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Edelbordell am Frankfurter Kettenhofweg : Verbrechen in stilvollem Ambiente

  • -Aktualisiert am

Kettenhofweg 124 a: Vor der Villa versammelten sich nach dem Verbrechen rasch zahlreiche Fotografen und Reporter. Bild: Foto Wolfgang Eilmes

Vor 20 Jahren wurden auf grauenvolle Weise im Frankfurter Edelbordell am Kettenhofweg sechs Menschen ermordet. Es gab wilde Spekulationen über die „Russenmafia“. Getötet hatte ein Mann, systematisch.

          Der brutalste Mord der Frankfurter Kriminalgeschichte geschah vor 20 Jahren an einem Sonntag hinter denkmalgeschützter Fassade im vornehm stillen Westend. Im Haus Kettenhofweg 124 a nahmen am 15. August 1994, dem Montag danach, Dutzende von Kriminalbeamten und Kriminaltechnikern in reinweißen Spezialanzügen das Gebäude vom Keller bis unters neobarocke Dach unter die Lupe. Polizeipräsident Karlheinz Gemmer, Oberstaatsanwalt Peter Köhler und Gerichtsmediziner Hans Jürgen Bratzke äußerten sich übereinstimmend. So etwas Entsetzliches hätten sie in ihrer langjährigen Berufstätigkeit noch nicht gesehen.

          Sechs Menschen waren erdrosselt worden, die Leichen lagen mit im Todeskampf grotesk angeschwollenen Köpfen im Souterrain, im Parterre und in einem der oberen Stockwerke. Angst und Qualen der Opfer seien allenfalls zu erahnen, hieß es im Urteil des Frankfurter Landgerichts, das im Juli 1996 den damals 29 Jahre alten Moldauer Eugen Berwald wegen Raubmordes in sechs Fällen zur lebenslange Freiheitsstrafe verurteilte. Als Alleintäter. Seine vier Jahre jüngere Ehefrau Sofia wurde als Mittäterin an schwerem Raub zu sechs Jahren verurteilt.

          Als man am 15. August 1994 die sechs Leichen der Opfer fand, wurde die zuvor diskret gehandelte Adresse im Frankfurter Westend mit einem Mal Ort großen Aufsehens.
          Als man am 15. August 1994 die sechs Leichen der Opfer fand, wurde die zuvor diskret gehandelte Adresse im Frankfurter Westend mit einem Mal Ort großen Aufsehens. : Bild: Foto Wolfgang Eilmes

          350 Mark für eine Stunde

          Der Tatort, ein stilles feines Haus als Teil einer prächtigen Doppelanlage, war ein Bordell. Es gehörte dem ungarischen Geschäftsmann Gabor Bartos, der 55 Jahre alt war, als er ermordet wurde, und seiner 47 Jahre alten deutschen Ehefrau Ingrid. Sie war Eigentümerin eines bekannten Frankfurter Schreibwarengeschäfts und durchaus bereit, auf Anfrage den Standardpreis von 350 Mark für eine Stunde mit einem der Bordellmädchen als beim Finanzamt vorlegbare Ausgabenquittung für Stifte und Papierwaren zu fertigen. Die vier anderen Opfer waren die 25 Jahre alte Marina E., die 18 Jahre alte Veronika S., die 28 Jahre alte Jelena S. und die 27 Jahre alte Olga L., sie alle stammten aus der ehemaligen Sowjetunion.

          Nach den Kenntnissen der Polizei und den späteren Ergebnissen der Beweisaufnahme vor Gericht war der Bordellbetrieb ein diskret geführtes Unternehmen. Sorgfältig gefilterte Kunden aus Wirtschaft und Politik, aus Behörden und Justiz, wie schadenfroh geflüstert wurde, kamen und gingen. Schwere Limousinen wurden nicht direkt vorm Haus, sondern etwas entfernt geparkt. In der Nachbarschaft gab es kein Rätselraten, was es mit dem Haus auf sich hatte, aber niemand nahm Anstoß, weil alles geräuschlos vonstattenging. In den Geschäften der Gegend mochte man die Mädchen, sie waren freundlich, höflich und umwerfend schön.

          Tat erst keinem Einzelnen zugetraut

          Der Umgangston im Haus, wo die Kundschaft im Souterrain die Herzensdame und für die oben gebotene Leistung ein schwarzes, ein goldenes, ein pinkfarbenes oder das Balkonzimmer wählen konnte, glich dem von guten Hotels und Restaurants, höflich, entspannt, beratend, kundenfreundlich. Es konnte zuweilen sogar familiäre Wohlfühlatmosphäre herrschen im Puff. Einer der Stammkunden („ich kannte alle Mädchen“) erinnerte sich als Zeuge vor Gericht, wie er „danach“ zu einer Geburtstagsfeier mit selbstgekochten Rouladen und einem Gläschen eingeladen worden war. Nur Herren der sogenannten besseren Gesellschaft fanden Einlass, auf Empfehlung von anderen besseren Herren. Wobei natürlich Geld respektive die Lust, es zu verjubeln, über das „besser“ entschied. Die Morde wurden im Übrigen entdeckt, als ein stadtbekannter Manager montags früh mit einem fünften Bartos-Mädchen, das er für eine Wochenendreise bezahlt hatte und nun brav zurückbringen wollte, vergeblich an der Haustür klingelte, hinter der nurmehr Tote waren. Als der Mann als Zeuge vor Gericht aussagte, wollte es der Zufall, dass just eine Boulevardzeitung über ihn schrieb, seine Hobbys seien seine Familie und sein Garten. Und mit der Nonchalance des über jeden Zweifel erhabenen Gentleman antwortete ein anderer Bordellbesucher am Ende seiner Vernehmung auf die Frage, wie er den Zeugeneid leisten wolle: „Mit Gott, ich bin katholisch.“

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