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Dienstag, 18. Juni 2013
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Einzelhandel Gute Schlecker-Löhne als Vermittlungshemmnis

 ·  Weil der Einzelhandel Personal sucht, gelten die Chancen für Schlecker-Mitarbeiter, die gekündigt werden, als gut. Doch es gibt eine ganze Reihe von Vermittlungshemmnissen.

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Allenthalben ist zurzeit davon die Rede, dass es für die wohl mehr als 11.000 Schlecker-Mitarbeiter, die Ende des Monats eine Kündigung erhalten werden, auf dem Arbeitsmarkt gute Chancen gebe, der Einzelhandel suche schließlich vielerorts händeringend Kräfte. Doch diese recht euphorische Einschätzung teilt beispielsweise der Gewerkschafter Horst Gobrecht nicht.

„Man muss da sehr genau differenzieren“, mahnt der Gewerkschaftssekretär und Handelsfachmann im Verdi-Bezirk Südhessen. Eine der zentralen Schwierigkeiten, die er sieht, hätte man nicht unbedingt sofort bei Schlecker-Angestellten verortet: Des Drogerie-Discounter hat seine Mitarbeiter Gobrecht zufolge bislang oft besser bezahlt als viele andere Unternehmen im deutschen Einzelhandel, nämlich mindestens nach Tarifvertrag. So kommt eine Verkaufsstellenleiterin in Vollzeitanstellung bei Schlecker bislang auf fast 2600 Euro brutto im Monat. Eine Kollegin, die Vollzeit als normale Verkäuferin gearbeitet hat und seit mindestens sechs Jahren im Job ist, kann bislang mit etwas mehr als 2200 Euro brutto kalkulieren.

Nicht ganz freiwillig entstanden

Es spricht nach Gobrechts Einschätzung nicht viel dafür, dass es unter den aktuell offenen Positionen im Einzelhandel viele vergleichbare unbefristete Vollzeitstellen mit einem ähnlichen Entgeltniveau gibt. Vielmehr behelfe sich der Einzelhandel oft mit Teilzeitstellen bis hinunter zu 400-Euro- und anderen Aushilfsjobs, die unterhalb der tarifvertraglichen Mindestanforderung von 20 Stunden in der Woche lägen. Eine Beschäftigung mit weniger als 20 Wochenstunden lässt der Tarifvertrag nur in Ausnahmen zu, wie Gobrecht weiter erläutert.

Ganz freiwillig sind die guten Entgeltstrukturen im Reich des Anton Schlecker, der eher als Mitarbeiter kujonierender denn als gut bezahlender Chef bekannt geworden ist, allerdings auch nicht entstanden, wie Gobrecht weiter sagt. Es seien viele Jahre harter Gewerkschaftsarbeit nötig gewesen, um das zu erreichen.

Höhere Kundenzahlen bei Rossmann

Bei der Regionaldirektion Hessen der Bundesagentur für Arbeit weist eine Sprecherin zwar auf eine grundsätzlich gute Lage auf dem Arbeitsmarkt hin, sieht aber im Moment auch keinen Grund zu Euphorie, angesichts von Entlassungen in solcher Größenordnung. Wie gut die Chancen auf dem Arbeitsmarkt tatsächlich seien, werde von etlichen Faktoren bestimmt, die ihrem Hause bislang schlicht nicht bekannt seien. Ein wesentliches Kriterium für eine Neuvermittlung sei beispielsweise das Alter der von Kündigungen Betroffenen, ein anderes der Wohnort. Weder über die Zahl, die Altersstruktur noch über die räumliche Verteilung der von Entlassung Bedrohten gebe es zurzeit stichhaltige Informationen. Die Großkundenbetreuer der Arbeitsagentur seien aber schon dabei, deutschlandweit geeignete Stellen für gekündigte Schlecker-Mitarbeiter zu akquirieren.

Bei Rossmann, nach Schlecker und dm die Nummer drei in der deutschen Drogeriebranche, gibt es nach Angaben eines Unternehmenssprechers dafür durchaus Chancen. Die ehemaligen Schlecker-Leute müssten sich allerdings schon an die sehr viel höheren Kundenzahlen in den Rossmann-Filialen gewöhnen. Direkte Übernahmeangebote könne sein Haus nicht machen, er bleibt vage. Bei der Nummer zwei unter den Groß-Drogisten, dm, wollte sich gestern die Unternehmensleitung gar nicht zur Frage der Übernahme von Schlecker-Mitarbeitern äußern.

Verdi hält 20 Transfergesellschaften für notwendig

Um gekündigte Schlecker-Beschäftigte tatsächlich rasch neu zu vermitteln, hält Klaus-Peter Grawunder die Gründung von Transfergesellschaften für unbedingt notwendig. Es sei illusorisch, anzunehmen, dass so viele Menschen ohne Schulungen gleich in neue Stellen zu vermitteln seien, sagt Grawunder, der im Verdi-Bezirk Frankfurt-Rhein-Main für den Handel zuständig ist. „Das geht schon bei ganz unterschiedlichen Kassensystem los. Sie können auch nicht einfach Leute aus der Drogeriebranche kurzerhand zu Rewe an die Frischfisch- oder Fleischtheke stellen“, sagt Grawunder. Der Kunde verlange intensive Beratung, und der Mitarbeiter müsse erst einmal in die Lage versetzt werden, sie zu bieten.

Verdi hält 20 Transfergesellschaften in ganz Deutschland für notwendig. Grawunder beziffert die Kosten auf 60 bis 70 Millionen Euro. Die Gewerkschafter wollen diese Transfergesellschaften 12 Monate lang offen halten, der Insolvenzverwalter will Verdi zufolge in nur sechs Monaten die Vermittlung geschafft haben.

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Wirtschaftsredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

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