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„Electric Hotel“ Ökostrom auf Rädern

 ·  Ein Künstler versorgt die Besucher von Musikfestivals mit Elektrizität. Dabei geht es ihm nicht nur um die Steckdosen: Das Aufladen mobiler Geräten macht er zum Event und zeigt, wie grüner Strom entsteht.

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Die Schlange an der Rezeption wird länger und länger, die Stimmung trotzdem immer besser. Viel zu früh fragt der freundliche Portier: „Einmal aufladen?“ und nimmt das Mobiltelefon sowie das ausgefüllte Check-In-Formular an sich. Dann öffnet er eines der 336 Schließfächer, legt das Handy hinein, verbindet es mit einem Kabel und schließt die Klappe. Zwei Stunden später ist der Akku wieder aufgeladen - nur mit Hilfe der Solar- und Windkraft und mitten im nordhessischen Nirgendwo.

Drei Tage lang macht hier, in der Nähe von Homberg/Efze, das „Electric Hotel“ Station. Wer bei dem Namen an eine futuristische Herberge denkt, in der sich Zimmer per Knopfdruck selbst reinigen oder Koffer von Robotern transportiert werden, liegt falsch. Beim „Electric Hotel“ handelt es sich um einen chromglänzenden Airstream-Wohnwagen aus den sechziger Jahren, der die Besucher von Musikfestivals und anderen Veranstaltungen mit Ökostrom versorgt. An der Außenwand sind Solarzellen, auf dem Dach befindet sich ein Windrad, und mit einem Generatorfahrrad erzeugen die Besucher mit ihrer eigenen Muskelkraft Energie. Alternativ können sie ihren Handys eine Nacht im Auflade-Schließfach spendieren, das sich im Airstream-Wagen befindet und für zwei Euro die Stunde rund um die Uhr bewacht wird.

Steckdosen nur in Duschkabinen

Denn eigentlich sind die meisten von ihnen nicht gekommen, um im „Electric Hotel“ abzusteigen, sondern wegen der Bands, die auf dem Festival spielen. Für mehrere Tage leben sie in einer Welt, die von ihrem Alltag weit entfernt ist. Sie verzichten auf den gewohnten Komfort, übernachten in Zelten und duschen in mobilen Kabinen. Die Stromversorgung spielt in dieser Zeit eine geringe Rolle - es sei denn, der Akku des Handys oder Smartphones ist leer. Doch nach Steckdosen sucht man auf Musikveranstaltungen meist vergeblich.

Diese Erfahrung hat Sebastian Fleiter schon vor einigen Jahren gemacht. „Öffentliche Steckdosen gibt es auf Festivals oft nur in den Duschkabinen. Und dort sind sie eher für Föhn oder Rasierapparat vorgesehen als für Aufladegeräte“, erzählt der in Kassel lebende Künstler. „Bei einigen tausend Festivalbesuchern müsste doch ein gigantischer Bedarf an Strom bestehen“, dachte er und setzte sich mit den Veranstaltern in Verbindung. „Aber die Energieversorgung der Besucher interessierte damals noch niemanden.“ Kurzerhand entschloss er sich deshalb, das Problem selbst in die Hand zu nehmen. Im Internet ersteigerte er einen in die Jahre gekommenen Wohnwagen, stattete ihn mit Mehrfachsteckdosen aus, fuhr auf Veranstaltungen und bot den Besuchern an, die mobilen Geräte aufzuladen.

Auf Festivals spricht sich die unverhofft verfügbare Stromquelle schnell herum

„Heute steht dieser Wagen als eine Art Mahnmal in meinem Kasseler Atelier“, sagt Fleiter. Schnell stand für ihn fest, dass der schäbige Wohnwagen seiner Vorstellung in keinerlei Hinsicht entsprach. Ihm ging es um mehr als ein paar aneinandergereihte Steckdosen. „Heute macht sich kaum jemand mehr Gedanken darüber, dass die Ressource Strom erst erzeugt werden muss und nicht einfach aus der Steckdose kommt.“ Das wollte der Künstler ändern. Seine Idee: Kunst, Unterhaltung und Ökostrom in einem Projekt zu vereinen. „Aufhänger sollte die Möglichkeit sein, das Handy aufzuladen, um damit einem bislang ungedeckten Bedarf gerecht zu werden.“

Auf Festivals spricht sich die unverhofft verfügbare Stromquelle schnell herum, zumal das Fahrzeug schon von weitem ins Auge sticht. „Um aufzufallen, muss man nicht unbedingt die neuesten Materialien verwenden“, erklärt Fleiter. Und so handelt es sich bei den meisten Bestandteilen der mobilen Stromversorgungsstation um gebrauchte Materialien, die das Team eigenhändig umgebaut hat: Die Buchstaben des bunten Schriftzugs „The Electric Hotel“ auf dem Dach des Wohnwagens stammen von unterschiedlichen Leuchtreklamen, die am Windrad befestigten Lautsprecher verbreiteten bereits in den siebziger Jahren Stimmung, und bei den „Handy-Suiten“ handelt es sich um ausgediente Bankschließfächer.

Langeweile kommt am „Electric Hotel“ nicht auf

Neu angeschafft hat Fleiter lediglich Windrad, Solarpanels und Bildschirme, auf denen neben Animationsfilmen auch alte Schwarzweißfilme oder Dokumentationen über Ökostrom zu sehen sind und mit denen sich die Wartezeit unterhaltsam überbrücken lässt. Denn wer sich zum Beispiel für den Strom vom Generatorfahrrad entscheidet, das mit einer Leistung von bis zu 200 Watt acht Mobiltelefone gleichzeitig aufladen kann, sollte sein Handy im Blick behalten und in der Nähe bleiben. Zwar ist der Strom vom Rad kostenfrei, dafür passt aber auch niemand auf die Mobiltelefone auf. Auch für die Energie, die vom „Electric Camp Fire“ kommt, verlangen Fleiter und sein Team kein Geld. Bei dem „Camp Fire“ handelt es sich um einen Stehtisch, der mit Mehrfachsteckdosen ausgestattet ist. Der Strom stammt aus Batterien, die das Team vor der Veranstaltung an einer stationären Windkraftanlage der Stadtwerke Kassel hat aufladen lassen. „Selbst wenn die Sonne mal nicht scheint und auch kein Wind weht, sind wir mit diesen Batterien zwei Tage lang stromautark“, stellt Sarah Vogelgesang klar, die für das Projektmanagement zuständig ist. Schmunzelnd berichtet sie, dass immer noch viele Menschen glauben, je stärker Sonnenschein und Wind seien oder je kräftiger man in das Fahrrad trete, desto schneller sei der Akku wieder voll.

Langeweile kommt am „Electric Hotel“ nicht auf. Dafür sorgen neben den Filmen und den am Wohnwagen ausgestellten Werken junger Künstler vor allem die Besucher selbst. Für sie ist das Warten auf einen vollen Akku ein Event. Sie feuern die auf dem Generatorfahrrad strampelnden Radler an, spielen auf einer Gitarre oder tanzen zu der Musik, die aus den Lautsprechern ertönt. „Ähnlich wie in einer Hotellobby kommen viele Menschen zusammen, lernen sich kennen und tauschen sich aus“, erläutert Fleiter, der das Projekt noch weiter ausbauen möchte. Auf dem Dach des Wohnwagens soll bald das erste Minikonzert stattfinden, bei dem ein DJ an einem kleinen Pult live Musik auflegt oder eine Band von dort aus spielt - der dafür nötige Strom kommt natürlich von Solar- oder Windkraft.

Nächstes Jahr in Europa unterwegs

Besonders stolz sind er und sein Team auf ihre neueste Erfindung: ein weltweit einzigartiges, ebenfalls selbst gebautes mobiles Pumpspeicherkraftwerk. Drei Container haben sie dafür aufeinandergestapelt und mit alten Feuerwehrpumpen ausgestattet. Der unterste Container ist mit Wasser gefüllt, das manuell in den obersten Container gepumpt wird. Von dort läuft das Wasser durch eine Turbine zurück und erzeugt Strom. Insgesamt bis zu vier Watt - genug, um ein Handy aufzuladen. Diese Stromquelle soll ebenfalls kostenfrei sein, zumal Fleiter und sein Team mit dem Verkauf von Strom auch in Zukunft kein Geld verdienen möchten. Ihr Projekt finanziert sich ausschließlich über Sponsoren und zunehmend über Firmen, die den Wohnwagen für Veranstaltungen mieten.

Von Kassel aus erobert das „Electric Hotel“ so seit seinem Start 2011 allmählich die gesamte Republik. Im nächsten Jahr, so Fleiter, soll das Projekt in ganz Europa unterwegs sein.

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