21.02.2012 · Die Elektrotechnik-Betriebe bilden in Hessen eine der größten Branchen. An der Spitze ihres Lobbyverbands stehen auf Bundesebene und im Land zwei Unternehmer aus Mittelhessen.
Von Thorsten WinterSie trennt mehr als nur das Alter. Friedhelm Loh ist Mitte sechzig - Wolfgang Lust hat gerade die vierzig hinter sich. Der eine kokettiert damit, Starkstromelektriker zu sein. Der andere hat ein Examen in Jura und Betriebswirtschaftslehre in der Tasche - und nebenbei noch ein bisschen Physik studiert. Loh engagiert sich privat für christliche Medien und den Bibellesebund. Lust macht sich ehrenamtlich für berufliche Bildung stark.
Dennoch eint beide mehr, als sie trennt. Loh und Lust leiten erfolgreiche Unternehmen, die jeweils von ihren Vätern ins Leben gerufen wurden. Beide leben und arbeiten in Mittelhessen. Loh tritt wie Lust in der Heimat öffentlich als Sponsor auf: In Wetzlar ist eine Mehrzweckarena nach dem von dem Mittsechziger geführten Schaltschrank-Hersteller Rittal benannt - in Gießen trägt der Verein der Bundesliga-Basketballer den Namen von Lusts Unternehmensgruppe LTI. Nicht zuletzt geben beide der Elektrotechnik-Branche in Deutschland ein Gesicht. Loh steht im Bund an der Spitze des Zentralverbands Elektrotechnik- und Elektronikindustrie (ZVEI), Lust führt den hessischen Landesverband, der ebenso in Frankfurt-Niederrad sitzt. Loh ist gerade zum zweiten Male in seinem Amt bestätigt worden, während Lust erstmals an der Spitze des Landesverbands steht.
Die Branche von Loh und Lust ist die Nummer sechs unter den hessischen Wirtschaftszweigen, gemessen an der Zahl der Mitarbeiter in den Unternehmen mit mehr als 50 Kräften. Die 91 Hersteller von elektrischen Ausrüstungen, wie die Betriebe vom Statistischen Landesamt genannt werden, zählten zuletzt beinahe 24.700 Beschäftigte; die Autobauer und -zulieferer kamen auf fast 47.500, der Maschinenbau auf 38.700 und die Chemieindustrie ohne Arzneimittelfirmen auf 37.400. Platz vier teilten sich die Metallverarbeiter und die Kunststofffirmen mit jeweils 31300 Kräften.
Beim Umsatz sehen die Kräfteverhältnisse ähnlich aus. Die Hersteller elektrischer Ausrüstungen vereinigten demnach 2011 Gesamterlöse in Höhe von 5,2 Milliarden Euro auf sich. Auf weitere vier Milliarden Euro bringen es die gut 20.700 Kräfte starken 94 Hersteller von Datenverarbeitungsgeräten, elektronischen und optischen Erzeugnissen, die das Landesamt ebenfalls in seiner Statistik führt.
Der Zentralverband selbst schreibt der Branche 52.000 Beschäftigte in Hessen zu und zählt 130 Mitglieder, bei einem Umsatz von gut elf Milliarden Euro. Diesen Wirtschaftszweig abzugrenzen sei schwierig. „Statistisch gesehen, gibt es unsere Branche eigentlich nicht“, gesteht ein Verbandssprecher.
Lust hadert wiederum ein wenig mit der Art und Weise, wie Landespolitiker den ZVEI-Landesverband wahrnehmen: Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU), wie Lust ein Mittelhesse, wende sich immer gleich an die Abteilung Loh, wenn er etwas vom Verband wolle. Der Bundesverband überstrahle den Hessen-ZVEI, sagt der LTI-Chef aus Lahnau-Waldgirmes. Er hat im Herbst Joachim Achenbach an der Spitze des Landesverbands beerbt; Achenbach ist aus Altersgründen ausgeschieden. Auch er stammt aus Lahnau.
Dass der hessische Ableger bisweilen hinter dem Bundesverband einsortiert wird, wurmt seinen Vorsitzenden nicht zuletzt aus einem sachlichen Grund: Wenn es um Bildung gehe, könne eben doch der Landesverband gezielt Einfluss nehmen, weil Bildung eine landespolitische Zuständigkeit sei. Das Gleiche gelte für die nach dem Aus für das Atomkraftwerk Biblis heiß diskutierte Frage, wie die Energieversorgung in Hessen dezentralisiert, also auf zahlreiche kleinere Standorte statt auf Großkraftwerke verteilt werden könne.
Vor diesen Hintergrund hat sich Lust zum Ziel gesetzt, verstärkt auf die Landespolitiker zuzugehen. Er will ihnen dabei auch klarmachen, dass Hessen wirtschaftlich mehr ist als ein Standort für Kreditinstitute und einen Großflughafen mit angeschlossenen Logistikunternehmen. Es gelte, den Mittelstand zu stärken. Diese Einsicht hält ihn allerdings nicht davon ab, Gegnern des Flughafenausbaus wirtschaftliche Notwendigkeiten vor Augen zu führen: „Damit der Flughafen Frankfurt als internationale Drehscheibe stark bleibt, muss weiterhin abends bis 23 Uhr und morgens ab 5 Uhr geflogen werden dürfen - unabhängig von der Entscheidung des Bundesverwaltungsgerichts zum Nachtflugverbot“, meint er.
Friedhelm Loh liegt daran, die Rolle der Elektrotechnik als Innovationstreiber hervorzuheben, wie er es formuliert. Elektrotechnik sei eine Querschnittstechnik: Dies könne jeder ermessen, der zu Hause einmal jeden Stecker ziehe, sagt der Chef der Friedhelm Loh Group aus Haiger, die einen Umsatz von 2,2 Milliarden Euro im Jahr erzielt. „Ohne Strom geht nichts.“ Zudem sei die Elektrotechnik eine „stille Technik“, ohne die kein Auto, kein Laptop und keine Waschmaschine laufe.
Das Ehrenamt eines ZVEI-Chefs hat viel mit Kommunikation zu tun, wie Loh erläutert. Zu diesem Zweck nimmt er an Arbeitskreisen und Vorstandstreffen teil. Auch muss er nach Berlin, um mit Politikern zum Beispiel über die Energiewende zu reden und die Frage, wie sie verwirklicht werden kann. Dabei sollte aus seiner Sicht auch und gerade über Energieeffizienz gesprochen werden: Strom, der nicht gebraucht werde, müsse weder produziert noch transportiert werden, gibt er zu bedenken.