Ihre Ausgangspositionen könnten unterschiedlicher wohl kaum sein. Da ist zum einen Gesa Felicitas Krause, der Shootingstar des vergangenen Jahres, die neue deutsche Hoffnungsträgerin der Mittelstrecke. Gleich im ersten Rennen des Jahres in der amerikanischen Stadt Eugene blieb sie über 3000 Meter Hindernis in 9:34,76 Minuten unter der Norm sowohl für die EM in Helsinki (27. Juni bis 1. Juli) als auch für die Olympischen Spiele in London (27. Juli bis 12. August). Dementsprechend entspannt saß sie am Freitag bei einer Pressekonferenz ihres Vereins LG Eintracht Frankfurt im Leistungszentrum Riederwald, erzählte, wie befreiend es gewesen sei, die Olympiaqualifikation gleich im ersten Versuch geschafft zu haben. Die Olympischen Spiele, ihre ersten überhaupt, sollen der Höhepunkt dieser für sie so erfolgreichen Saison werden.
Bei Ariane Friedrich war das auch so geplant. Doch nach ihrem Achillessehnenriss läuft die sechsmalige deutsche Meisterin, WM-Dritte von 2009 und Europameisterin von 2010 das erste Mal in ihrer Karriere der Norm hinterher. An der vom Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV) geforderten Höhe von 1,95 Metern ist sie bislang gescheitert, zuletzt bei den verregneten deutschen Meisterschaften am vergangenen Wochenende in Wattenscheid. Ihr Trainer und Manager Günter Eisinger meldete sie deshalb jetzt kurzfristig zu einem weiteren Wettkampf an diesem Samstag an. Wo sie antritt, ob in Köln, Erfurt oder Saarbrücken, wusste sie bei der Pressekonferenz noch nicht - ihr Trainer will wohl möglichst wenig Publikum, um den Druck nicht zusätzlich zu erhöhen. „Ich schau mal, wohin das Navi uns führt“, sagte die extrovertierte Athletin. Vermutlich wird es sie zu den Badischen Leichtathletik-Meisterschaften in Schutterwald lenken.
1,95 Meter müssen gesprungen werden
Dort will sie dann auch nochmal ein Experiment wagen und ihren Anlauf umstellen. Seit ihrer Verletzung macht sie nur noch neun Schritte bis zur Latte, doch unterbewusst habe sie immer gespürt, dass dieser Rhythmus nicht passt. Bei ihrem letzten Training versuchte sie es erstmals wieder mit elf Schritten Anlauf. Die beiden zusätzlichen Schritte gäben ihr die entscheidende Schnelligkeit und Dynamik, sagte sie. „Dass ich jetzt meinen alten Anlauf wiederhabe, gibt mir auch vom Kopf her noch einmal zusätzliche Sicherheit“, sagte Ariane Friedrich, die sich betont gelassen gab. „Ich versuche, die nächsten Wettkämpfe so locker anzugehen, wie es eben geht. Es bringt nichts, wenn ich mich selbst unter Druck setze.“
Falls sie am Samstag keine 1,95 Meter springt, hat sie bei dem Meeting in Eberstadt Anfang Juli eine weitere Chance - und in der kommenden Woche bei der Europameisterschaft in Helsinki. Mit ihr, Staffelläufer Niklas Zender (4x400 Meter) und sechs weiteren Athleten stellt die LG Eintracht Frankfurt dabei so viele Athleten wie noch nie bei einer Europameisterschaft. Eigentlich ein Grund zur Freude, doch die will bei Wolfram Tröger, dem Leiter der Leichtathletikabteilung, nicht so recht aufkommen. Denn den sportlichen Erfolgen steht aus seiner Sicht eine mangelnde finanzielle Förderung gegenüber. „Für eine Sportart außerhalb des Fußballs ist es im Verein total schwer“, sagte Tröger. Auch die Stadt Frankfurt, der DLV, und die Unternehmen in der Region unterstützten die Leichtathletik der Eintracht nicht so, wie er es sich wünscht. Zehnkämpfer Jan Felix Knobel berichtete abermals von Ratten, die sich in die Matten der Trainingsanlage in der Hahnstraße eingenistet haben, die neue Anlage in Kalbach musste er mit seinem Trainer eigenhändig aufbauen. „Wir sind doch hier in der Sportstadt Frankfurt“, sagte Knobel, „noch dazu an einem europäischen Finanzplatz. Es kann doch nicht sein, dass da nicht genug Geld da ist, damit wir vernünftig trainieren können.“ Der Verein habe nicht einmal ein Stadion, wo Wettkämpfe ausgetragen werden können. Und Ariane Friedrich klagte, dass sie angesichts einer fehlenden Flutlichtanlage abends mit einer Grubenlampe trainiere, wie sie Bergarbeiter einsetzen. „Das ist einfach nur ziemlich peinlich“, sagte die Achtundzwanzigjährige.
Damit sich die Bedingungen verbessern, braucht der Verein mehr Geld. Das Jahresbudget der Leichtathletikabteilung betrage 250.000 Euro, davon stünden rund 100.000 Euro zur Förderung von 19 Athleten zur Verfügung, sagte Tröger. Seit einem Jahr hat er vom Hauptverein die Genehmigung, einen Partner zu suchen, dessen Logos auf die Trikots der Athleten gedruckt werden. 50.000 Euro soll das bringen - bisher hat sich niemand bei ihm gemeldet. Dass seine Sportler wegen dieser widrigen Umstände den Verein verlassen, muss er zunächst jedoch nicht befürchten. „Ich bin im Rhein-Main Gebiet fest verwurzelt“, sagte Ariane Friedrich. „Da müsste viel passieren, bis ich von hier weggehe.“