Der junge Sonny Kittel griff auf einen Fußball-Superlativ zurück. „Weltklasse“, sagte das größte Talent von Eintracht Frankfurt nach dem 4:0 am Samstag gegen Erzgebirge Aue. Nur eine Spur weniger schwärmerisch, aber immer noch schwer begeistert, sagte der erfahrenere Kollege Pirmin Schwegler, der Kapitän der Mannschaft: „Es war Wahnsinn.“ Und Heiko Butscher, der ebenfalls schon einiges erlebt hat im Profifußball, fand „grandios“, was er gesehen hatte. Diese drei Spieler und jeder andere beim Sieger gerieten nicht wegen der eigenen Leistung oder wegen des überzeugenden Ergebnisses ins Schwärmen - sondern wegen der Begleitmusik von den Rängen. Empfangen von einer beeindruckenden Choreographie mit haushohen Transparenten und getragen von einer Stimmung, die sich unter den über 46.000 Zuschauern über neunzig Minuten immer noch zu steigern schien, ließ sich die Eintracht mitreißen und siegte durch Tore von Alexander Meier in der 28. Minute, Sonny Kittel (44.), Sebastian Jung (54.) und Benjamin Köhler per direktem Freistoß (83.). Am Ende war es eine Mischung aus sportlicher Machtdemonstration und Aufstiegsparty.
Auch Trainer Armin Veh war hochzufrieden, dass seine Mannschaft nach dem enttäuschenden 1:1 am Mittwoch im Heimspiel gegen Ingolstadt Platz zwei gefestigt und mit jetzt 65 Punkten acht Zähler zwischen sich und den Dritten Fortuna Düsseldorf, der erst am Montag spielt, gebracht hatte - was den Aufstieg, womöglich schon beim nächsten Spiel in Aachen, wieder ein Stück wahrscheinlicher gemacht hat. Auch er hatte, mit Blick auf die Tribüne mit den an diesem Tag besonders einfallsreichen Fans, „schon vor dem Spiel eine Gänsehaut“. Ihm waren zuvor einige personelle und taktische Veränderungen eingefallen, um diesmal gegen einen weiteren Außenseiter keine Enttäuschung zu erleben: Kittel rückte für Köhler in die Startaufstellung, Karim Matmour für Stürmer Erwin Hoffer, Schwegler spielte weiter vorgezogen als sonst, nämlich als eine Art Spielmacher im offensiven Mittelfeld statt als eher vorsichtiger Abfangjäger im defensiven.
Ein „unheimlicher Kampf am Anfang“
Anders als das Endergebnis vermuten lässt, überrannte die Eintracht ihren Gegner anfangs nicht, sie wartete auf dessen ersten entscheidenden Fehler. Er folgte nach etwas mehr als zwanzig Minuten, und Meier nutzte ihn, indem er einen langen Pass von Verteidiger Gordon Schildenfeld elegant annahm, zwei, drei Schritte lief und unaufgeregt einschob. „Es war trotzdem ein unheimlicher Kampf am Anfang“, sagte Heiko Butscher, und er erinnerte wie viele andere an das Spiel zuvor. Auch gegen Ingolstadt spielte die Eintracht überlegen - aber sie schoss lange kein Tor. Das war diesmal anders, und Kittels 2:0 - vorbereitet vom herausragenden Meier - brachte die alte Selbstsicherheit zurück. Jetzt wurde das Spiel der Eintracht, im Doppelpass mit den Zuschauern, zu einem Triumph der Spielfreude. Sebastian Jung traf nach einem Pass von Sebastian Rode aus kurzer Entfernung, Köhler nach seiner Einwechselung für den enttäuschenden Karim Matmour. Nach dem Sieg des Tabellenersten Spielvereinigung Greuther Fürth am Freitagabend gegen St. Pauli war dieses 4:0 eine Antwort und eine vielversprechende Aussicht: Diesen beiden Mannschaften dürfte der Aufstieg nicht mehr zu nehmen sein. Auch wenn das bei der Eintracht drei Spieltage vor Ende der Saison natürlich niemand bestätigen wollte.
Aachen könnte jetzt am Montag in einer Woche die endgültige Entscheidung bringen. Die Eintracht wird auch gegen den Tabellenletzten der Favorit sein, unabhängig davon, dass sie dort ohne ihren Kapitän spielen muss. Pirmin Schwegler musste seine Ambitionen schon nach 47 Minuten aufgeben, denn da wurde er mit der Gelben Karte bestraft - und weil es die fünfte in dieser Saison war, ist er jetzt gesperrt. Kam hinzu, dass er sich nach einer Stunde verletzt auswechseln ließ; eine Zerrung an der Hüfte verhinderte einen längeren Einsatz. Das trug dazu bei, dass die Frankfurter bei diesem Sieg nicht nur mit einem, sondern gleich mit drei Kapitänen spielten. Als Schwegler ging, übernahm Meier die Binde. Aber auch der bat um seine Auswechselung, weil er nach einem Spiel voller persönlicher Höhepunkte mit seinem 17. Saisontor, einer Torvorbereitung, vielen Torschüssen und unzähligen Laufkilometern zwischen Offensive und Defensive „ein bisschen müde“ war. Der für Schwegler eingewechselte Matthias Lehmann war fortan Spielführer - zusammengenommen ein Fall für die Statistik, mehr aber nicht.
„Zwei Schritte in die richtige Richtung“, hatte der Vorstandsvorsitzende Heribert Bruchhagen an diesem Tag gesehen, was für seine Verhältnisse schon geradezu euphorisch war. Auch ihn hatten die Leistung der Mannschaft und die Choreographie im Hintergrund beeindruckt. Er hob die Leistung von Alexander Meier hervor, den er ohnehin wegen seiner Berufsauffassung und seiner Standorttreue besonders schätzt. Und, einmal in Stimmung, fügte er hinzu: „Es sind wunderbare Stunden - die wir genießen wollen.“