Plaudernd sitzen sie in den grauen Sesseln mit den gelben Nackenkissen der Economyklasse. Neun Damen und ein Herr haben sich auf vier Reihen verteilt. Plötzlich durchfährt ein heftiger Ruck das Flugzeug. Es kracht hinter den Toiletten. Ein Dröhnen erfüllt die Kabine, die plötzlich kräftig durchgeschüttelt wird. Dichte Rauchschwaden quellen oberhalb der Gepäckfächer heraus, die Sauerstoffmasken fallen herunter. Routiniert greifen die Damen nach den Masken, ziehen sie mit einem Handgriff über den Kopf und sehen sich vergnügt um. Der Herr in der ersten Reihe kann sich vor Lachen kaum halten.
Der Simulator des Lufthansa Flugtraining Zentrums am Frankfurter Flughafen hat an diesem Tag besonderen Besuch. Die älteren Herrschaften sind alle ehemalige Flugbegleiter der Fluggesellschaft. Sie sind zwischen fünfundsiebzig und neunundsiebzig Jahre alt und haben gemeinsam den Lufthansa-Flugbegleiter-Lehrgang in Hamburg absolviert - von April bis September 1959.
„Sehr hohe Ansprüche“
Sie sind die einzigen, die von Ursula Tautz, der ersten Chefstewardess der Lufthansa nicht nur handverlesen, sondern auch persönlich unterrichtet worden sind. Trude Klaus, die Tautz als Leiterin der Flugbegleiterauswahl einst abgelöst hatte, begleitet die Gruppe.
„Ursula Tautz hat bei der Lufthansa Qualitäts-Maßstäbe für die Zukunft gesetzt“, sagt der ältere Herr. Er heißt Otto Duve und war einer der beiden Männer des Lehrgangs. „Erstklassiger Service an Bord war ihr sehr wichtig. Sie hat uns alles beigebracht, was man als Flugbegleiter wissen muss. Deshalb ist der 17. Lehrgang auch der bestausgebildete - wir haben uns immer als etwas Besonders betrachtet“, sagt er und lächelt stolz. Duve war bis 1966 als Kabinenchef bei der Fluggesellschaft tätig. „Fräulein Tautz hatte sehr hohe Ansprüche an uns “, sagt auch Ute Hilburg, die bis 1965 als Flugbegleiterin bei Lufthansa gearbeitet hat. Schon im Auswahlprozess seien die Anforderungen sehr hoch gewesen. In den Bewerbungsgesprächen mussten die Kandidaten Hemingway aus dem Deutschen ins Englische zurück übersetzen und wurden zu Russischer Literatur befragt. Das Beherrschen mindestens zweier Fremdsprachen war gefordert, ebenso das Abitur. „Fräulein Tautz hat nach dem römischen Prinzip entschieden, wer bei der Lufthansa als Flugbegleiter arbeiten durfte: Daumen hoch oder Daumen runter“, erinnert sich Duve.
Das Wasser ist 28 Grad warm
Renate Bischoff fächert sich im Flugsimulator lachend den Disconebel aus dem Gesicht. Bis 1962 war sie Oberstewardess bei Lufthansa. „Schaut! Da sind Haifische!“, ruft sie und zeigt auf die Fensterluken. Die kleinen Bildschirme dahinter untermalen die simulierte Wasserlandung mit einem dunkelblauen Meer, passend dazu wiegt die Kabine leicht auf den Wogen hin und her. Erika Roth, die neben ihr sitzt, ruft begeistert: „Seht euch das an! Das ist unglaublich. Flugsimulationen hat es bei uns in der Ausbildung nicht gegeben.“ Sie hat nach dem Lehrgang in Hamburg bis 1972 als Kabinenchefin bei Lufthansa gearbeitet. „Die Technik ist heute unglaublich. Dafür war bei uns in der Ausbildung alles sehr exklusiv“, sagt sie und erzählt, dass eine Gräfin ihnen beigebracht habe, wie man Adlige oder etwa den Papst anspricht. Und der Chefarzt des Hafenkrankenhauses in Hamburg habe ihnen persönlich Unterricht in Erster Hilfe erteilt.
Inzwischen ist die ganze Gruppe aus dem Flugsimulator ausgestiegen und steht in der Halle des Lufthansa Flugtraining Zentrums vor einem großen gelben Tor. Mit lautem Sirenengeheul schieben sich die gut acht Meter hohen Türflügel zur Seite, dahinter verbirgt sich ein riesiges Schwimmbad. Walter Roloff, Leiter der Führung, erklärt, wie in den heutigen Ausbildungsgängen die Seenotübung abläuft. Auch er ist ein ehemaliger Kabinenchef der Lufthansa. „Das Wasser im Schwimmbad ist 28 Grad warm, an der Decke sind Duschbrausen befestigt. So simulieren wir Regen auf See, und ihr solltet mal sehen, wie schnell die Damen dann die orangen Dächer über den Rettungsbooten aufgebaut haben“, sagt Roloff und erntet Gelächter. „Die Seenotübung in einem Pool mit 28 Grad? Wir sind an die Ostsee gefahren und haben da bei Wellengang in etwa 8 Grad kaltem Wasser die Übungen gemacht“, erzählt Bischoff. Sie erinnert sich trotzdem gerne daran zurück. „Schön war‘s“, sagt sie, „nach der Übung gab es immer heiße Erbsensuppe.“
Ein unerreichbarer Traum
Die Lufthansa war nach dem Zweiten Weltkrieg 1955 neu gegründet worden und Ende der fünfziger Jahre erst im Aufbau. Die Stewardessen und Stewards, offiziell Flugbegleiter genannt, waren damals die eigentlichen Repräsentanten der Fluggesellschaften. Es war ein glanzvoller Beruf und das Fliegen etwas Exklusives, daran erinnern sich Duve und seine ehemaligen Kolleginnen genau. Die Passagiere haben sich für die Flüge noch schick gemacht. Zu der Zeit kam keiner auf die Idee, sich in der Jogginghose in ein Flugzeug zu setzen. Kaum ein Frauenberuf versprühte so viel Glamour, wie der der Flugbegleiterinnen. In Hochglanzmagazinen berichteten sie von den exotischen Orten, die sie bereisten und wurden in ihren adretten Uniformen abgelichtet und gefilmt - sie rangierten auf derselben Ebene wie Mannequins und Schauspielerinnen.
Auf dem Weg zu einem der gewaltigen Hangars, wo auf dem Frankfurter Flughafen nun die Besichtigung eines Airbus ansteht, berichten die ehemaligen Lufthanseaten von ihren Erlebnissen. Ute Hilburg etwa erinnert sich, wie sie an der Copacabana auf einer Terrasse mit Meerblick Papaya gegessen hat. Für die meisten Deutschen im damals noch vom Krieg gezeichneten Land ein unerreichbarer Traum. „Es war aber auch harte Arbeit. Auf Kurzstreckenflügen sind wir ganz schön ins Schwitzen gekommen“, sagt Hilburg. „Zudem hatte damals ja nicht jeder ein Telefon. Wenn ich Standby-Dienst hatte, musste ich in Mamolshain mit dem Fahrrad zur Poststelle fahren und neben dem Telefon warten. Zwei, drei Stunden saß ich strickend da, und wartete, bis ich sicher sein konnte, dass die Crew komplett war“, erzählt sie.
Heute wollten sie nicht mehr Flugbegleiter sein
Auf der Werft angelangt, führt Roloff die Gruppe durch den Airbus 340-600, die Treppe hinunter ins Unterdeck, und zeigt ihnen die Bordküche der Economyklasse. Auf Langstreckenflügen habe heute jedes Crew-Mitglied Anspruch auf eine Ruhezeit im Liegen, sagt er und erläutert, wie die Arbeits- und Ruhepausen gegliedert sind. „Das ist ja richtige Schichtarbeit“, rufen die Frauen dazwischen. Sie haben sich praktisch nie zurück gezogen - sie waren Gastgeberinnen an Bord, wie „die Tautz“ ihnen stets eingebleut hat. Sie haben sich rund um die Uhr um die Gäste gekümmert und dafür gesorgt, dass sich jeder Gast wie ein König fühlte.
Nach der Flugzeug-Besichtigung geht es mit dem Bus zum Terminal 1. Alle sind sich einig: Heute würden sie nicht mehr als Flugbegleiterinnen arbeiten wollen. Ein Traumberuf ist es ihrer Meinung nach nicht mehr, viel zu kurz seien die Aufenthalte in den fernen Ländern, die Flugzeuge und die Besatzungen zu groß. Denn sie alle haben den Drang nach der großen, weiten Welt gespürt und haben es genossen, den Globus im „familiären Kreise“ der damaligen Lufthansa zu erkunden. Auch die Fluggäste sind andere gewesen. Touristen hat es noch nicht gegeben. Ein erlauchter Kreis von Geschäftsreisenden und der gehobenen Gesellschaft ist es gewesen, der geflogen ist und die Arbeit der Flugbegleiterinnen geschätzt und geachtet hat. Erst die rasante Expansion der Fliegerei Anfang der Siebziger und der Einsatz der Jumbos hat ein anderes Publikum in die Flieger gespült.
Eine Kiste Wein vom Bundespräsidenten
Unangenehme Gäste habe es aber auch unter diesen ihnen gegeben, berichtet Bischoff. Etwa Erich Mende, der 1960 bis 1968 Vorsitzender der FDP gewesen ist. „Über den haben wir uns immer geärgert! Er war schroff und hat gemeckert. Dabei war er ein so schöner Mann“, schiebt sie nach. „Wisst ihr noch, Freddy Quinn? Der ist immer nach hinten gekommen und hat uns geholfen“, wirft Roth dazwischen.
Beim Mittagessen werden weitere Geschichten ausgegraben. Geschenke für guten Service in Form einer Kiste Wein vom Bundespräsidenten Lübke etwa, Begegnungen mit dem Schah von Persien und Romy Schneider oder Charme-Offensiven von Maximilian Schell. Erinnerungen werden wach gerufen, Augen leuchten, Hände fliegen durch die Luft, herzliches Lachen und wehmütige Seufzer schweben über dem Tisch.
Der blaue Salon
Danach besucht die Gruppe noch den Lufthansa Crew-Bereich, ihr ehemaliger Arbeitsort. Roloff führt Duve und die acht Frauen durch das Crew Check-in und erklärt, was heute alles per Computer erledigt wird, das früher mühsam vor jedem Flug aus Büchern und Mappen von den Flugbegleitern zusammen gesucht werden musste. Schließlich stehen alle vor dem Mitarbeiter-Restaurant.
„Und das kennt ihr alle noch aus den frühesten Tagen der Lufthansa-Fliegerei: Der blaue Salon“, sagt Roloff. So wurde das Restaurant in den fünfziger Jahren genannt, weil es mit blauem Mobiliar bestückt war. Intern sei dieser Name all die Jahre weiter getragen worden. Daran erinnern heute nur noch die blauen Neonleuchten, die den Schriftzug „Crew Lounge“ über den Eingang ziehen. Helga Rakow, die einzige des Lehrgangs, die bis zu ihrer Pension bei Lufthansa als Kabinenchefin gearbeitet hat, geht hinein und lässt ihren Blick langsam durch den Raum gleiten. Sie mustert die Flugbegleiter und Piloten, die plaudernd in der Lounge sitzen. Eine junge Frau in nachtblauer Uniform schiebt sich mit einem Rollköfferchen an ihr vorbei und eilt den Gang hinunter. Rakow folgt ihr mit ihrem Blick; auf den Gehstock gestützt murmelt sie leise in sich hinein: „Ich möchte auch wieder fliegen.“