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Ehec Der verflüchtigte Erreger

21.01.2012 ·  Sechs Monate nach dem Ende der Ehec-Epidemie ist auch die Welt um den Erlenbach in Frankfurt wieder in Ordnung.

Von Mechthild Harting, Frankfurt
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An die Aufregung um das friedliche Gewässer wird nur ein Spielplatz erinnern. Die Meldung erreichte Frankfurt an einem Freitag am späten Nachmittag. Im Erlenbach im Norden Frankfurts „ließ sich der gefährliche Ehec-Keim O104:H4 nachweisen“, teilten das hessische Sozial- und Umweltministerium am 17. Juni 2011 mit. Die Nachricht kam zu einer Phase, als das Schlimmste schon überstanden schien. Eine benachbarte Schule sagte sofort ein für den nächsten Tag geplantes Fest ab. Kleingärtner, die Wasser für ihre Pflanzen aus dem idyllisch gelegenen Bach schöpften, bangten, ob sie den Keim schon zu sich genommen hätten.

Noch sechs Wochen zuvor hatte kaum einer den Erreger Ehec O104:H4 gekannt. Am Ende mussten die Behörden eine traurige Bilanz ziehen: 53 Menschen starben, 4000 waren erkrankt. Allein in Hessen hatten sich 54 Menschen mit dem sogenannten hämolytisch-urämischen Syndrom infiziert, ein Mann war gestorben.

Alles wieder im Lot?

In Frankfurts Stadtteil Nieder-Erlenbach, mit einem Mal bundesweit in den Schlagzeilen, ist längst wieder der Alltag zurückgekehrt. Für Ortsvorsteher Matthias Mehl ist nur die Erinnerung an den Schrecken geblieben, an den Umsatzeinbruch bei den Gemüsebauern im Ort und das bittere Gefühl, ungerechtfertigt in „Verruf“ geraten zu sein.

Mitte August hatten die Nieder-Erlenbacher fast nebenbei in einer Ortsbeiratssitzung erfahren, dass der Leiter des Frankfurter Gesundheitsamts, René Gottschalk, der Meinung war, dass sich im Erlenbach im Juni keine anderen Keime befunden hätten als sonst auch. Ehec habe es immer mal wieder gegeben. Es fehle an Beweisen, dass der gefährliche Erreger sich darunter befunden habe. „Es gab keinen neuen Sachstand“, sagt Gottschalk auf Nachfrage, „ich hätte die Warnmeldung so nicht herausgegeben.“ Mehl spricht deshalb von einer „Falschmeldung“, die die Landesregierung am 17. Juni veröffentlicht habe.

„Die Frage, ob in diesen Proben der Erreger vorhanden war und nicht isoliert werden konnte, ist noch ungeklärt“

Das einzig Positive für die Nieder-Erlenbacher: Sie erhalten für ihre Kinder am Erlenbach eine kleine Wasserspielanlage, an der man sich hinterher mit Trinkwasser reinigen kann. Das hat ihnen die Stadt Frankfurt, als kleine Wiedergutmachung, zugesagt. Weil, Ehec O104 hin oder her, der Kontakt mit einem solchen Gewässer immer das Risiko von Infektionen berge, zumal, wenn wie im Fall des Erlenbachs, von einer Kläranlage aufbereitetes Wasser eingeleitet werde. Sie steht auf Bad Homburger Gemarkung in Ober-Erlenbach, nicht weit entfernt von der Stelle, wo man die vermeintlich gefährliche Probe entnommen hatte.

Ob der Ehec-Erreger tatsächlich in Proben aus dem Erlenbach nachgewiesen oder ungenau analysiert wurde, das ist bis heute eine Frage der Anschauung geblieben. Einen wissenschaftlichen Beweis, dass der Erreger im Erlenbach war, gibt es jedenfalls nicht. Das bestätigt das Bundesinstitut für Risikobewertung in seinem im Dezember vorgelegten Abschlussbericht zur Ehec-Epidemie. Ein Schnelltest habe einen Hinweis auf den gefährlichen Keim angezeigt, dieser Befund sei aber bei der eingehenden Untersuchung nicht bestätigt worden. „Die Frage, ob in diesen Proben der Erreger vorhanden war und nicht isoliert werden konnte, ist noch ungeklärt“. Und weiter: Auch die Untersuchung von Wasserproben „bedarf weiterer Forschungsarbeiten“. Mit anderen Worten: Die Information des in Berlin ansässigen Bundesinstituts, die am 17. Juni das Frankfurter Gesundheitsamt und die Wiesbadener Ministerien erreichte, basierte ausschließlich auf dem Ergebnis eines Schnelltests.

Man habe „sehr zurückhalten gehandelt“

Noch heute ist man in Wiesbaden überzeugt, es sei damals richtig gewesen, sofort zu warnen. Man habe „sehr zurückhalten gehandelt“, Panikmache sei den Ministerien nicht vorzuhalten. Tatsächlich hieß es in der Meldung vom 17. Juni, die Trinkwasserversorgung sei nicht betroffen, schon früher seien Keime im Bach gefunden worden, darunter Ehec. Der Keim O104:H4 könne nur zu Darminfektionen führen, wenn er in „ausreichenden Mengen“ aufgenommen werde. Das sei in Fließgewässern unklar.

Formulierungen, die kaum geeignet waren, die Anwohner des Erlenbachs zu beruhigen. Bei ihnen blieb nur hängen: „Der gefährliche Ehec-Erreger ist im Erlenbach.“ Da gab es kein „könnte sein“ oder „ein erster Test ergab“.

„Es war eine extreme Situation“

Das Bundesinstitut ist ebenfalls überzeugt, richtig gehandelt zu haben. 652 Proben habe man damals untersuchen müssen, mit Hochdruck nach dem Lebensmittel gesucht, das die Keime übertrug. „Es war eine extreme Situation“, sagt ein Institutssprecher. Und er fügt hinzu, man verstehe sich als eine wissenschaftliche Behörde, die ihre Ergebnisse an die zuständigen Stellen in den Ländern weiterleite. Die müssten entscheiden, ob die Bevölkerung gefährdet sei. Im Zweifelsfall, so der Sprecher, müsse bereits bei einem Anfangsverdacht gewarnt werden, auch wenn er sich später nicht bestätigt. Nach dem Prinzip: Sicherheit zuerst.

Der Leiter des Frankfurter Gesundheitsamts war offenbar der Einzige, der das Ergebnis des Schnelltests und seine Methode anzweifelte. Er war es dann auch, der von Berliner Behörde erfuhr, dass sich der Ehec-Verdacht nicht bestätigt hatte. René Gottschalk, ein Infektiologe, gab die Entwarnung Anfang Juli an die Frankfurter Ärzteschaft weiter. Doch er informierte nicht Umweltdezernentin Manuela Rottmann (Die Grünen), seine Chefin. Die erfuhr von dieser Einschätzung Gottschalks erst, als er dies bei besagter Ortsbeiratssitzung im August öffentlich machte. Rottmann geriet ins Kreuzfeuer, man warf ihr vor, sie habe die Entwarnung nicht an die Bevölkerung weitergegeben. Rottmann wehrte sich, sie sei keine Mikrobiologin und habe keinen Grund gehabt, die Unterschungsmethode des Bundesinstituts anzuzweifeln. Wenn diese mitteilten, der Erreger sei nachgewiesen und das Ministerium darauf reagiere, habe sie dem nichts hinzuzufügen. Schließlich hätten zu diesem Zeitpunkt Menschen auf Intensivstationen um ihr Leben gekämpft. Gerade in Krisen „ist es wichtig, dass man sich an Zuständigkeiten hält“. Sie könne die Frankfurter nicht vor den Folgen der von den Behörden auf Bundes- und Landesebene vereinbarten Informationskette schützen.

Sie will sich dafür einsetzen, derlei Schnellschüsse möglichst zu verhindern. Wie eine bessere Balance zwischen der notwendigen Warnung vor großen Gefahren und verfrühtem Alarmismus gefunden werden kann, das steckt nach wie vor in den verschlungenen Kanälen zwischen den Dienststellen und Instituten fest. Die Lehren aus Ehec und dem Erlenbach werden wohl noch einige Zeit auf sich warten lassen.

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Jahrgang 1961, Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

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