28.01.2012 · Viele Motive in den Werken Munchs haben ihren Ursprung im Badeort Åsgårdstrand. Wie man vom 9. Februar an auch in der Ausstellung mit seinen Werken in der Schirn sehen wird.
Von Michael HierholzerDas Meer hat eine bleierne Farbe, der Himmel auch, ein Schneesturm weht über Åsgårdstrand am Oslofjord. Eine sanft geschwungene Küstenlinie, ein hügeliger Flecken mit schmucken bunten Holzhäusern, eine Sommerfrische im Gestöber der weißen Flocken. Ein kaltes Idyll, gewöhnlich eine Autostunde von der norwegischen Hauptstadt entfernt, an diesem Januartag jedoch hat der Bus wegen der Witterungsverhältnisse mehr als doppelt so viel Zeit gebraucht.
Der Ort wirkt menschenleer, die Uferpromenade liegt verlassen da, niemand ist auf dem Steg, der aufs Wasser hinausführt, einer kunsthistorisch bedeutsamen Brücke ins Nirgendwo. Edvard Munch hat ihn immer wieder gemalt, mit Gruppen von Spaziergängern, aufgeputzten jungen Frauen im Gespräch, mit einsamen Menschen und mit einer Figur, deren Gesichtszüge sich auflösen vor Angst, Einsamkeit und Verzweiflung. „Der Schrei“, von dem es mehrere Versionen gibt, ist eine Ikone der Moderne, wo es kein Heil gibt, nirgends.
Eifersucht, Verlassenwerden, Melancholie, Umarmungen von Liebenden, die schon aussehen wie der Tod, Sterbenskranke mit irrlichternden Augen, Eros als Verderben, das Erwachen der Lust als Anfang aller Höllenqualen: Munch hat die psychischen Abgründe ausgeleuchtet und in düsteren Farben auf Leinwand oder Papier gebracht. Und selbst dann, wenn er sich Sujets wie Tanzvergnügungen, Obstgärten oder baumbestandenen Landstraßen widmet, lauert das Verhängnis in der Szenerie. Aber so universell die Gefühlslagen sind, denen Munch Farbe und Form gibt, so sehr bezieht er sich stets auf das, was er kennt. Immer wieder auf Åsgårdstrand, wo er sich seit 1885 regelmäßig aufhielt. Die Steine am Strand, der Blick auf die Küste, die Alleen finden sich in den Arbeiten des expressionistischen Meisters.
Ingebjørg Ydstie, die Direktorin des Osloer Munch-Museums, stapft tapfer durch den Schnee, zieht an ihrer Zigarette und weist unermüdlich auf Straßenzüge und Ansichten hin, die in Munchs Bildern wiederkehren. Die von ihr geleitete Institution beherbergt einen Nationalschatz Norwegens: Munch, der zeit seines Lebens sehr zögerlich beim Verkauf seiner Bilder, seiner „Kinder“, wie er sagte, war, hat seinen gewaltigen Nachlass der Stadt Oslo vermacht. Im Depot des viel zu klein gewordenen Museums reiht sich ein grandioses Werk an das nächste. Viele davon sind gerade auf Reise. Die Munch-Schau im Pariser Centre Pompidou hat fast eine halbe Million Menschen angezogen. Nun kommt die Ausstellung, leicht verändert, in die Frankfurter Schirn. Darunter etliche Arbeiten, die in Åsgårdstrand entstanden sind oder dort ihren motivischen Ursprung haben.
In einem Fenster ist eine Reproduktion des „Schreis“ zu sehen, ein wenig weiter ziert das Bild einen Briefkasten. Die Gemeinde hat Munchs Haus erhalten, wie er es zurückgelassen hat. Von den gutbetuchten Gästen, die heute Åsgårdstrand besuchen, würde es niemand als Feriendomizil buchen, denn der Komfort entspricht dem Vorkriegsstandard. Einfache Möbel, ein unförmiger Telefonapparat, Regale mit allerlei Medizin.
Åsgårdstrand liegt auch in der Kantine der Freiaschokoladenfabrik mitten in Oslo. Ein Fries mit lauter Szenen aus dem Ort am Meer geben dieser Verköstigungshalle für die Mitarbeiter ein einzigartiges Flair. 1921 bekam Munch den Auftrag, zwölf Bilder für den Speiseraum der Frauen und sechs für den der Männer zu malen. Es kam jedoch nur zu der Ausstattung der Frauenkantine mit einem Dutzend Gemälde. Das andere große verwirklichte Projekt seiner Kunst im halböffentlichen Innenraum ist die Ausgestaltung der Aula in Oslos Universität mit Allegorien der Alma Mater und der Wissenschaften. Was wirkt wie Fresken, sind riesige Leinwandbilder. Eine andere anziehende Stätte für Munch-Freunde könnte sein Wohnhaus in Ekely sein. Es wurde jedoch in den siebziger Jahren abgerissen, was den Norwegern mittlerweile etwas peinlich ist. Das Ateliergebäude aber steht noch.