Home
http://www.faz.net/-gzg-71f6v
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Eintracht Frankfurt Kunst der Improvisation

 ·  Veh braucht Kreativität und Phantasie, um die Eintracht auf die kommende Saison vorzubereiten. Kempf meldet sich verletzt ab, Zambrano als neuer Verteidiger gehandelt.

Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (1)

Fünf Wochen bleiben, um sich gegen den Ernstfall zu wappnen. Am 19. August muss die Eintracht in der ersten Pokalrunde beim zweitklassigen Team von Erzgebirge Aue antreten - keine ganz leichte Hürde, auf gar keinen Fall eine, die ein Bundesligaaufsteiger im Vorbeigehen überspringt. Ursprünglich hatte Armin Veh, der Frankfurter Trainer, gehofft, dass er schon in der ersten Woche der Zusammenkunft nach der Sommerpause einen weitgehend vollzähligen Kader vorfindet, um sich in Ruhe einspielen und Rückschläge in der Vorbereitung verarbeiten zu können. Denkste! Von diesem Wunsch hat sich der 51 Jahre alte Coach mittlerweile verabschiedet - sehr zu seinem Unwillen, wie er in den vergangenen Tagen bei vielen Gelegenheiten kundtat. Bei den von ihm als dringend nötig erachteten Zugängen, vor allem, um die Abwehrkraft zu stärken, ist keine Entwicklung erkennbar, die einen unmittelbar bevorstehenden Transfer erwarten lässt.

Stattdessen wurde nun das vorzeitige Ende einer unglückseligen Zusammenarbeit bekanntgegeben - wodurch das ohnehin dezimierte Aufgebot weiter verschlankt, die Qualität der Mannschaft aber nicht ernsthaft beeinträchtigt wird: Der bis 2013 gültige Vertrag des Amerikaners Ricardo Clark, der nie eine wirkliche Defensiv-Option, sondern fast immer Reservist war, wurde aufgehoben. „In beiderseitigem Einverständnis“, wie es am Dienstagabend hieß. Zudem kehrt auch Mohammed Abu nicht zur Eintracht zurück. Sportdirektor Bruno Hübner teilte mit, dass er die Option auf eine weitergehende Verpflichtung des technisch versierten Kickers verstreichen ließ. Der Ghanaer war im Winter auf Betreiben Hübners vom späteren englischen Meister Manchester City gekommen und konnte die Erwartungen in der kurzen Bewährungszeit, die ihm zur Verfügung stand, nicht erfüllen. „Wir sind im Mittelfeld sehr gut besetzt und haben im Moment keinen Bedarf“, sagte Hübner dem „Hessischen Rundfunk“ (HR). Da ihm in diesem Sommer insgesamt vergleichsweise bescheidene 25 Millionen Euro für den Lizenzspieleretat zur Verfügung stehen, fühlt er sich dem sorgfältigen Haushalten verpflichtet. Den Luxus, einen Perspektivspieler wie den schmächtigen Abu en passant mit zu honorieren, kann er sich nicht erlauben. Das Geschäft mit Abu entsprang einer Winterreise Hübners auf die Insel, bei der ihm von Vertretern des durch arabische Ölmillionen gesponserten Klubs die Absicht zu einer längerfristigen Kooperation in Aussicht gestellt wurde. Doch damit ist es offenbar momentan nicht mehr weit her. Hübner räumte gegenüber dem HR nun ein, „keinen näheren Kontakt“ mehr zu den Engländern zu unterhalten.

„Lockere Gespräche“

Unterdessen verletzte sich Marc-Oliver Kempf beim Training. Der Jugendnationalspieler, einer der Gewinner des kürzlichen Aufenthalts in Österreich, knickte um und zog sich einen Bänderriss im linken Sprunggelenk zu. Vor ein paar Wochen wäre die Mitteilung aus der medizinischen Abteilung des Klubs allenfalls eine Randnotiz wert gewesen. Mittlerweile ist es eine Nachricht, die auch Veh nicht gefällt. Zum einen, weil der 17 Jahre alte Teenager, der gerade erst der B-Jugend entwachsen ist, im Kreis der Profis eine gute Rolle gespielt und sein Potential mehrmals angedeutet hat. Zum anderen, weil Kempf eine Position bekleidet, auf der es bei der Eintracht derzeit kaum Alternativen gibt: Er ist als Innenverteidiger ausgebildet worden. Vermutlich zwei Wochen wird Kempf wegen der Blessur nicht mitmachen können, und so ist Veh gezwungen, noch mehr zu improvisieren. Zumindest in den Privatspielen in dieser Woche: an diesem Mittwoch (18.30 Uhr) gegen das Verbandsligateam SG Anspach, am Freitag gegen Zweitligaaufsteiger VfR Aalen und am Samstag gegen den Oberligaklub FK Pirmasens.

Es sei denn, die vielen Verhandlungen von Hübner mit Kandidaten für die fast verwaiste Abwehrmitte führen rasch doch zu spruchreifen Ergebnissen. Worauf freilich wenig hindeutet. Aktuell steht so nach dem Ausfall von Kempf mit Heiko Butscher nur noch ein Innenverteidiger zur Verfügung, und die Problematik wird von Tag zu Tag drängender. Die Eintracht benötigt neues Personal, um Akteure wie Gordon Schildenfeld, der nach Moskau wechselte, Bamba Anderson, dessen Zukunft möglicherweise doch in Mönchengladbach liegt, und Martin Amedick, der wegen seines Burn-out-Syndroms ausfällt, zu ersetzen. In einem Gespräch am Dienstag haben Trainer und Sportdirektor die weitere Strategie im Sommerschlussverkauf festgelegt. „Wir haben zwei Spieler fest im Kopf, die genießen Priorität“, sagte Hübner. Gerade die Abwehrzentrale ist ein besonders sensibler Teil der neuen Mannschaft. Da kommt es neben individuellen Qualitäten auf die Abstimmung der Akteure untereinander an, auf Vertrauen, auf Automatismen. Zumal womöglich mit Kevin Trapp auch noch ein neuer Torwart aufgeboten wird. Schon beim ersten Test, dem 3:2 in Linz, wurde deutlich, dass es ohne funktionierende Innenverteidigung nicht geht. Martin Lanig konnte als Aushilfe nicht überzeugen, auch Butscher agierte unglücklich. Erst als Sebastian Jung in die Mitte rückte, kam Stabilität ins Spiel. Eine Lösung auf Dauer kann der 1,79 Meter große Jung aber auf diesem Posten nicht sein.

Meldungen, wonach die Eintracht versucht, ihre Not mit einem Engagement von Carlos Zambrano zu beseitigen, der noch beim FC St. Pauli beschäftigt ist, wollte Hübner weder bestätigen noch dementieren. St.-Pauli-Manager Rachid Azzouzi räumte Kontakte zu einem Bundesligaklub ein, „die aber über lockere Gespräche noch nicht hinausgekommen“ seien. Der 23 Jahre alte Zambrano, der auch schon für den FC Schalke 04 gespielt hat, gilt als durchaus begabt. Ob die Eintracht den Peruaner allerdings zu finanzieren in der Lage wäre, ist die viel entscheidendere Frage. Zumal die Besitzverhältnisse kompliziert sind; mehr als die Hälfte der Transferrechte liegt bei einem Schweizer Unternehmen. St. Pauli würde dem Vernehmen nach bis zu zwei Millionen Euro an Ablöse erwarten. Eine Summe, die die Eintracht garantiert nicht zahlen will - und kann.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Lesermeinungen zu diesem Artikel (1)
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1974, Sportredakteur.

Jüngste Beiträge

Geben und nehmen

Von Matthias Alexander

Wer immer nach der Landtagswahl im September Finanzminister wird, steht mit Blick auf den kommunalen Finanzausgleich vor einer undankbaren Aufgabe. Schon bis Ende 2015 muss ein neues Modell gefunden sein. Mehr