Hört sich nach jeder Menge Arbeit an. „Viermal den Gegner alleine auf den Torwart laufen lassen - das geht nicht.“ Auch am Tag danach hat Armin Veh sein verschmitztes Lächeln auf den Lippen. Gleichwohl war der Trainer der Frankfurter Eintracht überhaupt nicht damit einverstanden, wie sich seine Mannschaft am Vorabend bei der 4:5-Testspielniederlage gegen den Al Jazira Klub präsentiert hatte. „Die erste Halbzeit war ja phasenweise super, wo wir unglaubliche Tore herausgespielt haben“, sagte er und dachte dabei vor allem an die beiden Geniestreiche von Alexander Meier. Der auch im neuen Jahr gefährlichste Frankfurter vollendete, was zuvor Stefan Aigner und Takashi Inui auf den Flügeln hervorragend vorbereitet hatten. Zwei Treffer, die an den letzten Hinrundenauftritt erinnerten, als die Eintracht mit dem VfL Wolfsburg Katz und Maus spielte und 2:0 gewann.
Und dann dieser Absturz. Eine zweite Halbzeit gegen die technisch überzeugenden Araber zum Vergessen; ein Rückkehrer, der schon durch seine Körpersprache signalisierte, dass ihm noch einiges fehlt, um seinen neuen alten Kameraden eine Hilfe zu sein. Marco Russ, nahezu an allen Gegentoren beteiligt, war der Verlierer des Abends - sieht man einmal von dem abermals enttäuschenden Spiel des kanadischen Stürmers Olivier Occean ab.
Hübner kann Perspektiven aufzeigen
Doch es gibt auch Gewinner. Spieler, die über den Tag hinaus bei der Eintracht und der erstklassigen Konkurrenz Eindruck machen. Spieler wie Sebastian Rode und Sebastian Jung. „Die werden von der halben Bundesliga gejagt“, sagte Bruno Hübner. Der Sportdirektor nahm sich am Montag während des Trainingslagers in Abu Dhabi die Zeit, um in einem Gespräch Möglichkeiten aufzuzeigen, wie sich der bislang so furios in der Bundesliga tummelnde Aufsteiger noch nachhaltiger positionieren kann. Dass Profis wie Jung und Rode dabei eine exponierte Rolle spielen, nimmt in Hübners Überlegungen großen Raum ein. Im Fall des Rechtsverteidigers Jung, der für 2013 eine Ausstiegsklausel mit vereinbarter Ablöse von 2,5 Millionen Euro hat, findet es der Sportdirektor „ganz normal, dass jetzt noch keine Unterschrift kommt. Ich kann das gut nachvollziehen, denn er muss sich entscheiden: Will er bei einem Klub wie Dortmund oder Bayern mehr Geld verdienen und es dabei in Kauf nehmen, auf der Bank zu sitzen, weil er an den Etablierten nicht vorbeikommt? Oder will er eine sportliche Perspektive haben?“ Hübner ist Realist genug, um zu wissen: „Wenn er sich fürs Geld entscheidet, haben wir sowieso keine Chance.“
Perspektiven aufzeigen: Das vor allem ist es, was Hübner machen kann. Um an das Tor zur Nationalmannschaft zu stoßen, hatte er unlängst gesagt, brauche man nicht zu einem finanzkräftigeren Klub wie dem VfL Wolfsburg zu gehen. „Die Eintracht ist Vierter - und wo stehen die?“ Im Sommer könnten die Zeichen auf Trennung stehen. Hübner, Veh und die beiden Vorstände Heribert Bruchhagen und Axel Hellmann kennen die entsprechende Optionsvereinbarung, die dies zulässt, nur zu gut. „Wir wissen aber auch, dass Sebastian Jung eine Affinität zu Eintracht Frankfurt hat“, sagte der Sportdirektor. Die hat im Übrigen auch der von Borussia Dortmund und Bayer Leverkusen umworbene Sebastian Rode. Allein: Der 22 Jahre alte Mittelfeldrenner ist noch vertraglich bis zum 30. Juni 2014 an die Eintracht gebunden, „und ihn lassen wir auf keinen Fall gehen. Er ist unverkäuflich.“ Vorstandschef Heribert Bruchhagen steht mit seinem Wort im Wort.
Spagat ist nicht einfach
Jung, Rode, Trapp, Meier - in den zurückliegenden Wochen hat es über dieses Frankfurter Erfolgsquartett lauter Positives zu berichten gegeben. Ganz aktuell ist Rode, der sich im Test gegen Al Jazira eine Prellung im linken Knie zuzog und trainingshalber derzeit kürzertritt, von einer besonders aussagekräftigen Jury zum „Aufsteiger der Hinrunde“ gekürt worden. In einer Umfrage des Magazins „kicker“ wählten die Bundesligaspieler Rode auf den Spitzenplatz - gefolgt von Alexander Meier, Sebastian Jung und Torwart Kevin Trapp. Dass die Eintracht als Ganzes von fünfzig Prozent der 224 votierenden Erstligaprofis als „positive Überraschung“ der Vorrunde über den Zielstrich ging, verwundert nicht.
Und doch: Hübner fällt es nicht leicht, den ihm auferlegten Spagat zur Zufriedenheit aller zu schaffen. „Die Vorgabe ist klar: Wir müssen erst Spieler abgeben, um Platz für neue zu schaffen“, sagte er. Ein Unterfangen, das am Beispiel Rob Friend zeigt, wie kompliziert es mitunter sein kann. Seit Monaten schon versuchen die Frankfurter Verantwortlichen vergeblich, für den von ihnen mit großen Hoffnungen verpflichteten Kanadier einen Interessenten zu finden. Friend übrigens, der in den Planungen von Trainer Veh schon lange keine Rolle mehr spielt, ist wie selbstverständlich bei allen Unternehmungen in Abu Dhabi dabei.
Seriosität und Verlässlichkeit
Dass jemand wie Marko Livaja die Stelle von Friend einnehmen könnte, ist für Hübner „im Moment kein Thema“. Der 19 Jahre alte Kroate, derzeit bei Inter Mailand beschäftigt, war über seinen geschäftstüchtigen Berater mit Eintracht Frankfurt ins Gespräch gebracht worden. Ricardo dagegen ist überhaupt kein Thema. Der Brasilianer war im verlorenen Test gegen Al Jazira neben Meier die prägende Figur des Spiels. Als dreifacher Torschütze hat er auch bei Hübner mächtig Eindruck hinterlassen. „Den würde ich sofort nehmen“, sagte er. Doch der 32 Jahre alte Stürmer hat ein Problem: Er kostet 15 Millionen Euro Ablöse.
Mit Beratern ist Hübner ständig im Dialog. In der Zusammenarbeit mit ihnen legt der Sportdirektor großen Wert auf Seriosität und Verlässlichkeit. Und darauf, dass in diesen Tagen bei manchem aktuellen Eintracht-Profi „Denkprozesse in Gang kommen könnten, den Verein zu verlassen“. Hübner geht davon aus, dass längst nicht alle damit zufrieden sein dürften, nur Kandidaten für die Bank zu sein. Andererseits sagte er auch: „Wir sind in der Breite nicht gut aufgestellt. Es darf nichts passieren.“ Die Stammelf ist bekannt, die Namen der wenigen geforderten Einwechselspieler auch. „Bei Wintertransfers ist es schwer, sofort Stammspieler zu bekommen“, sagte Hübner. „Sie müssen deshalb auch perspektivisch sein. Und so könnte es auch mal ein Jüngerer sein.“ Im Rahmen eines Ausleihgeschäftes hätte man dann bis zum Sommer Zeit, um zu überprüfen: „Wie schlägt er sich? Wie integriert er sich?“ Fragen, die der bislang einzige Winterzugang Russ durch sportlich überzeugende Taten schnell beantworten muss.