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Ein Jahr lang das gleiche T-Shirt Modeaskese als Selbsterfahrung

Eine Darmstädter Schülerin trägt seit einem Jahr das gleiche T-Shirt und sagt: „Es stärkt das Selbstvertrauen.“

© Sick, Cornelia Vergrößern Eins von zehn: Rebecca Berker in ihrem T-Shirt.

Rebecca Berker und Laura Dekker würden sich sicherlich gut verstehen. Zwar hat die 17 Jahre alte Darmstädterin nicht mit einem Segelboot die Welt umrundet wie die 16 Jahre alte Holländerin. Aber den Hang zum Abenteuer und die Leidenschaft für das persönliche Experiment besitzt auch Berker. Vor einem Jahr war sie gerade vor Borneo, um im Rahmen des „Young Explorers Programm“ künstliche Korallenbänke anzulegen und Vorträge über Ökotourismus und Nachhaltigkeit zu halten. Vom 14. bis zum 27. Januar dauerte ihr Einsatz auf der Segeljacht Pangaea, die der Extremsportler, Abenteuer und Umweltaktivist Mike Horn hat bauen lassen, um Jugendliche zu „Botschaftern der Erde“ zu machen.

Rainer Hein Folgen:  

Gegenwärtig ist Berkers Tagesablauf eher mitteleuropäisch geprägt, bereitet sie sich doch gerade auf ihr Abitur vor - als jüngste Schülerin des G8-Jahrgangs an der Eleonorenschule. Alltäglich ist das Erscheinungsbild der Schülerin gleichwohl nicht, was man allerdings nur bemerkt, wenn man sie öfter sieht. Berker trägt seit mehr als 330 Tagen ein und dasselbe T-Shirt mit der Aufschrift „i am rebecca“. Genau genommen sind es zehn identische Shirts, denn nur eine Textilie würde sonst schnell zum Schweißtuch degenerieren. Was aber nichts an der Idee ändert, ein Jahr lang konsequent dem Mainstream unter den Jugendlichen ihres Alters und deren Konsumverhalten zu widerstehen und gleichzeitig für ein sozial-ökologisches Projekt zu werben. Die Idee hat ihren Ursprung in Neuseeland, wo zwei Jugendliche vor fünf Jahren die Wette abschlossen, diese Form der Modeaskese ein Jahr lang durchzuhalten. Daraus ist eine weltweite Kampagne unter dem Slogan „i am challenge“ entstanden, an der momentan Schüler und Studenten aus 19 Ländern teilnehmen. Aus Deutschland kennt Berker zwei andere Jugendliche, deren Outfit sich seit Monaten gleicht.

Kleider machen Leute“ gelte nach wie vor

„In den ersten Wochen war es für mich komisch“, erzählt sie über ihre Erfahrungen als Modeverweigerin. „O Gott, habe ich gedacht, das geht nie zu Ende. Zwischendrin war es mir dann irgendwann egal, jetzt freue ich mich langsam darauf, bald wieder einmal etwas anderes anzuziehen.“ Immer im gleichen T-Shirt herumzulaufen ist im Alter von 17 Jahren nicht ganz einfach. In der Schule sei sie anfangs von vielen angesprochen worden. „Manche haben gedacht, ich werde zum Freak, aber die meisten haben es irgendwann angenommen, dass ich mit dem Shirt langsam verwachse.“ Auch im Freundeskreis sei die Resonanz eher positiv gewesen: „Natürlich war ich mit dem T-Shirt auch auf Hochzeiten, Konfirmationen und Beerdigungen und da natürlich total underdressed. Aber die Leute wussten, warum ich das mache und fanden das in Ordnung.“

Berker ist aufgefallen, wie sehr die Haltung „Kleider machen Leute“ für viele Menschen nach wie vor gilt. Deswegen sei wohl keiner ihrer Mitschüler bereit gewesen, sich an der Kampagne zu beteiligen: „Das hängt auch mit dem Selbstbewusstsein zusammen. Für mich sind Klamotten eben nicht so wichtig, sondern Themen wie Umweltschutz und Nachhaltigkeit.“ Aus dem einjährigen Selbstversuch gehe sie jedenfalls noch selbstbewusster heraus: „Heute kann ich sicher sagen, dass meine Freunde mich nicht nur aufgrund meiner Klamotten mögen. Mir ist es auch egal, was andere darüber denken. Außerdem habe ich ein anderes Verhältnis zu materiellem Eigentum aufgebaut. Wenn man eines von zehn T-Shirts verliert, die man tragen kann, dann tut es doppelt weh.“

Existenzminimum von Slumbewohnern

Berkers Selbstexperiment endet am 1.Februar. Dann wird es auch in ihrer Kasse klingeln, da die zu Beginn der Aktion mit Freunden und Verwandten abgeschlossenen Geldwetten fällig werden. Auch das ist ein Element der Kampagne - Wetten abzuschließen, um anschließend die Einnahmen sozial-ökologischen Projekten zukommen zu lassen. Berker will den Einsatz des Geldes nach ihrem Abitur selbst in die Hand nehmen. Bevor sie mit dem Studium der Umweltwissenschaften beginnt, hat sie vor, ein Jahr lang durch die Welt zu reisen, um ein Praktikum in einer Straßenschule in Afrika zu machen oder in einer Station zur Aufzucht von Meeresschildkröten zu helfen.

Berker ist - Abitur hin, Abitur her - auch nach wie vor aktiv im Jugendforum Darmstadt und in der Evangelischen Jugendvertretung in der Propstei Starkenburg. Die Zeit nach den mündlichen und schriftlichen Prüfungen bis zum Abiball will sie nutzen, um entweder eine Woche lang mit dem Existenzminimum von Slumbewohnern der Dritten Welt auszukommen oder aber mit dem zu leben, was sich in Darmstädter Mülltonnen findet. Und natürlich sucht sie weiter Baumpaten für ein Wiederanpflanzungsprojekt im Darmstädter Westwald, das an ihrem Nachhaltigkeitskurs an der Schule entstanden ist. Bei alldem eifert Berker nicht dem heiligen Franziskus nach. Ihr ist vielmehr die Art der persönlichen Erfahrung wichtig: „Die Jugend verliert sonst den Draht zur Natur und zur Ökologie.“ Auch später, als Umweltwissenschaftlerin, will sie dieser Entfremdung pädagogisch entgegenwirken.

Quelle: F.A.Z.

 
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