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Elektroschrott in Frankfurt „Total sorgloser Umgang mit Schadstoffen“

 ·  Wegen der hohen Metallpreise wird immer mehr Elektroschrott illegal ausgeschlachtet und nicht geordnet wiederverwertet. Die Stadt will jetzt dagegen vorgehen.

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Die hohen Preise, die derzeit für Metalle aller Art gezahlt werden, beschäftigen inzwischen auch die Frankfurter Müllentsorgung. Nach Angaben der FES verschwinden nämlich aus dem Sperrmüll, den jeder Bürger unentgeltlich vor die Tür stellen und abholen lassen darf, lange, bevor die Männer von der Müllabfuhr kommen, sämtliche Teile, die aus Metall bestehen: Kabel, Kühlaggregate und Beleuchtungen aus alten Gefriertruhen und Kühlschränken, Computer, Bildschirme und zahllose Kleinteile. Dem Entsorgungsunternehmen entgehe auf diese Weise Jahr für Jahr ein sechsstelliger Euro-Betrag, heißt es - Geld von dem ansonsten die Gebührenzahler profitieren könnten. Bei der Werkstatt Frankfurt, die den Elektroschrott recycelt und kaputte Geräte repariert, ist das Aufkommen an „Wertstoffschrott“ in den vergangenen beiden Jahren um gut 50 Prozent zurückgegangen.

Die Folgen der Metalldiebstähle beschäftigen auch Peter Postleb. Der Leiter der Stabsstelle Sauberes Frankfurt erfährt immer öfter von „wilden“ Abladeplätzen für ausgeschlachtete Bildschirme und Rechner und von Orten, an denen sich ausgehöhlte Kabelummantelungen türmen. Beispielsweise am Kaiserlei und am Rand von Seckback wird Müll dieser Art abgeladen, Postleb zufolge gibt es aber auch zahlreiche Hinterhöfe in der Stadt, in denen die Geräte erst unsachgemäß und ohne Rücksicht auf Schadstoffe ausgeschlachtet und die Gerätehüllen dann achtlos weggeworfen werden. Das gefährde nicht nur die Umwelt, sondern auch Menschen.

Einsatztruppe „Goldgrube“

Doch nun bietet sich Postleb die Möglichkeit, gegen illegale Elektroschrottsammler vorzugehen: Das zum 1. Juni geänderte Kreislaufwirtschaftsgesetz verbietet allgemein das Einsammeln „elektronischer Altgeräte“ und erlaubt die Entsorgung nur noch den öffentlich-rechtlichen Entsorgungsträgern, sprich in Frankfurt der FES. Die Frankfurter Polizei hat in den vergangenen Wochen deshalb eigens eine Einsatztruppe mit dem Namen „Goldgrube“ gebildet, um gegen den illegalen Handel mit Elektroschrott vorzugehen. Diese hat inzwischen schon einige Großeinsätze gegen die Sammler, die nahezu alle aus Osteuropa, vorrangig aus Bulgarien und Rumänien, stammen, organisiert - mit beachtlichem Erfolg. Denn sowohl der Polizei als auch dem Ordnungsamt sind die Schrotthändler, denen die Metalle zum Kauf angeboten werden, bestens bekannt.

In jüngster Zeit sind die Funde allerdings zurückgegangen. Das könnte nach Ansicht von Postleb mit der Jahreszeit zusammenhängen, denn im Frühjahr und Sommer werde deutlich mehr Sperrmüll an die Straßen gestellt. Der Amtsleiter will aber auch nicht ausschließen, dass sich das Geschäft schon ins Umland verlagert hat, zu Schrotthändlern außerhalb Frankfurts.

Kontrollen schaden nur den Kleinen

“In jedem Fall schöpfen wir durch die Kontrollen nur die Kleinen ab“, meint Postleb. Die organisierten Strukturen, mit deren Hilfe die Bulgaren und Rumänen in Frankfurt Unterschlupf fänden und nicht selten sogar mit gültigen Gewerbescheinen versorgt würden, könnten solche Kontrollen nicht aufdecken. Dennoch würde es der Amtsleiter begrüßen, wenn in Frankfurt - wie in anderen Großstädten üblich - die Schrotthändler von der Polizei stärker kontrolliert würden.

Anlass der von der EU initiierten Novellierung des Kreislaufwirtschaftsgesetzes ist der Vorsatz, die im Abfall enthaltenen Rohstoffe wiederzuverwerten und schädliche und damit gefährliche Stoffe aufzufangen. Der „total sorglose Umgang mit Schadstoffen“, den er immer wieder bei den illegalen Metallsammlern beobachte, treibt auch Postleb um, der sich an einen von Beamten gestoppten Kleintransporter erinnert, der voller von Hand zerschnittener, asbesthaltiger Glasfaserkabeln war.

„Ausgeprägtes Umweltbewusstsein“ nötig

Dass der Handel mit Elektroschrott so floriert, hat Postleb zufolge allerdings nicht nur mit den Edelmetall-Preisen zu tun. Schuld sei auch das Fehlen eines bürgerfreundlichen Sammelsystems. Computer-Monitore, Tastaturen, Handys, Toaster und Elektrozahnbürsten gehörten nämlich offiziell gar nicht in den Sperrmüll. Das treffe nur für Geräte zu, die größer als eine Mikrowelle seien, alle anderen müssten von den Besitzern eigentlich zu einem der FES-Betriebshöfe gebracht werden.

Selbst FES-Geschäftsführer Benjamin Scheffler gesteht zu, dass schon ein „ausgeprägtes Umweltbewusstsein“ nötig sei, um zum Beispiel einen kaputten Rasierer eigens zum Wertstoffhof zu bringen. Das System sei „verbesserungswürdig“, meint auch Scheffler. Dem Vernehmen nach verhandelt die FES deshalb derzeit mit einer großen Lebensmittelkette, in deren Läden die Frankfurter künftig Geräte abgeben können sollen. Eine solche Verbesserung scheint dringend notwendig, denn Postleb zufolge sind im Jahr 2011 von den bundesweit rund 1,7 Millionen Tonnen Elektro- und Elektronikschrott nur 800 000 Tonnen offiziell erfasst und entsorgt worden.

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