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Einführung in die Welt der Kunst „Die Kinder haben die Galerie erobert“

Sophia Edschmid zeigt sozial benachteiligten Kindern aus dem Bahnhofsviertel die Welt der Kunst. Nun zeigt die Heussenstamm-Galerie deren Werke.

© Wonge Bergmann Eingerahmt: Michelle erklärt den Besuchern der Ausstellung ihre Bilder.

In dem kleinen, weiß gestrichenen Raum im Untergeschoss der Heussenstamm-Galerie ist viel los: Menschen drängen aneinander vorbei, lachen und reden, während sie versuchen, der mit Bildern behängten Wand etwas näherzukommen. Zwischen den Erwachsenen stehen ein paar Kinder. Sie heißen Milan, Steven, Elias und Michelle und haben die Werke gemalt. Gelassen und selbstsicher erklären sie den Besuchern, was auf ihnen zu sehen ist. Kurz zuvor hat Elias bei der Eröffnung der Ausstellung erzählt, was „Movida“ heißt. Das Wort komme aus dem Spanischen und bedeute „Bewegung“. Es sei ein guter Titel für die Ausstellung, denn sie, die Künstler, seien auch immer in Bewegung.

Sophia Edschmid hat „Movida - alles was besonders ist“ ins Leben gerufen. Sie hatte die Idee, mit sozial benachteiligten Kindern aus dem Bahnhofsviertel zusammenzuarbeiten. Über einen dort ansässigen Verein hatte sie Kontakt zu ihnen aufgenommen und angeboten, einmal in der Woche mit ihnen ins Museum zu gehen, damit sie ein selbstsicheres Verhältnis zur Kunst entwickeln. Dass sie die Möglichkeit haben würde, die Ergebnisse dieses Projekts in der Heussenstamm-Galerie zu zeigen, verdankt sie einem Zufall. Bei der Bahnhofsviertelnacht im vergangenen Jahr wurden Fotos, die sie mit den Kindern aus ihrer Nachbarschaft gemacht hatte, ausgestellt. Dagmar Priepke, Leiterin der Galerie, war so auf die 25Jahre alte Kunstpädagogik-Studentin aufmerksam geworden.

Angst vor elitären Räumen nehmen

Edschmid hat sich seitdem jede Woche mit den Kindern in der Galerie getroffen. Dort haben sie an dem langen Holztisch in der Küche gesessen, gemalt, gebastelt und über Bilder gesprochen. Das Sprechen über Bilder ist auch das Thema von Edschmids Magisterarbeit an der Goethe-Uni. Anfangs habe sie den angehenden Künstlern Werke von Chagall gezeigt und sie beschreiben lassen, was sie sehen. „Das war nicht leicht“, sagt Edschmid. Die Kinder hätten Angst gehabt, etwas falsch zu machen. „Ich musste ihnen erst beibringen, dass es kein Richtig und kein Falsch gibt.“ Inzwischen können Milan und seine Freunde Bilder analysieren, erklären, was Vorder-, Mittel-, und Hintergrund sind und ausdrücken, welche Assoziationen die besprochenen Bilder bei ihnen auslösen. „Das war eines der Ziele, die ich hatte“, sagt Edschmid.

Als zweites Ziel hatte sie sich gesetzt, den Drittklässlern, die überwiegend südamerikanische Wurzeln haben, die Angst vor elitären Räumen, wie einer Kunstgalerie, zu nehmen. „Beim ersten Besuch haben sie die Schuhe ausgezogen und wussten nur, was sie in einer Galerie alles nicht tun dürfen.“ Das habe sich geändert, die Kinder hätten den Raum schnell erobert und ließen sich nicht mehr von der Kunst einschüchtern. „Sie wissen jetzt, dass ihre Worte Relevanz haben.“

Thema ist der Berufswunsch

Die neu erlernte Professionalität der jungen Künstler zeigt sich auch in der Ausstellung. Jedes der Bilder, darunter Collagen und Buntstiftzeichnungen, ist gerahmt und mit Namensschild und Titel versehen. Die Kinder haben mit den Layoutern gesprochen, die den Flyer für „Movida“ entworfen haben, Bilder aufgehängt und Texte für die Audioguides gesprochen. Diese hängen in Form von USB-Sticks an der Wand in dem kleinen Ausstellungsraum. In den Texten erklären die Kinder, was auf ihren Bildern zu sehen ist. Edschmid hat ihnen beigebracht, die Erläuterungen mit „ich sehe“ anstelle von „man sieht“ anzufangen. Es sei wichtig, dass die Kinder lernen, andere Meinungen zu akzeptieren, und dass diese subjektiv sind.

Die Aufnahmen der Kinder sind so verschieden wie ihre Bilder. Sie alle eint aber ein Thema: der Berufswunsch. Michelle möchte Sängerin werden und hat sich selbst mit ihren langen, schwarzen Zöpfen auf einer Bühne gemalt. Das Geld, das sie später verdient, möchte sie an Arme abgeben, die sich nicht so viel leisten können. Milan will Essen für die Frankfurter Tafel ausfahren. Steven möchte Fußballtrainer für arme Kinder werden.

Lampenfieber in den Griff bekommen für Karriere als Sängerin

Die soziale Ader der Künstler erklärt Edschmid sich mit den Umstände, in denen die Kinder, die sonst selten mit Kultur in Berührung kommen, aufwachsen. Umso mehr freut es die Studentin, dass ihre Schüler nicht nur Bilder von berühmten Künstlern besprechen, sondern jetzt auch selbst besprochen werden.

Das Malen habe die Kinder auch dazu angeregt, über sich nachzudenken, sagt Edschmid. Etwa Michelle, die weiß, dass sie ihr Lampenfieber in den Griff bekommen muss, wenn sie eine Karriere als Sängerin starten möchte und deswegen schon fleißig mit dem Videospiel Singstar übt. Oder Steven, der sich als eine Mischung aus Hai und Delfin gezeichnet hat. Der Hai symbolisiere seine dunkle, der Delfin seine gute Seite, erklärt er.

Einen Film mit den Kindern drehen

Der acht Jahre alte Milan, der in die dritte Klasse der Frauenhofschule in Niederrad geht, hat sich vor allem mit Picasso beschäftigt. Edschmid hatte ihm eine Kopie der „Weinenden Frau“ gezeigt. „Die hat ihm so gut gefallen, dass er ihr gleich eine ganze Familie gemalt hat, die dem Original zum Teil verblüffend ähnlich sieht“, erzählt die Studentin.

Milan hat auch ein Bild von Sophia Edschmid gemalt. „Sie ist irgendwie so leicht zu malen“, sagt er. Er wünscht sich, dass der Ausstellung noch weitere Kunstaktionen folgen. Edschmid hätte nichts dagegen. Kunstlehrerin an einer Grundschule wolle sie erst werden, wenn gar nichts anderes mehr geht. Vorerst hat sie andere Pläne: „Ich würde gerne einen Film mit den Kindern drehen, aber wann genau, ist noch unklar. Und ein Bilderbuch rausbringen.“ Aber erst im nächsten Jahr, wenn sie ihr Studium abgeschlossen hat.

Die Ausstellung ist noch bis Ende Juni in der Heussenstamm-Galerie, Braubachstraße 34 zu sehen.

Quelle: F.A.Z.

 
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