Der 9. Oktober 2009 ist für Darmstadts Einzelhandel der Tag der Wahrheit gewesen. Damals eröffnete in Weiterstadt das Einzelhandelszentrum Loop 5. Die Schreckensziffern der portugiesischen Betreibergesellschaft Sonae Sierra lauteten: 55.000 Quadratmeter Verkaufsfläche, 177 Geschäfte und 3000 unentgeltliche Parkplätze - alles Dimensionen, die für ein Oberzentrum wie Darmstadt, dessen Gesamtverkaufsfläche in der Innenstadt bei 130.000 Quadratmetern liegt und das 480 Geschäfte in und um die Fußgängerzone zählt, bedrohlich klingen mussten. Kein Wunder also, dass selbst der kurz nach der Loop-Premiere eröffnete Weihnachtsmarkt den Charakter einer leuchtenden Kriegserklärung hatte. Der Vorsitzende des Darmstädter Citymarketing-Vereins sprach damals von einem „Fanal“ für den Einkauf in der Innenstadt. Damit dieses Fanal möglichst auch in Weiterstadt gesehen werden konnte, war sogar Darmstadts Wahrzeichen, der Lange Ludwig, bis zur Nasenspitze illuminiert worden.
Inzwischen sind fast drei Jahre ins Land gegangen und wer mit Anke Jansen spricht, der spricht mit einer entspannten Citymanagerin. Sicherlich, sagt Jansen, habe Loop 5 dem Einzelhandel in Darmstadt Umsatzeinbußen beschert. „Aber die sind weit hinter den Erwartungen von bis zu 18 Prozent zurückgeblieben“. Weder habe die Konkurrenz vor den Toren der Stadt zu einem Sterben der Fachhändler geführt noch zu höheren Leerstandsquoten. Die liege mit 3,5 Prozent deutlich unter der vergleichbarer Städte und existiere praktisch überhaupt nicht: „Was gerade leer ist, ist auch schon wieder vermietet“. Die Situation sei inzwischen vielmehr von einer großen Nachfrage nach Ladenflächen gekennzeichnet. „Wir können diese Nachfrage gar nicht mehr befriedigen. Mittlerweile haben wir sogar eine Vollvermietung im Luisencenter erreicht“, sagt Jansen.
Einstiges Kongresszentrum wird umgebaut
Dass Loop5 nicht die Bedeutung hatte, „die wir ihm zugemessen haben“, ist auch das Resümee von Moritz Koch. Der Geschäftsführer des Modehauses Henschel & Ropertz spricht nicht von Umsatzeinbrüchen, sondern von Umsatzeinbußen und die seinen „relativ klein“ gewesen. „Wir hatten Schlimmeres befürchtet“, sagt Koch im Rückblick, der dem Einkaufsriesen vor der Stadt inzwischen sogar eine positive Seite abgewinnen kann: Der Druck der Konkurrenz habe dazu geführt, dass sich die Gemeinschaft der Darmstädter Einzelhändler enger zusammengeschlossen habe und viele investiert hätten. Henschel & Ropertz selbst hat erheblich expandiert und auf 700 Quadratmetern im ehemaligen Modehaus Schrumpf sein Angebot an „Young Fashion“ erweitert. Derzeit werden gerade 8,5 Millionen Euro in den Umbau des Mutterhauses gesteckt. „Wir glauben an den Standort“, sagt Koch.
Wie sich der Einzelhandelstandort Darmstadt nach Loop 5 weiter herausgeputzt hat, lässt sich an Jansen an vielen Aspekten zeigen: An den Millionensummen, die Karstadt und Kaufhof in den vergangenen Jahren investiert hätten, an den sich stabilisierenden Ladenmieten in den 1A-Lagen oder der hohen Zahl von Filial-Neueröffnungen in den vergangenen Jahren. Namen wie Jack & Jones, Vero Moda, Vila oder Ninja seien nun auch in Darmstadt vertreten. Besonders erfreulich für die Citymanagerin: Die 2600 Quadratmeter des einstigen Kongresszentrums, die mehr als ein Jahrzehnt im zweiten und dritten Obergeschoss des Luisencenters leerstanden, werden derzeit zu neuen Handels-, Büro und Lagerflächen umgebaut. Dort entsteht auch die erste „Yeans Halle“ der Stadt. Es ist die nördlichste Niederlassung des Sindlinger Bekleidungshaus, das unter der Marke Yeans Halle bislang 16 Filialen in Deutschland betreibt. „Ohne Loop“, glaubt Jansen mittlerweile, „wäre das wahrscheinlich alles gar nicht so schnell gegangen. Das hat viele wachgerüttelt“.
Einige Wunden
Der alte Grundsatz „Konkurrenz belebt das Geschäft“ bestätigt sich auch für die IHK mit Blick auf Darmstadt. „Loop 5 hat die Innenstadtakteure eher zusammengeschweißt. Der Verein Darmstädter Citymarketing ist zu einer richtigen Erfolgsgeschichte geworden“, konstatiert Kirsten Rowedder, die sich bei der Kammer um Fragen des Stadtortmarketings kümmert. Der Hinweis auf Darmstadt City- und Stadtmarketing ist aber auch der Hinweis, dass einem im Südhessen die Früchte nicht einfach in den Schoss fallen. Die Stadt hatte 2006 begonnen, die Werbung für den Einzelhandel vollkommen neu zu strukturieren. Ergebnis ist ein Netzwerk, das aus dem Marketing-Verein, der städtischen Marketing-Gesellschaft und zahlreichen Akteuren bis hin zu Kultureinrichtungen reicht, die Hand in Hand arbeiten. In gewisser Hinsicht das sich das Fanal von Weihnachten 2009 versteigt: verkaufsoffene Sonntage, Late-Night-Shoppings, Kinderaktionen, Wissenschaftstage - der Veranstaltungskalender für die Innenstadt verzeichnet inzwischen etwa 100 Veranstaltungen im Jahr, professionell begleitet und oft koordiniert von der City Marketing Gesellschaft unter Geschäftsführerin Anja Herdel.
Freilich haben sich auch Herdels und Jansens Wünsche noch nicht alle erfüllt. So hoffen beide, dass es noch gelingen wird, in Darmstadt einen Bauernmarkt zu etablieren, der verhält, was sein Name verspricht. „Ein richtiger Bauernmarkt ist ein guter Frequenzbringer. Man kann gar nicht so viele Marketing-Veranstaltungen machen, um diese Wirkung zu erzielen“, sagt Herdel. Das sieht auch Rowedder so, die hofft, dass die Stadt weiter in die Gestaltung der Fußgängerzone investiert. „Darmstadt kann über Stadtgestaltung Einmaligkeit schaffen und Profil gewinnen. Da kann noch vieles passieren, nicht nur am Friedensplatz“, meint Rowedder, die damit offene Türen einrennt.
Auch Koch vermag auf Anhieb drei, vier „Wunden“ nennen, die geheilt werden müssten, etwa die seit fast zwei Jahren langsam sterbende Markthalle mitten in der Innenstadt. Ein trauriger Anblick, der so gar nicht zu Darmstadts Aufbruch passt.