wurde sie 1901 geboren, ihr Vater war Jude, trat aber kurz vor der Hochzeit zum Christentum über. In Darmstadt ging Langgässer von 1909 an zur Schule, in Griesheim unterrichtete sie von 1922 bis 1928 als Lehrerin. Dann zog sie um nach Berlin. Sie hatte ein uneheliches Kind zur Welt gebracht, ihre Tochter Cordelia, außerdem dichtete sie. Beides war in der Hauptstadt besser aufgehoben als im ländlichen Hessen.
1933 erschien die preisgekrönte Erzählung „Proserpina“, 1936 folgte der Roman „Der Gang durch das Ried“. Im selben Jahr erteilten die Nationalsozialisten ihr als „Halbjüdin“ Publikationsverbot. Vor der Verfolgung war sie in den nächsten Jahren besser geschützt als andere, da sie 1935 einen Mann geheiratet hatte, der den Bestimmungen der nationalsozialistischen Rassegesetzgebung zufolge als “Arier“ galt. Gleichwohl verlor ihr Mann als „jüdisch Versippter“ seine Arbeit. Das Schlimmste allerdings stand Cordelia bevor. Sie hatte drei gesetzlich als jüdisch eingestufte Großeltern, galt daher als „Volljüdin“ und wurde 1944 nach Theresienstadt und Auschwitz deportiert. Sie überlebte, konnte der Mutter aber nicht verzeihen, sie nicht gerettet zu haben.
Wie spätere Leser irritierte sie außerdem Langgässers christlicher Glaube. Dessen Versprechen eines sinnerfüllten Kreislaufs von Leben und Tod prägt auch das Gedicht „In den Mittag gesprochen“. Da es zum Beginn der Apfelernte passt, sei sein Schluss hier zitiert: „Bis an den Umkreis der Schale erfüllt / sind die Früchte nur mit sich selber, / und in die flimmernden Lüfte gehüllt / überläuft es sie blauer und gelber. / Pochender Aufschlag. Was trägt und enthält / ist das Ganze von Allen geboren. / Innen ward Außen. Was ungepflückt fällt, / geht wie Traum an das Ganze verloren.“

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Jahrgang 1972, Kulturredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

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