Floskeln, vermeintliche Fußball-Weisheiten oder Binsenwahrheiten sind Armin Veh ein Greuel. Vehement wehrt sich der Trainer der Frankfurter Eintracht gegen Vermutungen, nach der jüngsten Erfolgsserie seiner Mannschaft müssten die Rückschläge nun zwangsläufig kommen. Oder die Erwartungen im angeblich so verwöhnten Frankfurter Umfeld könnten die Mannschaft über Gebühr belasten. Oder er müsse gar die Begeisterung innerhalb der Mannschaft bremsen, um einer Selbstüberschätzung der Spieler vorzubeugen. Mit all diesen negativen Denkansätzen kann der 51 Jahre alte Fußball-Lehrer nichts anfangen. „Wir lassen uns unsere Freude nicht mit einem einzigen Prozent schmälern“, sagt er entschlossen, „wir leben doch im Jetzt.“
Die Ansicht, das Heimspiel an diesem Sonntag (15.30 Uhr) gegen den SC Freiburg, könne für seine Mannschaft „viel schwieriger“ werden als das Heimspiel am letzten Dienstag gegen Borussia Dortmund, bringt den Frankfurter Coach zum Lächeln. „Ich spiele doch lieber fünfmal gegen Freiburg als fünfmal gegen Dortmund“, sagt Veh ehrlich, denn natürlich habe der Meister individuell und mannschaftlich mehr Qualität als Freiburg. „Warum sollte ich jetzt sagen, Freiburg ist schwerer als Dortmund“, fragt Veh, „wir wissen doch auch so genau, dass jedes Spiel in der Bundesliga für uns schwer ist.“ Dies ist zweifellos nicht als Geringschätzung des Gegners vom Sonntag gemeint, sondern vielmehr eine realistische Einschätzung. Vor Freiburg nämlich hat Veh viel Respekt. Die Breisgauer würden ähnlich „frech“ auf wie seine Mannschaft, „ich glaube nicht, dass die besonders beeindruckt sind von unserer Erfolgsserie“.
„Ich hoffe, dass keiner überheblich ist, und ich glaube es auch“
Die Hinweise, in Frankfurt würde nach dem guten Start nun von deutlich mehr als nur vom Klassenerhalt geträumt, nimmt er mit Gelassenheit hin. Ähnlich verfährt er mit Aufforderung in der offiziellen Pressekonferenz vor dem Spiel gegen Freiburg, es sei doch nun an der Zeit, die Saisonziele nach oben zu korrigieren. Dies sei nach dem fünften Spieltag „völliger Blödsinn“, entgegnet Veh. Im Vordergrund stehe alleine das nächste Spiel gegen einen „unmittelbaren Konkurrenten“ im Kampf gegen den Abstieg. „Ein Sieg gegen Freiburg und wir hätten sechzehn Punkte“, sagte er und fügt flapsig hinzu: „Das wäre geil.“
Veh ist überzeugt, dass seine Spieler genau in die gleiche Richtung denken. Von Selbstüberschätzung habe er bisher jedenfalls überhaupt nichts bemerkt. „Ich hoffe, dass keiner überheblich ist, und ich glaube es auch“, sagt er, „aber ich weiß es natürlich nicht.“ An den ersten fünf Spieltagen hat sich die Eintracht als eine echte Gemeinschaft präsentiert. Was auch daran liegt, dass es keine größeren personellen Probleme gegeben hat. Gegen Freiburg wird wieder jene Elf beginnen, die auch bei den ersten vier Spielen begonnen hat. Der zuletzt angeschlagene Angreifer Olivier Occean wird nach überstandener Oberschenkelzerrung ins Team zurückkehren, sein Vertreter Jimmy Hoffer muss zurück auf die Bank. Woraus sich ein Problem ergibt: Veh muss einen Spieler auf die Tribüne schicken. Dies sei eine „blöde Situation“, gibt er zu. Wen es aus der Offensivabteilung treffen wird, den Allrounder Benjamin Köhler, den zuletzt als Stürmer aufgebotenen Karim Matmour oder das Talent Sonny Kittel, werde er erst nach dem Abschlusstraining an diesem Samstag festlegen.
Für einen Profi aus dem Kader der Eintracht wird es ein ganz besonders schwerer Nachmittag. Heiko Butscher war im letzten Winter als große Hoffnung aus Freiburg geholt worden und hatte auch viel zum Aufstieg beigetragen. In der Zentrale der aktuellen Viererkette aber ist Butscher hinter Bamba Anderson, Carlos Zambrano und dem ersten Ersatzmann Vadim Demidov nur noch vierte Wahl und wird deshalb auch gegen seine ehemaligen Kollegen nicht im Aufgebot stehen.
Das ich das noch erleben darf...
Till Diesing (Zabel24)
- 29.09.2012, 13:36 Uhr