Fangesänge sind nicht immer nett. Aber manchmal treffen sie den Nagel auf den Kopf, selbst wenn sie hämisch gemeint sind. „Und in Kassel lachen sie Euch aus!“, skandierten die Duisburger Fans am Sonntag beim letzten Auftritt der Löwen Frankfurt in der Meisterrunde der Eishockey-Oberliga. Was für rheinische Fachkenntnis über die hessischen Befindlichkeiten spricht. Denn die Huskies, wie Frankfurt Aufsteiger, haben den Sprung in die Endrunde geschafft und dürfen sich nun erst mit den Besten aus dem Norden und Osten messen, bei günstigem Abschneiden sogar in den Play-offs mit dem Süden. Die Frankfurter hingegen müssen sich nun noch durch eine Trostrunde, genannt „Pokal-Qualifikation“, quälen. Unterschiedlicher kann die Stimmungslage nicht sein.
Zu den Fakten. Einen Top-Vier-Platz anvisieren und somit die Play-offs um den Aufstieg zur zweiten Liga - das war der Plan der Löwen gewesen. Als Fünfter mit zehn Punkten Rückstand auf den Vierten haben sie dieses Ziel deutlich verpasst. Nicht minder schwer wiegt, dass die Löwen alle acht Derbys gegen Bad Nauheim und Kassel verloren haben. „Das wird mich auch noch ärgern, wenn ich mit 90 Jahren im Schaukelstuhl sitze“, sagt Löwen-Trainer Clayton Beddoes. In solchen Momenten wären Ausreden also wohlfeil. Zumal die Löwen mehr als alle anderen Spitzenteams von Verletzungspech gebeutelt waren. Seit Dezember fehlen zwei Stammverteidiger dauerhaft, seit Beginn der Meisterrunde auch noch Topscorer Simon Barg. Und in den vergangenen fünf Spielen traten die Frankfurter meist nur noch mit elf Feldspielern an. All das könnte Beddoes thematisieren, tut er aber nicht: „Wer nach Entschuldigungen sucht, hat schon die nächste Niederlage im Hinterkopf.“ Zumal der Trainer auch weiß, dass die Verletztenmisere nicht alleine der Grund für das Scheitern ist. Der Kanadier ist selbstkritisch und sagt: „Wenn man ein Ziel verpasst, muss man sich selbst hinterfragen, ob man Fehler gemacht hat.“
Unterschätzt, dass es einen Anführer in der Kabine braucht
Sportdirektor Michael Bresagk formuliert es anders, meint mit seiner Aussage („Das war ein Lehrjahr für uns“) aber inhaltlich das Gleiche. Bresagk war zwar mehr als zwanzig Jahre lang ein Musterprofi, der sogar per Fernstudium „Sportmanagement“ studierte. Aber in der Praxis war ein Novize. Zumal in einer Spielklasse wie der Oberliga, wo die Uhren doch etwas anders ticken als etwa in der Deutschen Eishockey Liga. Informationen sind oft nur rudimentär, viele Spieler gehen noch einer anderen Beschäftigung nach, „weiche“ Faktoren sind oft wichtiger als der Profigedanke. Andreas Ortwein, Geschäftsführer des souveränen Tabellenführers EC Bad Nauheim, sagt: „Man kann nicht über Nacht ein Spitzenteam auf die Beine stellen. Das braucht viel Feintuning und Detailarbeit.“ Das sagt einer, der seit Jahren ein profunder Kenner der Oberliga ist.
Zweifellos haben die Löwen-Verantwortlichen unterschätzt, dass eine relativ junge Mannschaft auch einen eindeutigen Anführer in der Kabine braucht, einen, der sagt, wo es lang geht. Genau so wie ein paar abgebrühte Typen, die in brenzligen Situationen wissen, worauf es ankommt. Genau das aber wussten viele Akteure nicht, sie verloren den Kopf, wenn es kritisch wurde. So war es auffällig, dass es die Löwen kein einziges Mal schafften, einen Zwei-Tore-Rückstand noch in einen Sieg umzuwandeln. Die Profis der Frankfurt Lions hatten einst den Ruf der „Comeback-Kids“ - den neuen Löwen fehlte diese Qualität. Zudem hatten sie bei der Vergabe der beiden erlaubten Ausländerlizenzen kein glückliches Händchen. Die Löwen vergaben eine für den Angriff, die andere in der Verteidigung. Im Nachhinein ein Fehler. Die Spitzenteams Bad Nauheim, Duisburg und Dortmund holten jeweils zwei Stürmer. Das Motto: Hinten solide stehen und alle Kraft in den Angriff. Alle drei Mannschaften mussten wenige Gegentore hinnehmen, trafen gleichzeitig aber mindestens fünfmal pro Spiel. Auch in Detailfragen gibt es Nachholbedarf. So wäre es sicherlich sinnvoll gewesen, mit einer nahezu neuen Mannschaft vor der Saison in ein Trainingslager zu gehen. Dort wären bestimmte Trends und nötige Nachbesserungen womöglich erkannt worden.
Interessant ist, dass es eine Diskussion nie ernsthaft gegeben hat - jene über den Trainer. Und das in einer Stadt, die den Rekord in Sachen Trainer-Entlassungen hält: In der Saison 2001/02 mussten bei den Lions gleich drei Übungsleiter gehen. Für den Kanadier und ehemaligen NHL-Profi Clayton Beddoes war die Oberliga Neuland, durchaus mit einigen Untiefen. Doch mit seiner akribischen Arbeit stand er nie in Frage. „Eine Trainerdiskussion wird es bei uns nicht geben“, hatte Michael Bresagk schon vor zwei Wochen gesagt: „Beddoes ist ein Glücksfall für uns. So hart, wie er arbeitet, könnten wir ihn eigentlich gar nicht bezahlen.“ Und Beddoes selbst hat nie ans Aufgeben gedacht: „Keine Sekunde. Ich habe mich Problemen immer gestellt.“ Und keine Ausreden gelten lassen. Lieber legt er in seinem Trainerzimmer Nachtschichten ein, um jede Fehlerquelle zu analysieren - mit Blick auf die kommende Saison.