Das Wort „Wahnsinn“ sagte Alexander Meier ganz leise, so wie es seine Art ist. Damit war der Mittelfeldspieler von Eintracht Frankfurt allerdings eine Ausnahme. Kurz vor ihm waren schon Heribert Bruchhagen und Bruno Hübner an derselben Stelle nahe der Frankfurter Kabine vorbeigekommen, und die waren auch aus größerer Entfernung gut zu verstehen. „Eine Katastrophe!“, wütete Manager Hübner schnellen Schrittes. Und der Vorstandsvorsitzende Bruchhagen sagte, wie angewurzelt in den Katakomben des Düsseldorfer Stadions: „Unglaublich!“ Und kurz darauf: „Unfassbar!“ Dem Eintracht-Tross fiel es am späten Montagabend hörbar schwer, sich mit dem abzufinden, was gerade passiert war. Ein 1:1-Unentschieden bei einem Konkurrenten im Kampf um den Aufstieg, das kommt vor. So wie späte Gegentore. Für Ärger über Entscheidungen des Schiedsrichters gilt das auch. Und Reibereien mit Trainern oder Spielern des Gegners sind schon lange keine Besonderheit mehr. Aber wenn das alles zusammenkommt, dazu noch in einer nicht alltäglichen, höchst aggressiven Form, dann fallen auch die Worte der Besonnenen aggressiver aus als sonst.
Der Tenor bei der Eintracht war unmittelbar nach diesem 1:1 und am Tag darauf, als Bruchhagen und Veh noch einmal in Frankfurt Stellung nahmen, einhellig: Der Düsseldorfer Angreifer Sascha Rösler, den Veh schon vor dem Spiel hart kritisiert hatte, habe am Rande der Zumutung provoziert, Fortuna-Trainer Norbert Meier habe den Linienrichter von der ersten bis zur letzten Minute bedrängt - und am Ende sei alles in jene Szenen kulminiert, die dem Spiel sein Gesicht gaben: den Elfmeter in der Nachspielzeit, der aus dem 1:0 von Benjamin Köhler (69. Minute) ein zwar gerechtes, aber umstrittenes Unentschieden machte; die Unsicherheit von Schiedsrichter Felix Brych, der nach einem Zweikampf zwischen Eintracht-Verteidiger Bamba Anderson und dem eingewechselten Angreifer Timo Furuholm zunächst weiterspielen lassen wollte, sich dann aber von dem weit entfernten Linienrichter Jan-Hendrik Salver überzeugen ließ, auf Strafstoß zu entscheiden; schließlich die Tumulte danach, als Rösler vor der Frankfurter Bank mit geballten Fäusten auf die Knie ging und danach Veh verfolgte, ihm offenbar Beleidigungen zurief. Rösler sah danach die zweite Gelbe Karte, also Rot, und auch der Eintracht-Trainer musste in den letzten Sekunden des Spiels auf die Tribüne - „keiner weiß, warum“, sagte er. Und als persönliches Fazit: „Ich fühle mich von Rösler betrogen. Er ist eine Schande für den deutschen Fußball.“ Nur noch eine Randnotiz, dass er ihn noch einen „Rotzlöffel“ nannte. Das alles sagte er am Dienstag, denn das Stadion hatte er tags zuvor ohne ein Wort verlassen.
Vom guten Spiel der Eintracht war bei diesen Begleiterscheinungen kaum noch die Rede
Es war eine Partie, die auf dem Papier keinen Gewinner und keinen Verlierer hatte - und doch gab es Spieler, die in die zweite Kategorie gehörten. Der Eintracht-Verteidiger Bamba Anderson in erster Linie natürlich, der Körperkontakt mit Furuholm hatte - was allein natürlich keinen Elfmeter rechtfertigt -, der ihn aber auch am Trikot zog und dem Linienrichter deshalb die Möglichkeit zur Intervention gab. Dass es eine Weile dauerte, bis sich der überzeugende Brych und sein Assistent Salver verständigt hatten, ist ein Schwachpunkt in der Spielleitung, auf den auch Lutz Wagner hinweist. Der frühere Bundesliga-Schiedsrichter und heutige Lehrwart des Deutschen Fußball-Bundes sagt aber auch, dass Brych „eine sehr, sehr gute Leistung in einem schwer zu leitenden Spiel“ erbracht habe. Und was Ziehen am Trikot betrifft: „Es gibt nicht viel oder wenig Foul“, sagt der Krifteler Wagner. Entscheidend sei, dass der Schiedsrichter pfeifen müsse, sobald er ein Foul erkennt - und das natürlich auch im Strafraum. Es ist eine Sicht, die sich kein Verantwortlicher der Eintracht zu eigen machte. Der eine oder andere Spieler sagte, er habe die Szene nicht genau gesehen, Bruchhagen, Veh und Hübner aber schworen Stein und Bein: Kein Elfmeter, niemals!
Die Verbesserung auf Platz eins in der Tabelle verpasste die Eintracht durch den vom Düsseldorfer Verteidiger Jens Langeneke verwandelten Elfmeter, sie belegt jetzt Platz drei. Dafür sind die Düsseldorfer weiter Nummer eins der Liga. Vorstandschef Bruchhagen konnte das ja noch verschmerzen, allerdings betonte er zerknirscht immer wieder, dass dies kein normales Spiel gewesen sei, dass vielmehr ein Sieg der Eintracht einen Schub ermöglicht hätte, der in den verbleibenden Spielen der Saison eine große Hilfe gewesen wäre. Das Wort richtungweisend wird in solchen Fällen gerne gewählt, und auch Bruchhagen tat das. Noch länger hielt er sich allerdings beim Gegner auf. Leidenschaftlicher hat sich der erste Mann der Eintracht noch nicht echauffiert, seit er in Frankfurt arbeitet - also seit Ende 2003. Jeden dritten Satz begann er mit einem spöttischen „Ich gratuliere Fortuna Düsseldorf“, um dazwischen den Grund für seine Empörung darzulegen. Jede Methode habe Erfolg, man müsse sie nur lange genug durchhalten. Damit meinte er vor allem Meier, dem er vorwarf, den Linienrichter mit zum Teil hochgerissenen Armen permanent bedrängt zu haben. „Der arme Kerl kann ja noch nicht mal etwas dazu“, sagte er über Salver, der beim Elfmeter die entscheidende Rolle spielte. Dieser habe unter „erheblichem“ Druck gestanden.
Vom guten Spiel der Eintracht war bei diesen Begleiterscheinungen kaum noch die Rede. Dabei hätte es das ein oder andere lobende Wort mehr durchaus sein können, denn es war eine gute Partie gegen einen starken Gegner. Köhlers Treffer nach Meiers großartiger Vorlage war eine Augenweide, die Mannschaft überzeugte in einem Spiel mit mehreren guten Torchancen auf beiden Seiten durch Stabilität, Balance und punktuelle offensive Glanzpunkte. Alexander Meier war in seiner zurückhaltenden Art genau der Richtige, um vom Tumult wieder zum Sport überzugehen, und der sagte: „Das wird uns nicht aufhalten. Wenn wir so weiterspielen, dann sind wir auf einem guten Weg.“ Das sollen schon bald die nächsten Gegner zu spüren bekommen. Am Samstag zum Beispiel der FSV Frankfurt. Aber von dem war in Düsseldorf nun wirklich nicht die Rede. Das kommt schon noch, wenn Düsseldorf vergessen ist - auch wenn das dem einen oder anderen schwerfallen dürfte.
Sie kommen alle in den Himmel
Bernd Rittmeyer (bernauheim)
- 15.02.2012, 08:58 Uhr